Kultur

Ich hört' ein Bächlein rauschen

Franz Schubert schuf mit seinem Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, nach Gedichten von Wilhelm Müller, den ersten erzählenden Liederzyklus der Romantik, von dem sich spätere Komponisten anregen liessen.

Handwerksgesellen, die nach ihrer Lehre auf Wanderschaft in die Ferne zogen, sah man vereinzelt noch im letzten Jahrhundert. Zimmermannsgesellen mit ihrer auffälligen Kleidung hielten an diesem Brauch am längsten fest. Früher gehörte es zum üblichen Lebenslauf eines Handwerkers, zuerst in der Ferne Erfahrungen zu sammeln, ehe er daheim sein Handwerk ausübte. Wer Glück hatte, konnte die Tochter des Meisters heiraten und sich dadurch eine Existenz aufbauen.

Müllergesellen wanderten von Mühle zu Mühle und baten um Arbeit. In Mitteleuropa – ausser in Holland – waren Mühlen fast ausschliesslich an Wasserläufen gebaut. So ist es nur natürlich, dass Schuberts Liederzyklus mit einem Vergleich zwischen dem Wandern und dem gleichmässigen Lauf des Wassers beginnt:

Vom Wasser haben wir’s gelernt . . .
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
Ist stets auf Wanderschaft bedacht . . . .

Im nächsten Lied wird es verheissungsvoller: „Ich hört‘ ein Bächlein rauschen“. Ein solches Bächlein lässt die Hoffnung aufkommen, dass der Geselle zu einer Mühle gelangt, wenn er dem Bächlein folgt.

Über das Romantische – und seine Gebrochenheit

Der Bach als Wegweiser und Begleiter des Menschen, der Bach als Ansprechpartner des einsam wandernden jungen Mannes, Wasser als Träger sehnsüchtiger Gefühle – all das entspricht der Epoche der Romantik an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert. Heutzutage scheint von den Ideen der Romantik nicht viel mehr als Gefühlsduselei und Sehnsucht nach heiler Welt übriggeblieben. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Natur nicht so heil ist, wie wir es uns wünschen würden.

Die Menschen auf der Schwelle zum 19. Jahrhundert begannen gerade, die Natur mit neuen, wachen Sinnen wahrzunehmen. Dazu gehörte auch das Geheimnisvolle, das sich dem Menschen nur durch Einfühlung erschloss. Dazu gehörte es auch, dass man die Elemente, vor allem Erde, Luft und eben Wasser, auf verschiedenen Ebenen zu erforschen begann. So wusste zum Beispiel Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, dass Wasser als Informationsträger zu nutzen war. – Auch Freude, Trauer, Hoffnungen, Sehnsüchte sind solche Gefühle.

Alte Mühle bei Schloss Brake / Lemgo, Ostwestfalen (Foto mp)

Doch die Romantiker waren sich – wie wir heute – dessen bewusst, dass Gefühle sich wandeln, dass sie dahinfliessen wie Wasser. Dieses Element gilt als das Symbol für Unbeständigkeit, Vergänglichkeit, Wandel, nicht nur im europäischen Denken, sondern auch im Buddhismus. Das Sprichwort „Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss“ drückt es aus. Wer darüber nachdenkt, erkennt, dass die Romantiker ihren Gefühlen gar nicht derart erlegen sind, wie wir meinen. Da findet sich stets eine Gebrochenheit. Der Mensch genügt schon damals der Vollkommenheit der Natur nicht. Und der Mensch muss darauf gefasst sein, dass sich in den Elementen mehr verbirgt, als ihm bewusst ist.

Im Gedichtzyklus eines Wilhelm Müller, der nicht zu den tiefsinnigsten Denkern der Romantik zählt, sehen wir diese Distanzierung von der Geschichte des armen Müllergesellen in Prolog und Epilog, die das Geschehen in einen ironischen Rahmen stellen, der die Identifikation mit der jugendlichen Gefühlswelt aufbricht. Diese Distanzierung liess sich schlecht in den Liederzyklus einbringen, weshalb Schubert sich auf sorgfältig ausgewählte Gedichte beschränkte. – Über den Bach heisst es im Prolog:

Denn, ob der Bach zuletzt ein Wort auch spricht,
So wird ein Bach deshalb Person noch nicht.

Der Chräbsbach, wie ihn die Einheimischen nennen, war früher ein Mühlebach. 1902 wurde die Mühle aufgehoben. (Foto mp)

Der junge Müller hat zunächst Glück. In der Mühle an seinem Weg wohnt eine hübsche Müllerstochter, in die sich der junge Mann sogleich verliebt und die ihn nach einigem Werben erhört:

Bächlein, laß dein Rauschen sein! / Räder, stellt eur Brausen ein! / All’ ihr muntern Waldvögelein, / Groß und klein, / Endet eure Melodein!
Durch den Hain / Aus und ein / Schalle heut’ ein Reim allein: / Die geliebte Müllerin ist mein!

Das Jauchzen des Müllergesellen finden wir im wiederkehrenden Reim auf ‚-ein‘, was uns an ‚Einssein‘, die Sehnsucht aller Liebenden, erinnert. Und wieder wird der Bach direkt angesprochen, als stünde das Wasser dem Müller so nahe wie ein guter Freund.

Jugendliche Romantiker

Wilhelm Müller (1794-1827) ist uns vor allem durch seine beiden Liederzyklen bekannt, dem hier vorgestellten und der ebenso bekannten „Winterreise“, obwohl Schubert auch andere seiner Gedichte vertonte. Er stammte aus einer Dessauer Handwerkerfamilie. Mit anderen Dichtern seiner Zeit wie Novalis, Karoline von Günderode oder Wilhelm Hauff hat er gemeinsam, dass sein Leben nur kurz währte. Die Romantik war eine Jugendbewegung! Die Literaturhistoriker setzen Müller in einen Zusammenhang mit E.T.H. Hoffmann und Joseph Eichendorff, wobei er nicht die Bedeutung der gerade Genannten erreichte. Immerhin gab Müller den vielen sangesfreudigen Menschen Stoff für ihre Leidenschaft. – Volkslieder und Lieder, die diesen ähnelten, waren in jener Zeit sehr beliebt.

„Des Baches Wiegenlied“

Die Geschichte unseres Müllergesellen nimmt eine traurige Wendung: Die flatterhafte Müllerstochter lässt ihren Verehrer sitzen und verliebt sich in einen Jäger. Solcher Herzschmerz kann seit „Werthers Leiden“ nicht anders als im Tode enden. Nun übernimmt der Bach, wie im Prolog angekündigt, selbst das Wort und singt mit seinem Rauschen ein Schlaflied, das ihn in den Tod wiegt – Romantik als höchste Ausdrucksform der Gefühle: Wasser als Element des Lebens kann ebenso zum Tode führen.

Gute Ruh’, gute Ruh’! / Thu’ die Augen zu! / Wandrer, du müder, du bist zu Haus.
Die Treu‘ ist hier, / Sollst liegen bei mir, / Bis das Meer will trinken die Bächlein aus.

Zum Abschluss ein Beispiel mit Ernst Häfliger.
Er wäre am 6. Juli dieses Jahres einhundert Jahre alt geworden.