Gesellschaft

Wo die Habsburger herrschten

Mit Wanderschuhen und Wasserflasche unterwegs im Herzen des Aargaus

Es soll noch immer Leute geben, für die der Aargau ein Durchfahrtskanton ohne jeden Charme ist. Eine Gegend, in der sich links und rechts der Autobahn Geschwüre von hässlichen Gewerbebauten und Lagerhäusern reihen, die man möglichst schnell hinter sich lässt. Einen ganz anderen Aargau erlebt, wer sich zu Fuss fortbewegt. Zwar liefert die Autobahn hier und dort das Grundgeräusch, aber wer oberhalb der Aare auf Waldwegen geht, hat Amseln, Finken und die ganze Vogelschar im Ohr jetzt, wo sie sich um ihren Nachwuchs kümmern und ihre Reviergesänge flöten und pfeifen.

Schloss Wildegg © Aargau Tourismus

Wir sind unterwegs von Lenzburg nach Brugg, kurz im Bus bis Möriken, ab da zu Fuss über mehrere Hügel in den Stammlanden der Habsburger. Nummer eins ist der Aufstieg zum Schloss Wildegg. Die imposante Anlage mit dem barocken Schloss ist berühmt für ihre Gärten. Im Hof steht eine uralte Linde, gepflanzt bei der Geburt des späteren Schlossherrn Albrecht Effinger im Jahr 1735. Lindenbäume liebte dieser Albrecht anscheinend über alles. Denn er ist der Schöpfer der Lindenterrasse unterhalb des Schlosses auf dem Weg treppab in den Barockgarten. Noch duften sie nicht, aber in wenigen Tagen erblühen hier tausende von Lindenblüten. Links und rechts liegen Weinberge, bis wir auf der grossen Terrasse des Barockgartens anlangen.

Mit so hübschen gelben Blumen blüht die Schwarzwurzel hier im barocken Garten auf Wildegg. 

Der ist ein ein Paradies für Hobbygärtner und wohl sehr viel Arbeit für die Gartenprofis, die hier im Dienst von Pro Spezie Rara alte Nutz- und Zierpflanzen anbauen. Inmitten der doppelten Buchsbaumhecken, die sich um die Gevierte des Barockgartens ziehen, reiht sich Beet an Beet. Jedes mit Täfelchen, was da wachse. Mitunter steht auf der Blechtafel auch, dass das Gemüse, beispielsweise Schwarzwurzel, hier blühe, weil es um Samengewinnung gehe. Spannend, wer kennt schon die Blüten von Gemüsen, die man allenfalls vom Gemüsegestell im Supermarkt kennt. Oder die vielen alten Getreidearten, die in kleinen Formationen heranwachsen. Oder erst die gigantische Auswahl an Minzen. Und ganz offensichtlich alles Bio, denn auf einigen Minzen tummeln sich metallblaue Käfer.

Der Blick in die Alpen ist uns verwehrt, aber die Gartenanlage entschädigt reichlich..

Auf der anderen Seite des Barockschlosses, dessen historische Wohnräume zu besichtigen wir uns auf ein Regenwetter sparen, liegt östlich des Wohnschlosses beim Weinhaus der Rosengarten und davor ein Bijou von einem französischen Garten. Die Rosen beginnen grad eben, ihre Blüten zu öffnen und verheissen einen bunten Frühsommer.

Wir verabschieden uns von den adligen Herrschaften, die hier seit 1483 residierten, bis die letzte Effinger, die Julie, das Schloss 1912 der Eidgenossenschaft vermachte. Heute gehört es dem Kanton Aargau, der stolz auf seine vier Schlösser ist. Neben Wildegg und der Habsburg sind es Schloss Lenzburg und Schloss Hallwyl.

Das Aaretal mit Gewerbebauten, Wohnquartieren, Fabriken und – auf Schloss Wildenstein und die Jurahöhen.

Wir brechen Richtung Habsburg auf. Von der gezähmten Natur geht es an einem grosszügigen Grillplatz mit zahlreichen Spielgeräten vorbei direkt in eine Art Urwald. Nur ja nicht rechts vom Pfad am steilen Abhang zwischen den Stämmen die gute Aussicht suchen – dort unten ist statt Urwald fast durchwegs ein Stück der gigantischen Gewerbezone, die heute das Mittelland ausmacht. Wenigstens ab und zu ist die Aare zu sehen, sogar das Schloss Wildenstein und dahinter noch mehr attraktives Wandergebiet des Juraparks. Eine gute Stunde wandern wir durch einen wunderbaren alten Wald mit vielen, teils uralten Laubbäumen, selten gesehenen Blumen und Baumpilzen, bis unversehens eine Hochebene mit Ackerland sich öffnet und die Habsburg leicht erhöht am Horizont liegt.

Der Waldpfad öffnet sich und die Habsburg ist bald erreicht.

Nochmals geht es ein Stück bergan, dann stehen wir im Schlosshof. Auch hier alte Lindenbäume. Der imposanteste Aargauer Lindenbaum, die Linde von Linn, wäre übrigens auch eine Wanderung wert. Unter den Linden auf der Habsburg finden Wanderer, aber auch Autofahrer (der Parkplatz liegt fünfzig Schritt unter der Terrasse oder anders gesagt am Fuss der Festungsmauer) die Gartenwirtschaft. Denn die Habsburg ist ausser einem geschichtsträchtigen Ort mit Museum, der eng mit der alten Eidgenossenschaft verbunden ist, ein weitherum beliebtes Restaurant. Wir lesen, dass hier ab und zu auch vegan gekocht wird, freilich mit einem bescheidenen Angebot für jene, die à tout prix nicht auf ihr Stück Tier verzichten wollen.

Siebzig Meter tief hinunter geht es bis zum Wasser im Ziehbrunnen der Habsburg

Die Habsburger, die einst auch die Trutzburg auf Wildegg erbauten – der Bergfried neben dem Barockschloss aus dem 18. Jahrhundert steht noch – haben im Lauf der Jahrhunderte kurz oder länger die halbe Welt regiert, zu unserem Erstaunen auch ein gutes halbes Jahrhundert Portugal samt allen Überseekolonien. Eine Installation zeigt in die Richtung der Städte und Länder dieses Besitzes – vom Thurgau bis Kolumbien. So weit geht unsere Wanderung nicht mehr, wir wandern abwärts zum Teil auf einer breiten Fahrstrasse, auf der glücklicherweise nur wenige waghalsige Downhill-Biker uns rufend an den Rand drängen, nach Windisch.

Die Habsburg mit Bergfried, Wohnhaus und Terrasse mit Gartenrestaurant unter den Linden © Aargau Tourismus

Wer noch mehr Kultur wünscht, kann im Kloster Königsfelden die Kirchenfenster, herausragende Werke europäischer Glasmalerei aus dem Mittelalter besichtigen. Auch sie sind ein Blick in die Zeit, als die Habsburger im Aargau heimisch waren und ihre weltgeschichtliche Zeit noch vor sich hatten. Von Königsfelden zum Bahnhof Brugg, Endpunkt der Wanderung, ist es ein Katzensprung.

Fotos © E. Caflisch (Teaserbild: Torbogen beim Aufgang zum Wohnpalais von Wildegg

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