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FrontGesellschaftWenn die Kathedrale in Flammen steht

Wenn die Kathedrale in Flammen steht

Der Brand von Notre-Dame in Paris regt an, darüber nachzudenken, wie solche Kathedralen vor rund siebenhundert Jahren entstanden sind.

Für diesen kurzen Abriss soll vor allem das Berner Münster betrachtet werden, mit Blick auf andere gotische Kirchendenkmäler. Die Geschichte seiner Entstehung ist kompliziert genug, aber überschaubarer als die anderer grosser Kathedralen. Sie zeigt wichtige Aspekte, die auch auf den Bau anderer Kirchen zutreffen.

Wie wurden diese Gebäude ohne die uns bekannten Baumaschinen aufgerichtet? Wer sich als Laie diese Frage stellt, kann sich in zahlreiche Forschungsarbeiten zu diesem Thema vertiefen – und staunt über die beachtlichen Fertigkeiten derer, die am Bau beteiligt waren.

Eine Kathedrale – ein «Statussymbol»

Die Berner entschieden sich spät, statt ihrer damaligen Leutkirche ein repräsentatives Bauwerk zu errichten. Sie waren von der Kathedrale von Lausanne beeindruckt – damals Bischofssitz; schon 1275 in Anwesenheit von Papst Gregor X. und Königs Rudolf von Habsburg geweiht. So viel politisches Gewicht besass Bern damals noch nicht. Im kommenden Jahrhundert änderte sich das durch die Burgunderkriege, aus denen Bern schliesslich siegreich hervorging. Inwieweit dieser Sieg den Wunsch verstärkte, eine Kirche zu besitzen, die der Lausanner Kathedrale ebenbürtig war, kann hier nicht erörtert werden.

Berner Münster  © Thomas Lüthi / commons.wikimedia.org

Die Grundsteinlegung zum neuen Berner Münster fand 1421 als feierlicher Akt in Gegenwart des Berner Schultheissen Rudolf Hofmeister und des Leutpriesters Johann von Thun statt. Die kirchenrechtlichen Verhältnisse damals erforderten zuvor die Zustimmung des Deutschritterordens, der seinen Sitz in Köniz bei Bern hatte.

Eine Bauhütte – ein spätmittelalterliches Kompetenzzentrum

Schon 1420 hatten die Berner Stadtherren einen Baumeister nach Bern geholt, der auch an der Strassburger Bauhütte mitgewirkt hatte: Matthäus Ensinger aus Stuttgart. Am 3. September 1420 wurden die ersten Steine zum Platz des künftigen Münsters gebracht. Innerhalb einiger Monate zeichnete Meister Ensinger Detailpläne und Schablonen als Vorlagen. Dieser Matthäus Ensinger muss ein überzeugender Baumeister gewesen sein. Denn die durch ihn ins Leben gerufene Bauhütte zu St. Vinzenz – das Berner Münster war diesem Heiligen gewidmet – entwickelte sich, modern ausgedrückt, zu einem weithin geachteten Bauunternehmen. 1459 wurde diese Bauhütte in Regensburg zum Vorort aller eidgenössischen Bauhütten ausgewählt und von dem bisher führenden Strassburg abgekoppelt. Daraus erkennen wir, dass die Bauhütten die treibenden Unternehmen sind, um ein solches Vorhaben zu bewältigen. Es zeigt sich noch ein anderer Aspekt: Im süddeutschen Raum herrschte ungeachtet unterschiedlicher Herrschaften ein reger Austausch kultureller und wirtschaftlicher Art.

So kann man sich eine mittelalterliche Baustelle vorstellen. Hier: Rudolf von Ems, Weltchronik in Versen, Der Turmbau zu Babel; ca. 1370 /commons.wikimedia.org

 

In einer Bauhütte arbeiteten Baumeister und Steinmetze gemeinsam, dazu die Handwerker, die für die künstlerische Gestaltung zu sorgen hatten, Skulpturen herstellten und Malereien anbrachten, Glasfenster einbauten usw. Das Material wurde aus Steinbrüchen herangekarrt und behauen. Die Steinmetze markierten die Steine mit einem persönlichen Zeichen, das zugleich angab, wie der Stein platziert werden sollte. Gerüste bestanden aus Holz und Seilen.

