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Die verwöhnte Gesellschaft

Gerade wird über einen gewissen Leistungsunwillen der Generation zwischen 15- und 30-Jährigen gestritten, und zwar heftiger denn je. Blickt man vom hohen Alter auf das Leben zurück, stellt sich die Frage, wie sind wir bloss in die Zeit des Lärms hineingerutscht. Das grosse Wort nach dem zweiten Weltkrieg hiess Selbsterhaltung. Lerne einen Beruf, dann bist du jemand. Die Jugendlichen waren zufrieden und stolz, wenn sie eine gute Stelle fanden und selber solche schafften.

Mit den 68igern begann sich diese Haltung zu ändern, mehr in den Städten als auf dem Land. Für den Traum der Selbstverwirklichung demonstrierten und rebellierten die Jugendlichen. Eine gewisse Ego-Aufblähung mit grossen Worten begann sich breit zu machen. Es ging um Selbstgestaltung und um ein neues Experimentierfeld für das Ego. Das Stichwort hiess Selbstintensivierung. Von der Schule aus Summerhill kam der Ruf nach einer antiautoritären Erziehung. A. S. Neill propagierte eine Pädagogik der Freiheit und ohne Zwang. «Weg von der Zwangsgesellschaft!» Den Eltern wurde weis gemacht, das Kind müsse wie ein Freund behandelt werden.

In vielen Kreisen werden die Kinder seither verwöhnt. Mit der demographischen Kurve, die nach unten zeigt, wird das Kind zum Familienkönig. Der König oder die Königin darf fordern und will verwöhnt sein. Die Verwöhnung indessen hat zwei Aspekte. Einerseits geniesst das Kind, wenn ihm alle Aufmerksamkeit und Hilfe zukommt, andererseits schwächt eine überfürsorgliche Hilfe den Ansporn auf Selbsterhaltung. Diese Ambivalenz hat zur Folge, dass die Kinder unsicherer und zugleich fordernder werden. Ach, sie sollen wieder Prüfungen ablegen, wenn sie ins Gymnasium wollen! Wie schrecklich!

Der Generationenforscher Rüdiger Maas, der mit seinen Studien nachweist, dass der Leistungswille der Jugendlichen abnimmt, prägte den Satz: «Die Jungen fühlen sich am Bewerbungsgespräch als Kunde»*. Das tönt dann so: Ich nehme diese Stelle an, wenn meine Wünsche nach Lohn und Freizeit erfüllt werden. Diese Haltung wird sogar von den Gewerkschaften gelobt mit dem Vermerk, jetzt können endlich die Arbeitnehmer Bedingungen stellen.

Dieses Lob auf die neue Verwöhnungsgesellschaft führt zu immer mehr politischen Forderungen und zu einem Verteilstaat, der auf Pump lebt. Schon soll die Schuldenbremse abgeschafft werden. Das ist wohl als besondere Art von No-future-Bewegung zu werten. Diese List des Anspruchs könnte für die Fordernden zum Bumerang werden.

Wer sich in den digitalen Medien einhaust, lebt in einer heiteren, lockeren und lauten Welt, die überspielt, was gerade geschieht. Vergessen wird, dass uns die Erden-Welt auf Dauer nicht verwöhnen wird. Sie stellt Forderungen und verlangt zunehmend mehr Leistungen. Mit der Extraschlauheit einer verspielten Jugendzeit schwindet die gute Zukunft dahin, jedenfalls wird es keine sein, in der einfach berappt werden kann, was verlangt und gewünscht wird. Wenn die Gewerkschaften und politische Kreise Wohlfahrt fordern, dann müssten sie von den Leuten auch den Willen zur Selbsterhaltung verlangen. Dafür aber werden andere zuständig gemacht.

Eltern, die die Kinder verwöhnt haben, sehen häufig, was sie angerichtet haben. Die Kinder haben ihre Widerstandskraft verloren und es droht eine Schwächung der Gesellschaft. Die Amerikaner sprechen von der Alten Welt Europas, und dieses eher despektierliche Urteil meint wohl die verwöhnte Welt ohne genügend Resilienz.

*CH Medien, 17. April 2024

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1 Kommentar

  1. Es stimmt, wir leben in einer verwöhnten Gesellschaft. Seit dem Aufschwung in den 50iger und 60iger Jahren geht das Pendel in der westlichen Welt Richtung Wohlstand und Frieden. Hinzu kommt, dass wir Schweizer:innen unser Land nach dem zweiten Weltkrieg nicht neu aufbauen mussten, wie viele unserer Nachbarländer. Im Gegenteil, die Schweiz profitierte wirtschaftlich vom zweiten Weltkrieg und konnte sich viel unbelasteter dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem neuen Reichtum widmen. Diese Tatsache hat das Denken und Handeln dieser und der nachfolgenden Generation geprägt. Viele Jugendliche kennen nur den immer üppiger gedeckten Tisch und sehen nicht ein, warum sie jetzt plötzlich verzichten sollten. Die 68iger-Bewegung war für mich als Frau und politisch denkender Mensch eine Befreiung und und sie machte den Weg frei für eine neue, demokratischere Gesellschaft.

    Das Pendel hat nun den Kipppunkt erreicht und schlägt absehbar in die andere Richtung. Weltweite Bedrohungen durch den Klimawandel durch direkt erlebbare Naturkatastrophen, die negativen Folgen des Geldkapitalismus, die kriegerischen Auseinandersetzungen nicht weit unserer Grenzen, die Auseinandersetzung mit Menschen anderer Kulturen durch Flüchtlinge und natürlich das World Wide Web resp. die sozialen Medien, bringen unser bisher geordnetes und vermeintlich sicheres Leben und das Weltbild ins Wanken. Dass die Schweiz sich so unendlich schwer tut, sich wirtschaftlich und rechtsstaatlich zu Europa zugehörig zu fühlen, macht die Verunsicherung, besonders bei Jugendlichen, noch schlimmer. Wir sind der weisse Fleck mitten auf der Europäischen Landkarte. Ich schäme mich dafür.

    Die zunehmenden Fälle von Depressionen, Angst- und Lernstörungen und sogar Suizitgedanken bei Jugendlichen müssen wir ernst nehmen und ihnen helfen ohne Druck, die Realität zu akzeptieren. Resilienz, also die Anpassungsfähigkeit und Reaktion auf Veränderungen, ist ein Lernprozess. Besonders kleine Kinder brauchen ein soziales Umfeld, das ihnen Sicherheit und Geborgenheit gibt, damit sie trotz schwierigen Umständen, den Weg in die Zukunft gehen können. Dass die Veränderungen in unserer Gesellschaft und in Europa durch zunehmende Gewalt und Hass nicht weiter zunimmt, dazu kann jede:r von uns beitragen.

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