FrontKulturPubertierende auf der Achterbahn

Pubertierende auf der Achterbahn

Eine Vierzehnjährige erlebt ihren Einstieg in die Sexualität wild und dramatisch: Der Spielfilm darüber, «Et au pire, on se mariera» von Léa Pool, schildert dies radikal und provokativ.

Geschickt versteckt Aïcha ihr fragiles Wesen hinter einem losen Mundwerk. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist angespannt, besonders seit diese ihren über alles geliebten Stiefvater Hakim vor die Tür gesetzt hat. Die rotzige Pubertierende fühlt sich von niemandem verstanden, bis sie eines Tages Baz kennenlernt und sich sofort bis über beide Ohren in ihn verliebt. Nur leider ist der sympathische Musiker doppelt so alt wie sie und nimmt sie zu ihrer Verzweiflung eher als kleine Schwester wahr. Sie aber ist zu allem bereit, um ihn davon zu überzeugen, dass sie ein perfektes Paar wären. Doch ihre intriganten Fantasien und chaotischen Aktionen werden ihr zum Verhängnis. – Léa Pools Film «Et au pire, on se mariera» handelt von der zerstörerischen Liebe eines jungen Mädchens zu einem älteren Mann.

Erneut ein starkes Frauenporträt von Léa Pool

Der Spielfilm «Et au pire, on se mariera» der schweizerisch-kanadischen Regisseurin Léa Pool (*1959) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sophie Bienvenue, die mit der Regisseurin zusammen auch das Drehbuch geschrieben hat. Von Léa Pool, die immer wieder mit starken Frauenfilmen auffällt, waren in letzter Zeit bei uns in den Kinos zu sehen: 2010 «La dernière fugue», 2015 «La passion d’Augustine» 2016 «Double peine»Auch im neuen Film spielen, wie stets bei Pool, grosse Darstellerinnen die Hauptrollen: diesmal Sophie Nélisse die vierzehnjährige und Isabelle Nélisse die zwölfjährige Aïcha, Karine Vanasse ihre Mutter, Jean-Simon Leduc den Freund Baz und Mehdi Djaadi den Stiefvater. – Der Film «Et au pire, on se mariera» dürfte provozieren und polarisieren, weil er auch unsere Standpunkte und Werte zur Diskussion stellt.

Ein komplexer Zugang zu komplexen Situationen

In ihrem hektischen, fiebrigen Outdoor-Kammerspiel geht Léa Pool neue Wege, um der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Titelfigur gerecht zu werden. Sie lässt die Handlung auf drei Ebenen spielen und switcht hin und her. Von Anfang bis Ende erzählt Aïcha in der Untersuchungshaft, meist in Grossaufnahme, ihr ganzes Leben, wie sie sagt. In Rückblenden wird sie als Zwölfjährige gezeigt, was mit der Vergangenheit die Gegenwart erklärt, und als Vierzehnjährige, wie sie auf Skates oder Rollschuhen durch die Strassen kurvt und zufällig Baz trifft, der sie mit ihren Erwartungen jedoch mehr oder weniger eindeutig ablehnt. Ihre Liebe auf den ersten Blick wandelt sich in eine «amour fou» und endet in einer Tragödie. Die Beziehung zwischen den beiden wird widersprüchlich und verwirrend: für Aïcha ist er ihr erträumter Liebhaber, für Baz ist sie ein kleines Mädchen, mit dem er gerne seine Zeit verbringt.

Die Sexualität der ehemals 12-jährigen Aïcha wird vom Stiefvater geweckt. Mit ihm verbringt sie, da er nicht arbeitet und viel Zeit für sie hat, zärtliche Stunden, weshalb sie ihn liebt, bis er schliesslich, erkennbar auf Zeichnungen, die ihre Lehrerin der Mutter gibt, wegen Übergriffen beschuldigt und von der Mutter zum Teufel gejagt wird.