 

 

 

 

 

Das Berner Münster zwischen altem und neuem Glauben

Am Berner Münster wurde gut einhundert Jahre gebaut bis zum einschneidenden Beginn der Reformation. Die Arbeiten folgten einem Ablauf, der für den Bau einer Kathedrale charakteristisch war: Zuerst wurde die alte Leutkirche Schritt für Schritt im Uhrzeigersinn ummantelt, d.h. die neuen Mauern der grösseren Kirche wurden errichtet, bevor die alten Mauern abgerissen wurden. So entstand zuerst eine Seitenfront, dann Seitenkapellen. – Um genug Platz zu schaffen, musste das alte Ordenshaus der Deutschritter abgerissen werden. Die Genehmigung dafür wurde erst 1426 erteilt –fünf Jahre nach Beginn der Bauarbeiten. Wir können uns vorstellen, welches politische Gezerre damit verbunden war.

Das Langhaus der alten Kirche wurde schliesslich in den Jahren 1449-1451 abgerissen. Die Seitenkapellen wurden jeweils von einzelnen Stiftern finanziert, sicherlich auch in der Gestaltung von ihnen beeinflusst.

Als 1529 in Bern die Reformation ausgerufen wurde, hatte der Maler Niklaus Manuel mit seinen Gehilfen gerade die Malereien im Kircheninnern beendet. Die Statuen waren ebenfalls aufgestellt – und wurden wenig später vom Furor der Reformationsanhänger beseitigt, geköpft und neben dem Münster in einen Schacht geworfen.

Das Berner Münster um 1800, nach einem Stich von Gabriel Ludwig Lory
/ helveticarchives.ch

Doch war der Münsterbau mit diesen umwälzenden Ereignissen noch nicht beendet. So gibt es beispielsweise eine Notiz, dass der Rat der Stadt Bern am 12. Juni 1596 den Kaiser gebeten hatte, die Oberste Steinmetzenhütte erneut nach Bern zu verlegen, denn dort wirkte damals ein anerkannt guter Baumeister: Daniel Heintz.

Die Turmspitze der Kathedralen

Es waren Jahrhundertwerke, diese Kathedralen der Spätgotik, denn vollkommen zu Ende gebaut wurden nur wenige. Besonders die katholischen Kirchenbauten wurden immer wieder ergänzt, verschönert, dem Geschmack der Zeit angepasst. Ebenso wie der riesige Kölner Dom erhielt das Berner Münster erst im 19. Jahrhundert eine Turmspitze. Zur Epoche der Romantik gehörte die Rückbesinnung auf die Architektur des Mittelalters, woraus der Wunsch entstand, diese Bauwerke zu «vollenden». – Aber wirklich vollendet sind diese Zeugen vergangener Kunstfertigkeit und Handwerkskunst wohl nie. Wenn nichts ersetzt oder ergänzt werden muss, so gibt es doch immer etwas zu restaurieren.

links: Erwin von Steinbach: Konzept der Westseite des Strassburger Münsters
(Ende 13. Jh.) / commons.wikimedia.org
rechts: Westseite des Strassburger Münster – tatsächlicher Bau / commons.wikimedia.org

«Soli Deo Gloria» – allein zu Gottes Ruhm, lernte ich als Kind, seien die hoch aufragenden Kathedralen gebaut worden. Später erfuhr ich, dass diese imposanten Kirchenbauten stark mit dem Prinzip Macht verbunden waren. Kirchen waren nicht nur Symbole christlichen Glaubens, sondern ebenso Zeichen der Herrschaft derer, die einflussreich genug waren, solche beeindruckenden Bauwerke aufrichten zu lassen.

Cathédrale Sainte Cécile in Albi  © Byac.C. / commons.wikimedia.org

Frühchristliche Kirchen wurden oft an Plätzen errichtet, die zuvor ein nicht-christliches Heiligtum gewesen waren. Auch römische Tempel wurden im Frühmittelalter zu Kirchen umgestaltet. Im 12. bzw. 13. Jahrhundert, also zur Zeit der Hochgotik, erlebten die Katharer in Südfrankreich ein besonders schreckliches Schicksal: Sie hatten sich – sehr verkürzt ausgedrückt – von der katholischen Kirche losgesagt und eine eigene Religion begründet. Dafür wurden sie von der Kirche und den mit ihr verbündeten Fürsten unbarmherzig bekämpft und vernichtet. Kaum war der Feldzug gegen sie beendet, wurden in den gefallenen Katharerhochburgen mächtige Kirchenbauten errichtet. Man kann ein solches Symbol der Macht in Albi heute noch anschauen. Kirchenbauten sind Zeitzeugen der Gesellschaft in all ihren Facetten.

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