FrontGesellschaftDer kühle Grund der Romantik - Fortsetzung

Der kühle Grund der Romantik – Fortsetzung

«Das Ringlein sprang entzwei…» – Vom Schwärmerischen zum Faktischen in der Romantik.

Das Mühlrad des Lebens und Leidens ist rund. Da finden wir noch ein zweites rundes Symbol: den Ring. Auch das ein traditionelles Motiv, doch wie es hier behandelt ist!

In der ersten Strophe werden der kühle Grund und das Mühlrad eingeführt, der Ring und dessen Zerspringen in der zweiten. Mühlrad und Ring sind verknüpft mit der Liebsten, deren Treueversprechen, deren Verschwinden, verbunden mit dem Treuebruch. Der kühle Grund beschwört die Ahnung vom Zusammenbruch des Verlassenen, beschwört die Ahnung vom nahenden Tod – mindestens von der Sehnsucht danach.

So künden die beiden Eingangsstrophen wie eine Ballade, eine Moritat, vorgetragen von einem Bänkelsänger, davon, was geschehen ist.

Gewiss, man könnte einwenden, zum Geschehen von Liebe und Treuebruch sei der kühle Grund lediglich zu verstehen als Element der lyrischen Naturschilderung. Ein verkürztes Bild davon, was man sich selber vorstellen kann: In einer Waldschlucht, zeitlang gegraben von einem munteren Bach (Wilhelm Müller, Franz Schubert: «Die schöne Müllerin»!), steht eine Mühle mit klappernd drehendem Rad. Es ist nicht auszumachen, ob das Rauschen vom Bach allein herrührt oder auch vom Wind, der in die Buchen- und Eichenblätter fährt und mit ihnen spielt. Wegen der Tiefe der Schlucht und der Dichte des Blätterdachs ist es immer kühl hier, bei der Mühle. – Wanderer, und du, versonnen schreitende Wanderfrau: Wenn du an gewissen Orten in deiner Umgebung moderne Mühlensilos siehst, unübersehbar in die Landschaft eingepflanzte Türme, dann wette ich mit dir ein erfrischendes Glas von was du begehrst, du wirst nicht fern davon einen solchen Bach in einem kühlen Grund finden. Die Mühle dort ist verwittert oder abgebrannt, der Mühlstein und das Mühlrad sind längst in einem Museum oder im Park der Villa des heutigen Mühlenbesitzers. Doch du ahnst es. Hier muss die Mühle einst gestanden haben. Hier wohnten und werkten Müller, Müllergeselle und die frisch zur Jungfrau erblühte Müllertochter. Schöne Müllerin! Was kannst du dafür, dass dein Herz zu spät inne wird, dass der Treueschwur verheissungsvollem Ahnen entspringt und nicht beglückter Gewissheit! Wer die Treue bricht, tut das nicht so oft, wie man denkt, aus Leichtsinn. Auch wer die Treue bricht leidet – an Trauer, an Schuld. Nie mehr ist das Lächeln so hell wie zuvor, die Augen strahlen nie mehr so tief und blitzend…

Gewiss, das ist in diesem Motiv vom kühlen Grunde alles auch enthalten, es gehört auch zur Botschaft des Gedichts. Dass Faktisches und Symbolisches in demselben Bild, hier einem Sprachbild, enthalten sind, macht die Kunst erst so recht vollkommen.

«Mein Ringlein sprang entzwei.»

Spüren wir die hochdramatische Gebärde in diesem schlichten Satz? Vielleicht erst ganz, wenn wir das Gedicht vollständig im Ohr, im Herz haben. Dem steten Mahlen des kreisenden Rades steht dieser Sprung, dieser Bruch des anderen Kreises entgegen, ein harter Schnitt. Wem das einfach so geschieht, der erfährt, was Heinrich Heine meint, wenn er schreibt:

«Es ist eine alte Geschichte,
doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.»

Mit dem Ring zerspringt die Harmonie von Tages-, Zeit- und Lebenskreis. Nichts ist mehr wie zuvor – es liegt kein Sinn mehr darin. Der mit dem gebrochenen Herzen flieht, reist. Als Spielmann, wie der Wanderer in Schuberts «Winterreise» (wiederum nach Gedichten von Wilhelm Müller), singend von seinem Schmerz, von der Fremdheit, der Einsamkeit und der Kälte, die über ihn hereingebrochen sind. Es genügt ihm nicht, es hilft nichts, rascher, wilder muss es gehen, grösser muss die Gefahr des Todes werden. Er setzt sich auf ein Pferd, fliegt in die blutige Schlacht, wie Rilkes «Cornet», über den blitzende Säbel hereinbrechen «wie eine Wasserkunst».

Doch atemlos einhalten, das muss auch sein. Bei dunkler Nacht schleicht wieder die Stille heran, am Lagerfeuer. Zwiespalt der Seele: Dunkel wie der kühle Grund, und wie das Feuer der verlorenen Liebe brennend.

Dem Reisenden, Fliehenden wird das Mahlen des Mühlrads bewusst – oder hört er es in seiner Umgebung wirklich? Gleichviel, er zwingt sich, das Würgen im Hals, das bange, ruhelose Pochen des Herzens, die bitter aufsteigenden Tränen zu dämmen. Reiten – oder singen – oder einfach da liegen? Er weiss nicht mehr, was er will. Shakespeares Hamlet klingt an: «Sein oder Nichtsein…» und «Ja, daran liegt es: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen…» – Ach, wenn es doch still wäre, in seinem Inneren und rund um ihn!

Will man das Gedicht noch besser verstehen, versuche man es einmal als abstraktes Konstrukt aus Linien, Flächen und Formen zu zeichnen. Es ist gleichgültig, was für eine Figur dabei entsteht. Immer wird sich der ‹Raum des Erzählten› der ersten beiden Strophen ausweiten zur Flucht, zur Reise – zuerst in die Welt hinaus, zuletzt nach innen, in die verzweifelte Seele des Verlassenen mit der Sehnsucht nach dem Tod.

Romantik…

Man unterschätze ihren Gehalt und ihre Bedeutung nicht. Auch nicht heute, wo alles scheinbar ganz anders ist, so rational, so digital.

«Der kühle Grund der Romantik» 1. Teil

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