Immer wieder aber ist es die Mutter, die mit Aïcha den Kontakt sucht. In der Pubertät werden bekanntlich auch in normalen Verhältnissen Eltern wie Kinder zu Problemen. In dieser Familie jedoch wird es noch schwieriger, da die Mutter zudem überfordert ist: Sie muss die Familie ernähren, neben der Arbeit im Spital den Haushalt besorgen, mit dem Stiefvater eine Lösung finden, den Kontakt zur Schule pflegen und soll jederzeit Ansprechperson sein für die nicht gerade pflegeleichte pubertierende Tochter auf ihrer emotionalen Achterbahn.

Aïcha wird von Baz schliesslich in Schranken gewiesen: Sie kann nicht an seine Partys kommen, weil dort Alkohol getrunken wird. Protest und Action sind ihre Antwort. Zwei Prostituierte, die in ihrer Strasse auf den Strich gehen, raten ihr, ihn eifersüchtig zu machen, dann komme er zu ihr zurück. Sofort begibt sie sich mit dem entsprechenden Outfit auf die Strasse und besteigt das erstbeste Auto eines Freiers, der sie sexuell rücksichtslos missbraucht. Bevor sie vor ihm flieht, nimmt sie sein Portemonnaie an sich, heult vor sich hin, rennt nach Hause und demoliert ihr Zimmer.

Aïchas Mutter, gefordert, überfordert

Was Aïchas Leben beeinflusst

Léa Pool erzählt in «Et au pire, on se mariera» die Geschichte einer dramatischen, ausweglosen Suche nach Identität und einer ersten Liebe, zeichnet ein glaubwürdiges Porträt eines jungen Mädchens in einer speziellen Situation. Ohne psychologische Erklärung und moralische Verurteilung, schildert sie die Schwierigkeiten, letztlich Unmöglichkeit einer partnerschaftlichen Liebe zwischen Aïcha und Baz. «Ich dachte, wir könnten endlich zusammen sein», ist Aïchas letzter Satz bei der Befragung – vielleicht symbolisch für die ewige Sehnsucht der Menschen nach Vereinigung, Liebe und Glück.

Ihre Freizeit verbringt die Pubertierende im Milieu von sympathischen, wenn auch etwas abgehobenen Prostituierten vor ihrer Wohnung, auf den menschenleeren Strassen der Stadt, in tristen, langweiligen Quartieren. Angesichts des Polizeieinsatzes am Schluss stellt eine der Dirnen ernüchtert und traurig fest, während sie die andere umarmt: «Unsere Welt geht vor die Hunde.»

Richtig schwierig wird es für Aïcha am Schluss, als Élisanne Blais, der von Baz an ihrer Stelle auserwählten Freundin, vor ihr steht. Hier erlebt sie Entwertung, letztlich Vernichtung. Wütend macht sie selbst die Nachricht, dass ihre Mutter einen Freud hat, der sich freut, sie kennenzulernen. Selbst dabei erlebt sie sich hintergangen, entwertet, allein gelassen. Daher ihre Sätze beim Zusammenbruch in der Zelle: «Ich starb fast vor Schmerz. Nicht nur ein bisschen. So weh tat mir noch nie etwas.»

Aïcha und Baz, für Augenblicke glücklich

Aussagen zum Weiterdenken

Outnow.ch: «Léa Pool beschreibt uns die Zeit der Adoleszenz eines Mädchens, welches unter erschwerten Verhältnissen aufwächst. Eine Story, wie sie jeden Tag geschehen könnte und jeden Tag geschieht. Genau das macht sie glaubwürdig.»

Cinoche.com:«Léa Pool vollbringt einen wahren Kraftakt mit diesem feinfühligen, intensiven und rauen Film, der unter die Haut geht.»

Cinéma Québec: «Der Spur von Aïcha zu folgen ist wie das Betreten eines Labyrinths, in dem man sich ebenso verirrt wie die Protagonistin selbst.»

Titelbild: Aïcha, voll pubertierend

Regie: Léa Pool, Produktion: 2017, Länge: 91 min, Verleih: filmcoopi

Vorheriger ArtikelReich mir die Hand, mein Leben
Nächster ArtikelMacht!

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel