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Francis Bacon und Alberto Giacometti

Zwei Grosse der modernen Kunst in der Fondation Beyeler: Eklatante Unterschiede – tiefe Seelenverwandtschaft

Giacometti und … – dieses Ausstellungskonzept ist gleich zweimal zu sehen hierzulande. Während das Kunstmuseum Winterthur den Bündner Künstler zusammen mit Ferdinand Hodler zeigt, bringt ihn die Fondation Beyeler mit Francis Bacon zusammen. Solche Dialoge zwischen zwei Künstlern geben uns die Chance, die vom Kurator postulierte Wahlverwandschaft mit zu entdecken, zu hinterfragen und neue Seiten des einen oder andern Protagonisten kennen zu lernen. Giacometti und Bacon sind auf den ersten Blick künstlerisch sehr unterschiedlich. Aber sie begegneten sich, waren befreundet und respektierten sich, lehnten für sich die nach dem Krieg moderne Abstraktion ab und stellten die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur in den Mittelpunkt ihres Schaffens.

Einstimmung in Raum eins: Bacons Head IV, 1949 und Giacomettis Le Nez 1947-49. Ausstellungsansicht © Fondation Beyeler

Die Überraschung beim Betreten der Ausstellungsräume ist perfekt und wunderbar. Zwar gibt es auf dem Flyer das Foto von Alberto Giacometti und Francis Bacon, dennoch denkt man zunächst, dass die Gegenüberstellung der zwei Grosskünstler eher ein Nebeneinander würde. Doch schon der erste Dialog zweier Werke – die Malerei eines schreienden Papstes nach Velasquez‘ Innozenz-Porträt. von Bacon und die Nase von Giacometti, ein Gipskopf mit Pinocchionase, aufgehängt in einem Drahtgestell, einem Käfig, erzählt die Geschichte zweier eigenständiger Künstler, deren Fragestellung nach dem Menschen in einer gebrochenen Zeit letztlich die gleiche ist. Mit diesen beiden Werken im Dialog haben die Kuratoren Ulf Küster von der Fondation Beyeler, Catherine Grenier von der Fondation Giacometti in Paris und der Bacon-Freund und -Spezialist Michael Peppiatt als Auftakt eine Art Sehschule für die ganze Ausstellung bereitgestellt.

Im Dialog: Portrait of Michel Leiris (1976) und Grande tête mince (1954)

Thema ist – so Kurator Ulf Küster – die Verletztlichkeit der menschlichen Existenz auf dem Hintergrund der Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der eine malt Gesichter und Körper vielfarbig, deformiert und voller Emotion und Gewalt. Der andere reduziert den Menschen in seinen zwei- und dreidimensionalen Köpfen und Figuren auf das Alleräusserste, aller Farbe entsagend. Beide sahen sich nicht als von der Kunstgeschichte oder der Gegenwartskunst abgehoben, beide waren voller Zweifel und ständig erneut am Scheitern, auch wenn sie sich gegenseitig als die Grössten ihrer Zeit bezeichneten. Beide malten in winzigen Ateliers, der eine in Paris, wo Gipsstaub in alle Ritzen kriecht, der andere in London, wo buntes Chaos ihm die Basis der Kreativität bietet. Einen Eindruck davon bieten im letzten Raum zwei Videoinstallationen, die beide Ateliers in realen Dimensionen zeigen.

Triptychon mit Szenen der Lust und Gewalt von 1972

Giacometti arbeitete nach dem lebenden Modell. Da er mit dem Ergebnis kaum je zufrieden war, führte das zu stundenlangen, vermutlich für das Modell qualvollen Sitzungen. Bacon dagegen wollte bei seinem kreativen Prozess niemanden in der Nähe haben, fotografierte seine Modelle und malte nach den Fotos. Sein dynamischer, hochvirtuoser Pinselstrich bleibt indessen im fertigen Bild sichtbar. Beiden ist der Raum wichtig. Giacometti sperrt seine Figuren mitunter in so genannte Cages. In Bacons Bildern finden sich die Frames, Linien als definierte Grenzen der Figuren – oder eben auch Gefängnisse.

Konvulsivisch auf dem Bett: Die Liegende (1969) und bewegungslos Modell sitzend: Caroline (1961)

Die lebenslustige Malerin Isabel Rawsthorne brachte die beiden zusammen, war jedem auch Muse und Modell. So konnte Giacometti, dessen Figuren immer winziger wurden, dank ihr aus dieser Sackgasse herauskommen, zunächst mit der lebensgrossen Frau auf dem Wagen, während Bacon ihre Leidenschaft und Stärke mehrfach auf die Leinwand brachte. Die Künstler hätten in ihrer kurzen Freundschaft, die durch Giacomettis Tod jäh ein Ende fand, nächtelang diskutiert, erinnert sich Michael Peppiatt, der 1963 den ihm völlig unbekannten Francis Bacon als Interviewpartner für eine Studententkunstzeitschrift wählte. Er lernte einen freundlichen Herrn kennen und konnte sich, als er danach das Werk kennenlernte, kaum vorstellen, dass derselbe solch „düstere entsetzliche“ Bilder mache. Der Unterschied in der gleichen Grundhaltung von Bacon und Giacometti lässt sich wohl mit dem Satz, Bacon zeige den lautloser Schrei, während bei Giacometti sich schreiende Stille ausbreite, treffend charakterisieren.

Figurengruppe von Giacometti umgeben von Bacons Malerei – nachhaltig beeindruckend. Foto: R. Hänny

Die Ausstellung ist in mehrfacher Hinsicht ein Ereignis, nicht zuletzt auch, weil so eine Gegenüberstellung in Zukunft kaum mehr möglich ist, schlicht weil es zu teuer wird, Werke der beiden Topkünstler zu transportieren und zu versichern. Rund hundert Werke sind in der Fondation ausgestellt. Ernst Beyeler hat insofern den Grundstock gelegt, als er sowohl Bacon wie Giacometti in seiner Galerie ausstellte und mit ihren Werken handelte.

Dass diese Ausstellung wirklich ein Ereignis ist, zeigt sich in jedem Raum, spätestens aber im grossen Saal, wo zwei Figurengruppen von Giacometti mit Triptychen und Bildern von Bacon die nächtelangen Dialoge von einst als erstarrte Emotionen und Krisen, sich gegenseitig erhöhen, Bilder und Skulpturen eines verzerrten und einsamen Menschenbilds, welches „die schreckliche Wahrheit vermitteln konnte, das unerbittliche Bewusstsein, dass alle von uns armen Sterblichen dazu verdammt sind, in einer Leere zu existieren,“ so Michael Peppiatt in seinem Aufsatz, der im Katalog nachzulesen ist.

bis 2. September
Alle Informationen zur Ausstellung und den Begleitveranstaltungen erfahren Sie hier. Übrigens gibt es für Kinder ein Begleitheft, mit dem sie bei ihrem Rundgang spannende Aufgaben lösen können.

Zur Ausstellung ist die Publikation Bacon Giacometti für 62.50 Franken erschienen.

Bildnachweise
Teaserbild: Alberto Giacometti und Francis Bacon 1965 © Graham Keen
Portrait Michel Leiris: © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich
Photo: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand-Palais / Bertrand Prévost
Grande tête mince: Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris, © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich
Triptychon: Three Studies of Figures in Bed, 1972. Esther Grether Familiensammlung © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich. Photo: Robert Bayer

Liegende: Lying Figure 1969. Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler
© The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich
Photo: Robert Bayer
Caroline: Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler. © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich Photo: Robert Bayer

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