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Reich mir die Hand, mein Leben

Der Tastsinn wird gewaltig unterschätzt. Das Buch «Homo Hapticus» von Martin Grunwald liefert die Beweise dafür, dass dieser Sinn eine Meisterleistung der Natur ist.

Sehen, hören, schmecken, riechen, ja und dann noch tasten – so oder ähnlich sieht die Aufzählung der fünf Sinne bei den Meisten aus. Der experimentelle Leipziger Psychologe Martin Grunwald stellt diese «Rangliste» auf den Kopf: Wer blind und taub geboren ist, wer den Geruchs- und Geschmackssinn vollständig einbüsst, ist trotzdem lebensfähig. Ohne Tastsinn aber wären wir verloren, ja, wüssten nicht mal, dass es uns gibt.

Tastsinn definiert den Körper

Dank diesem Sinn spüren wir uns in jeder Millisekunde unseres Lebens. Wir finden am Morgen mit den Füssen den Boden, im Dunkeln den Lichtschalter, wir regeln die Temperatur des Wassers beim Duschen, können uns auch ohne Licht anziehen – also so irgendwie – und hantieren in der Küche, ohne dass uns die Pfanne oder die Zeitung aus der Hand fällt und ohne dass wir den Teller auf den Tisch knallen oder fallen lassen.

Laut Grunwald reagiert ein Embryo bereits ab der siebten Schwangerschaftswoche auf Berührungsreize von aussen – lange, bevor die inneren Organe und die übrigen Sinne ausgebildet sind. Und das, obwohl ein neun bis 16 Millimeter grosser Embryo noch lange gut aufgehoben ist in der Schutzhülle des mütterlichen Uterus.

Selbst im Embryostadium ist der Tastsinn bereits nachzuweisen.

In seinem Haptik-Labor an der Universität Leipzig erforscht Grunwald diese frühe Ausprägung des Tastsinns und kommt zum Schluss, dass für die Ausbildung der verschiedenen Zellgruppen, aus denen sich nach und nach der Körper entwickelt, der die Zellentwicklung steuernder Tastsinn als Kontaktgesetz eine zentrale Rolle spielt.

 

Taktil oder Haptisch?

Hier muss eine sprachlicher Exkurs eingeschoben werden: Man spricht von einer taktilen Wahrnehmung, wenn der Körper durch physikalische Reize von aussen verformt wird, zum Beispiel durch Druck, Berührung, Vibration. Haptisch sind die Sinnesreize, die man «begreifen» kann, zum Beispiel durch Ertasten einer Oberflächenstruktur oder wenn wir mit dem Finger eine Temperatur erfühlen. Einfach gesagt, wenn ein Masseur uns durchwalkt, ist das eine taktile Erfahrung, wenn wir uns selber den schmerzenden Rücken reiben, ist das Haptik.

Grunwald beginnt mit seinen Ausführungen beim Embryo und spielt dann alle kindlichen Entwicklungsstufen «tastsinnmässig» durch. Das Buch ist keine leichte Bettlektüre, die fachsprachliche Wortwahl manchmal ganz schön schwer zu erfassen, dafür ist der Inhalt spannend wie ein guter Krimi. Und wie ein Liebesroman dazu. Denn was wäre die Liebe, der körperliche Kontakt zweier Menschen ganz allgemein, ohne die Haptik.

Körperstimulation ist lebenswichtig

Wobei da nicht allein die erotische Berührung gemeint ist, sondern Körperstimulation ganz allgemein. Kleinkinder, die nicht regelmässig auf den Arm genommen und gestreichelt werden, verkümmern und entwickeln sich körperlich und geistig schlecht, eine Umarmung kann tröstlicher sein als viele Worte und selbst Sterbende werden ruhiger, wenn sie warme, tröstende Hände spüren.

Hände werden durch den Tastsinn gesteuert.

Immer wieder berichtet Grunwald is seinem Sachbuch «Homo hapticus», das mit dem Wissenschaftspreis 2018 in der Kategorie Medizin/Biologie ausgezeichnet ist, von Experimenten, die sich leicht nachvollziehen lassen. Etwa, dass ein einzelnes Konfetti, 0,0025 Gramm schwer, das aus zehn Zentimeter Höhe auf das Gesicht, den Unterarm oder die Hand eines Probanden fällt, von diesem gespürt wird. Ja, dass dieser taktile Reiz sogar mit einem Viertel Konfetti noch nachgewiesen werden konnte.

Dass Männer schmerzempfindlicher sein sollen als Frauen, wurde in Versuchen nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil: Frauen reagieren schneller auf Hitze- oder Kältereize und auf mechanische Druckreize. Vielleicht sind Männer halt einfach etwas wehleidiger – diese Aussage findet sich allerdings nicht im Buch.

Ohne Haptik kein Körpergefühl

Ohne Tastsinn kein Leben. Das zeigt sich deutlich bei Schlaganfallpatienten, bei denen die linke Körperhälfte betroffen ist. Solche Personen nehmen sich nur noch halb wahr, die betroffene Körperhälfte als unerwünschtes Anhängsel, das nicht mehr zu ihnen gehört. Sogar wenn sie Berührungsreize noch wahrnehmen können, fühlt es sich für sie fremd, nicht zu ihnen gehörig an.

Zentrales Element der Rehabilitation ist es daher, den Tastsinn zu reanimieren. Ein komplexes Unterfangen, wie Grunwald ausführlich darlegt. Er sucht auch nach Methoden zur Früherkennung einer Demenz wie Alzheimer. Auch auf anderen Gebieten forscht sein Haptik-Labor.

Zum Schluss des Buches skizziert Grunwald einige Themen, die vertiefter untersucht werden sollten – wenn denn das Geld dafür vorhanden wäre. Ein Beispiel: Die Atemaussetzer bei Frühgeborenen. Im Klinikalltag gibt es dann Alarm plus mehr Sauerstoff. Wird das Kind aber bei solchen Atemstillständen am Körper berührt, gestreichelt, setzt die Atmung ganz spontan wieder ein. Ein Prototyp einer solchen Körperstimulation ist bereits entwickelt.

Martin Grunwald: Homo Hapticus. Verlag Droemer, 2017. 304 Seiten, gebunden. 
ISBN: 978-3-426-27706-5

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