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Grosse Abschiede

In der Literatur wie in der Musik sind immer wieder Grosse Abschiede gestaltet. Faszinierend!

Schon lange wollte ich einmal über «Grosse Abschiede» schreiben. Es begann schon im Deutschunterricht am Lehrerseminar. Der Deutschlehrer war ein ausserordentlich feinfühliger und einfühlsamer Mann. Seinen Schülern gegenüber wusste er es hinter hilflosen Gesten und in beinahe flehendem Tone vorgetragenen Anweisungen sowie einigen undefinierten Lauten des Ausrufens erfolgreich zu verbergen. Wenn er aber mit uns Texte las und interpretierte, waren seine Emotionen bei aller intellektuellen und witzigen Schärfe immer offensichtlich. Mich jungen Menschen hat es erschüttert, wie er uns damals den Schluss von Goethes Iphigenie verständlich gemacht hat.

Am Schluss dieses paradigmatischen Dramas der deutschen Klassik bittet Iphigenie den König Thoas, Orest und sie selber wegziehen zu lassen. Das ist bisher nicht Brauch auf Tauris gewesen. Schon dass die sozusagen Asyl suchende Tochter Agamemnons nicht, wie bei Fremdlingen üblich, gleich geopfert wird, ist ein Wunder. Sie wird Priesterin und erzieht sozusagen Thoas, der ihr Achtung und Liebe entgegenbringt und sie heimzuführen hofft, zu einem humanistischen Menschen – getreu dem Ideal der Klassik. Orest und Pylades, sein Freund, von den Rachegeistern gejagt und mit Wahnsinn gepeinigt, stranden auf Tauris. Thoas befiehlt, gerade wieder einmal von Iphigenie mit seiner Werbung zurückgewiesen, den alten Brauch wieder zu beleben und die Fremdlinge zu opfern. Es gelingt der Priesterin, ihren Bruder und dessen Freund davor zu bewahren, indem sie endlich ihren Namen und ihre Abkunft enthüllt (Zitat 1. Akt, 3. Auftritt):

Iphigenie: Vernimm! Ich bin aus Tantalus’› Geschlecht.
Thoas: Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!

Denn zur Homerzeit, nach dem Trojanischen Krieg, ist das Schicksal der Nachkommen des Tantalus, die schon seit Urzeiten einen Fluch tragen, wieder in aller Mund. Ach, ich muss es mir versagen, die Geschichte des Tantalus hier erzählen zu versuchen! Dabei ist sie von so grosser symbolischer Bedeutung! Aber das hier soll ja nur eine Skizze werden, kein Buch!

Schliesslich, auf der letzten Buchseite von Goethes Schauspiel, gesteht Thoas, bitterlich enttäuscht, mürrisch zu, dass seine Priesterin, die er liebt, mit ihrem Bruder und dessen Freund unbehelligt nach Griechenland zurückkehren darf (Zitat):

Thoas: So geht!

Iphigenies Beredsamkeit, die eine das Gemüt bewegende Huldigung an den Menschen, Mann und König ist und alles andeutet, was an der Beziehung zwischen König und Priesterin, zwischen Fürst und Fürstin, zwischen töchterlicher Schutzbefohlenen und väterlichem Beschützer, zwischen Mann und Frau auch, das ganze Schauspiel lang zum Wort gekommen ist – ihrer schönen, grossen (nicht langen!) Rede, die, weil eben klassisch, von einfachem Ausdruck ist und so viel Humanität ausdrückt, dieser Rede gelingt es, den König umzustimmen (Zitat):

Thoas: So geht!
Iphigenie: Nicht so, mein König! Ohne Segen,
In Widerwillen, scheid ich nicht von dir.
Verbann uns nicht!
(…………)
Leb wohl! Und reiche mir
zum Pfand der alten Freundschaft deine Rechte!
Thoas: Lebt wohl!

Das sind Worte, einfache, anschauliche, unprätentiöse Worte, keine salbungsvollen, abgehobenen.

Worte wie Notenköpfe und Notenhälse auf einer Partitur. Zwei Halbe: LEBT WOHL. Dann eine Pause. Fertig das Stück.

Aber Notenhälse und Notenköpfe klingen nicht. Ganze Beethoven-, Wagner-, Mahler- oder Orff-Partituren klingen nicht. Man kann in ihnen lesen, kann sich ihre Klänge vorstellen. Sie zum Klingen zu bringen, braucht es Instrumente, die von Menschen meisterhaft und mehr oder weniger seelenvoll gestrichen, geschlagen oder geblasen werden.

LEBT WOHL. Was sind das für Klänge? Spielt sie die Flöte? Die Violine? Die Oboe d’Amore? Der Kontrabass gar? Oder die Posaune? – Vielleicht das Horn, mit seinem wehmutsvollen, wissenden, metallischen Klang!

Und was sagt die Linie der Stimmführung? Das Timbre der Sprachmelodie? Was sprechen die Augen, die Hände, die Finger, die ungeduldigen Füsse, die Neigung des Oberkörpers? Eine facettenreiche Partitur voller Rhythmus und Klänge!

Ich bin bewegt, wie ich das überdenke und beschreibe. Ein grosser Abschied.

Unser Lehrer hat vielleicht an meiner Bewegung Schuld. Er hat eine Saite zum Klingen gebracht, die in mir einfach weiterlebt. Ein guter Lehrer – doch schon lange tot.

Ich habe einige Aufführung der Iphigenie gesehen. Die Rolle des Thoas ist schwierig –wie denn klassisches Theater ohnehin schwierig zu spielen ist. Da hatten es die Früheren einfacher –Bassermann, Deutsch, Moissi (ich habe Moissis Stimme noch gehört, auf einer Schellackplatte…), und Regisseure wie Gründgens, Oberer, Reinhardt – als die Heutigen. Niemand mehr will «klassische» Klassiker spielen, weil man Angst hat, niemand wolle «klassisch» inszenierte Klassiker sehen. Mag sein – die Schule hat da vielleicht auch zu viel verdorben.

Weitere solche Grosse Abschiede, über die sich nachdenken lohnt:
In Schillers Wilhelm Tell Attinghausens Tod, wo der Sterbende nach seinem geflügelten Wort «…und neues Leben blüht aus den Ruinen!» prophetisch in die Zukunft blickt.
In Wagners Walküre Wotans Abschied: «Leb wohl,Du kühnes, herrliches Kind!» – Auch wenn ich eher mit Mühe dem musikalischen und textlichen Pathos von Wagners Opern gegenüberstehe, hat mich doch dieser Abschied vom verbannten Kind Brünhilde sehr nah berührt, die Musik und der Text gleichermassen.
Unvergessen auch die Marschallin im dritten und vielleicht schon im ersten Akt des Rosenkavaliers: die von Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss gemeinsam gefundenen Stimmungen und Zwischentöne des Abschieds, gemischt aus Alter und verlassener Liebe, wirken ergreifend.
Schliesslich noch Bruckners Neunte: Der Komponist hat sie «dem lieben Gott gewidmet», und wie er sie mit sanften Akkorden in fallenden Quinten am Schluss verklingen lässt, mutet schon wie verklärender Abschied vom Leben an.

Titelbild: fv

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