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Ökologisch sinnvoll einwintern

Der Garten im Oktober. Jetzt ist Saison für Laubbläser, Scheren und Spaten – es wird aufgeräumt. Der Garten ist aber nicht nur für Menschen Lebensraum.

«Ordnung ist das halbe Leben» heisst ein altes Sprichwort und im Herbst nehmen das viele Gartenbesitzer ziemlich wörtlich. Jedes Blatt wandert in den Kehrichtsack, in den Blumenbeeten wird gehackt und gejätet und selbst unter den Sträuchern wird «aufgeräumt».

Wenn ein Funkienbeet (oben) im Herbst so «abgeräumt» wird, ist das zwar sehr ordentlich, aber weit weg von naturnahem Gärtnern. (Fotos B.R.)

Wie einfach wäre es, die andere Hälfte dieses Lebens zu geniessen – und wie sinnvoll. Wer das Laub vom Rasen unter die Sträucher verfrachtet, abgeschnittene Äste und Pflanzenstengel bis zum Frühjahr in einer versteckten Ecke zwischenlagert, die abgeblühten Pflanzen in den Blumenbeeten einfach stehen lässt und den Gemüsegarten mit einer dicken Laubdecke, vermischt mit dem letzten Rasenschnitt, abdeckt, der erspart sich nicht nur viel Arbeit, er hilft auch den Lebewesen im Garten, gut über den Winter zu kommen.

Umdenken leicht gemacht

Es ist klar, für viele ist dieses Laissez-faire im Garten recht ungewohnt und das ordnungsliebende Auge erfreut sich gerne an sauber gerechten Beeten und geschnittenen Pflanzen. Aber so langsam sollte auch in den Gärten ein Umdenken einsetzen: Der Garten gehört uns nicht allein. Er ist auch Lebensraum für eine vielfältige Fauna.

Nein, ordentlich ist so ein Haufen mit dürren Ästen und Laub nicht. Aber versteckt unter einem Strauch stört er nicht allzu sehr.

Auf dem Rasen werden Rosinen, gehackte Haselnüsse und Katzenringli ausgelegt, die spätestens am nächsten Morgen verschwunden sind. Und sogar die Blumenbeete werden mit Laub und Ästen zugedeckt, damit sich möglichst viele Insekten, Würmer und Asseln darunter verstecken können. Damit die Igelkinder einen Futtervorrat haben.

Gärtnern nach der Natur

Wer jetzt die Stirne runzelt und sich vor faulendem Laub unter der Hecke und Unordnung im Blumenbeet fürchtet, der sollte einfach in den Wald gehen. In der freien Natur wachsen weder Laubbläser noch Rechen noch Gartenscheren. Nein, da bleibt alles Laub, alles Verblühte einfach liegen. Auf den Waldböden bilden sich dicke raschelnde Blätterteppiche, die nur bei anhaltendem Regen etwas feucht und modrig, aber immer noch durchaus würzig riechen.

Und unter dieser organischen Isolation geht das Leben munter weiter. Und im nächsten Frühling wachsen Blütenpflanzen und Moospolster aus dem herbstlichen «Abfall» heraus. Denn der ist in den kalten Monaten zersetzt und zu Humus geworden – zu der viel gerühmten duftenden Walderde.

Und statt wie im Garten die Beete mit dem Spaten grobschollig umzustechen, lässt die Natur alles unter dieser isolierenden Hülle verschwinden. Dabei meinen immer noch viele Gartenbesitzer, das mühsame Umgraben samt den entsprechenden Rückenschmerzen müsse sein.

Turnstunde für Bodenorganismen

Vielleicht als Fitnesskur für die Bodenlebewesen? Denn dabei werden die Mikroorganismen kurz vor der kalten Jahreszeit noch einmal so richtig gefordert: Diejenigen an der Oberfläche, die an Licht und Luft gewöhnt sind, werden nach unten verfrachtet und die tiefen Bodenschichten mit all den winzigen, an Feuchtigkeit und Dunkelheit gewöhnten Lebewesen dafür ans Licht geholt. Den Regenwürmern werden ihre Gänge zerstört, und damit alle die kleinen Kanäle, in denen das Regenwasser jeweils in die tieferen Bodenschichten geleitet wird.

«Es sieht einfach ordentlicher aus, wenn alles sauber geputzt ist», kann in der Wohnung gelten, im Garten aber sollten andere Massstäbe angelegt werden. Natürlich muss ein Rasen vom Laub befreit und auch Wege und Treppen sauber gewischt werden. Aber das sollte denn auch alles sein. So finden Igel, Insekten, Vögel und anderes Getier die Laub- und Asthaufen, die verblühten Stauden voller Samen und die dicken Laubdecken, unter denen sie noch Nahrung finden, sicher ebenso gemütlich wie wir unsere geheizten Wohnzimmer.

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