Kultur

Sophie Calle und Stephan Eicher

Grosse Kunst im Fotomuseum Winterthur. Die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle eröffnete am Freitag, 7. Juni ihre Ausstellung «Un certain Regard».  Musikalisch begleitet wurde sie vom Chansonnier Stephan Eicher, der von ihr sagt, dass sie eine gute Freundin ist und der ihr bei den Aufnahmen in Istanbul geholfen hat.


Da stand sie nun mit einer dunkle Sonnenbrille, schwarz gekleidet inmitten von hunderten Gästen, die sich zur Vernissage vor dem Fotomuseum versammelt hatten, und schüttelte immer wieder den Kopf. Denn sie verstand kein Wort von der Huldigung Stephan Eichers, der sie in Schweizerdeutsch lobte.


Seit 25 Jahren befreundet. Sophie Calle und Stephan Eicher.

Vor dem Auftritt verriet  Stephan Eicher Seniorweb: «Sie ist seit 25 Jahren meine beste Freundin. Sie hat mich künstlerisch erzogen und ich habe ihr damals bei den Aufnahmen in Istanbul geholfen. Sie wird heute Abend zusammen mit mir auch singen, eine Weltpremiere.»

Viele der Bilder entstanden vor einigen Jahren in Istanbul von blinden Menschen, die durch einen Unfall oder ein Ereignis ihr Augenlicht verloren haben. Die Konzeptkünstlerin, Autorin, Fotografin und Filmemacherin Sophie Calle  interviewte diese Menschen und bat sie, von ihren Eindrücken zu erzählen.

Das Titelbild der Ausstellung „Un Certain Regard“. Foto: The Right To Look Museum

Dazu sagte sie: ««Ich fuhr nach Istanbul, eine Stadt, die von Wasser umgeben ist. Hier traf ich Menschen, die noch nie das Meer gesehen haben. Ich führte sie zur See und habe sie gefilmt und fotografiert».

So entstand eine Reihe von Fotos und Filmen, die nicht mehr als die Reaktion der Menschen zeigen. Fünf Werkserien, darunter zwei über Blinde, die sich an das letzte erinnern, bevor sie das Augenlicht verloren. Die andere Gruppe der Blinden beschreibt, wie sie die Schönheit empfinden, ohne sie je gesehen zu haben. Für ein Mädchen ist es das wollige Schaf, weil es sich nicht bewegt, oder die langen Haare ihrer Mutter.

Eine halbblinde Frau sieht die Welt unscharf

Sophie Calle (*1953), eine der einflussreichsten Künsterinnen der Gegenwart, erzählt Geschichten in Fotografien und kombiniert diese mit dem geschriebenen Wort. Im Fokus ihrer Arbeiten steht das Verhältnis von Erinnerungen und deren visuelle Darstellung. Was passiert, wenn Bilder verschwinden oder das Sehen nicht mehr möglich ist? In akribischen Spurensuchen durchleuchtet die französische Künstlerin letzte, fehlende oder private Aufnahmen und reflektiert gleichzeitig die Beziehung von Text und Bild. Ihre Arbeiten sind durch eine starke Intimität geprägt, die sich in den Werkkomplexen entfaltet und die eine unausweichliche Anziehung ausüben.

Ein blinder Mann lauscht dem Meerrauschen

Die 65-jährige Künstlerin führt ein Leben wie aus einem Drehbuch – raus aus den Zwängen des bürgerlichen Alltags, hinein ins Abwegige. Die Französin durchwühlte als Zimmermädchen die Koffer der Hotelgäste, las ihre Post, roch an den Laken, notierte, fotografierte. Später lud sie Freunde und Passanten in ihr Bett. 24 oder 45, die Zahl variiert, kamen und schliefen in drei Schichten, je acht Stunden, eine Woche lang bei ihr und liessen sich von ihr fotografieren.

 

Blinde Frau im Gras

In ihren jüngeren Jahren trieb sie es häufig auf die Strasse. 1979 begann sie, Unbekannte in Paris zu beschatten, notierte ihre Gewohnheiten, verfolgte später einen Mann namens Henry B. bis nach Venedig und wieder nach Paris zurück, beobachtete und fotografierte ihn zwölf Tage lang. Sie begehrte ihn, es blieb einseitig. Er konnte ihr nicht weh tun, sie ihn jederzeit verlassen. Im Gegenzug liess sie über ihre Mutter einen Detektiv einen Tag lang auf sie ansetzen, genoss seine Aufmerksamkeit, führte ihn über den Friedhof Montparnasse, in den Jardin de Luxembourg und ins Louvre. Sie behielt die Kontrolle. Geht es nach ihrer Kunst, ist sie mehr verlassen worden, als sie verlassen hat.

Auf Vorhänge gestickte Texte überdecken die Bilder und benennen die Gründe, die dem fotografischen Akt vorausgegangen sind.

Die Ausstellung im Fotomuseum dauert bis 25. August 2019

SituationsPorn

Die zweite Ausstellung  «SituationsPorn»  in der Fotostiftung Schweiz mit Arbeiten von Anna Ehrenstein, Andy Kassier, Andy King, Adrian Sauer und Jean-Vincent Simonet befragt anhand von künstlerischen und kulturellen Erscheinungsformen das Wechselspiel von Blick und Begehren vor dem Hintergrund des vernetzten Bildes. Es ist ein experimentelles Ausstellungsformat, das dynamisch auf aktuelle fotografische und kulturelle Entwicklungen reagiert.

Wechselspiel von Blick und Begehren moderner Technik

Die Ausstellung «Situations/Porn» dauert bis 13. Oktober 2019

„Mondsüchtig“

Weiter zu sehen ist im Fotomuseum die künstlerische Bearbeitung der Mondlandung vor 50 Jahren. Max Grüter stellt einen dunkelgrauen, weitläufigen Teppich aus, der die Mondoberfläche suggeriert. In den Flor eingelassen sind  Fusspuren von Astronauten.

23’688 TV-Bilder auf einem Wandbild von Edy Brunner

Von Edy Brunner ist ein Wandbild, bestehend aus 23’688 einzelnen Fotografien, in bildschirmähnlichen Plastikrähmchen ausgestellt. Brunner installierte dafür eine Kamera vor einem Farbfernsehgerät und machte während der ganzen Live-Übertragung jede Sekunde ein Bild. Es ist ein anschauliches Monument für den stürmischen Siegeszug des noch jungen Mediums Fernsehen. Die Idee für die  Ausstellung «Mondsüchtig» hatte Peter Pfrunder.

Die Ausstellung «Mondsüchtig» dauert bis 6. Oktober 2019

Fotos: Josef Ritler