Kultur

Mit spitzer Feder und Pinsel

Mit Honoré Daumier und Raymond Pettibon zeigt das Kunst Museum Winterthur zwei sozialkritische Zeichner in einer Ausstellung.

Erstmals werden Werke des französischen Karikaturisten Honoré Daumier(1808-1879) und des amerikanischen Zeichners Raymond Pettibon (*1957) gemeinsam ausgestellt. Mit seinen politischen und sozialkritischen Karikaturen wurde Daumier zum wichtigsten Chronisten des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Raymond Pettibons Arbeiten umfassen Themen von Politik, Religion, Sport bis hin zu Literatur. Beide Künstler spiegeln ihre Zeit und Gesellschaft, in der sie leben. Kritisches Denken, präzise Zeichnung, die Kombination von Wort und Schrift, formale wie inhaltliche Gemeinsamkeiten ermöglichen einen Dialog über Epochen hinweg.

Honoré Daumier, Ratapoil, 1851, Bronze, Kunst Museum Winterthur. Foto: Ruth Vuilleumier

Weniger bekannt ist Daumier als Maler und, wie man sieht, auch als Bildhauer. Einzelne Gemälde und Skulpturen werden hier mitausgestellt. Daumier kennt man in erster Linie als Karikaturist. Während 40 Jahren publizierte er fast täglich in der illustrierten Presse, vor allem in der Satirezeitschrift Le Charivari, zeitweise auch in La Caricature. Von den über 4000 bekannten Lithographien besitzt das Kunst Museum Winterthur rund die Hälfte. Die hier präsentierten Blätter stammen vorwiegend aus Zeitungen. Ein paar Lithographien sind Sonderdrucke oder Sammlerstücke wie Les Blanchisseurs von 1832. Der thematische Fokus in der Ausstellung wurde auf das politisch-kritische Schaffen Daumiers gelegt, wie auf das Thema der Pressefreiheit und Zensur, die damals nicht selbstverständlich war. Daumier wurde wegen seiner überspitzten satirischen Bezeichnung des Königs Louis Philippe als Gargantua, ein unersättlicher Fresser und Säufer, 1832 zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt.

Honoré Daumier, Die Weisswäscher, Das Blau geht zwar raus, aber dieses teuflische Rot klebt wie Blut, 1832, Lithographie. Privatsammlung. Foto: Ruth Vuilleumier

Daumier zeichnete und kommentierte aber auch das Alltagsleben der Pariser Bourgeoisie und der kleinen Leute, wie sie mit den sozialen Veränderungen durch Industrialisierung und Modernisierung zurechtkommen. Dazu sind verschiedene Blätter ausgestellt, und man kann Daumiers wachen Blick nur bewundern, wie er mit zeichnerischem Talent und mit kurzen Kommentaren komplexe Situationen wiedergeben kann: bissig-liebevoll, ironisch und augenzwinkernd, manchmal auch bitter-bös.

Honoré Daumier, Nun kommt endlich mein kleiner Blumentopf in den Genuss von Sonnenlicht…, 1852. Kunst Museum Winterthur. Foto: Ruth Vuilleumier

Ein ähnlich umfassendes Gesamtbild seiner Gesellschaft erschafft auch der Amerikaner Raymond Pettibon (*1957) in seinem Oeuvre. Der in der kalifornischen Underground-Szene sozialisierte Künstler kommentiert mit spitzer Feder und schwarzem Humor das amerikanische Glücksversprechen und stellt dessen Verzerrungen bloss. 1977 wurde er bekannt mit der Gestaltung des Logos der Band Black Flag. Seit den 1980er Jahren ist er in der amerikanischen Kunstszene etabliert, seit 1995 auch mit Einzelausstellungen u.a. in Bern.

Raymond Pettibon, Ohne Titel (I expect to…), 1988. Mischtechnik auf Papier. Kunstmuseum St. Gallen, Leihgabe aus Privatbesitz. Foto: Sebastian Stadler

Pettibons handschriftlich kommentierten Zeichnungen, Gouachen, Collagen und Wandgemälde verbildlichen die Realität direkt und metaphorisch, dabei bedient er sich verschiedenster literarischer und bildlicher Quellen, sowie persönlicher Anmerkungen. Die Text-Bild-Collagen sind bestimmt von bissigem Humor und tiefer Skepsis gegenüber Politik und Gesellschaft in den Vereinigten Staaten. Mit seinen Schwarz-Weiss-Kontrasten lotet Pettibon die Abgründe des Seins aus. Er registriert, karikiert, irritiert, aber er bezieht nie eindeutig Stellung, die künstlerische Aussage bleibt mehrdeutig und offen.

 

 

Raymond Pettibon, Ohne Titel /I spent Ayll Morn…), 2017. Lithographie, Edition 4/50. Sammlung Ringier Schweiz. Foto: Jessica Pooch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eigens für die Ausstellung in Winterthur hat Pettibon eine Wandarbeit realisiert. Dafür setzte er sich mit dem Werk Daumiers auseinander, den er als eine der wichtigsten und frühesten Vorbilder seiner Kunst benennt. Diese Ausstellung zeigt zum ersten Mal die Verbindungen und Wahlverwandtschaft zwischen diesen Meistern der Zeichnung.

Honoré Daumier, Ein Muttermörder, Le Charivari, Acualités, 16.4.1850, Kunst Museum Winterthur. Foto: Roland Schmidt, Zürich

Bis 4.8.2019

Ausstellung im Kunst Museum Winterthur, Reinhart am Stadtgarten

Katalog: Daumier – Pettibon, Hrsg. Konrad Bitterli, Andrea Lutz, David Schmidhauser, Kunst Museum Winterthur, Hirmer Verlag 2019, CHF 40.00