Kultur

Gedichte ausstellen – zum Beispiel so

Dem Zürcher Literaturmuseum Strauhof gelingt es, zeitgenössische Lyrik und ihre Urheberinnen und Autoren leicht und locker zu präsentieren: Gedicht/Gesicht heisst die Installation, als Ausgangspunkt der Fotoporträtband Das Gesicht und sein Double von Dirk Skiba.

Mehr als fünf Jahre lang fotografierte Dirk Skiba Lyrikerinnen und Lyriker die ihre Gedichte auf D/deutsch schreiben, heute vermehrt vorlesen, performen, aufführen. Dann bat er sie, mit einem Gedicht auf ihr Konterfei zu reagieren. So hat die Lyrik der Gegenwartsliteratur ein Gesicht bekommen, viele Gesichter, denn es äussern sich die ganz Jungen und die Alten, die Bekannten bekannten und die es noch nie zwischen Buchdeckel geschafft haben. Also Gedichte von A wie Kurt Aebli über G wie Gomringer – Eugen oder Nora – bis Z wie Ulrich Zieger.

Lyriker und Dichterinnen als Schriftmuster beim Eingang zur Ausstellung. 

Die Sammlung beansprucht weder vollständig zu sein, noch ausgewogen: so viele Stimmen, so viele Ausdrucksweisen, wenn es um das Gedicht geht. Und mehr als ein halbes Jahrhundert Welt der deutschsprachigen Poesie ist hier versammelt: die ältesten Lyriker Eugen Gomringer und Anne Dorn sind Jahrgang 1925, die jüngste, Sirka Elspass, 1995. Aus der Konzeptarbeit eines Fotografen ist erst ein Buch und nun eine Installation entstanden, die allerdings die Frage nicht beantwortet, ob ein Gesicht die Worte des lyrischen Ich lesbarer macht.

Blick in die Ausstellung 99 mit Porträts und rückseitigem Gedicht.

Die schwarz-weissen Porträts und das passende lyrische Selbstporträt – aufgezogen auf der Vor- und Rückseite von drehbaren Platten in Augenhöhe – lassen sich als Fremd- und Selbstwahrnehmung der Dichterinnen und Dichter begreifen, mitunter einleuchtend, dann wieder zur Frage animierend, warum der Poet, die Poetin gerade dieses Gedicht als lyrisches Selbstporträt zur Foto gestellt hatte. So wird es ein Spiel zwischen Bild und Text.

Zum Beispiel Klaus Merz:
Columbus
Sagen können:
Ich habe mich
durchgefragt
Bis zu mir

In der Ausstellung sind hundert minus eine der Skiba-Fotos zu sehen (ein Dichter hat verzichtet – für Uwe Kolbe, ein von Sascha Anderson fürs DDR-Regime bespitzelter Autor, war es unmöglich, gemeinsam mit seinem Verräter in der gleichen Ausstellung präsentiert zu werden). Zustandegekommen ist eine Installation von formaler Strenge, die voller Überraschungen steckt.

Von jeder Lyrikerin, jedem Lyriker liegt ein Band zum anfassen, aufblättern und lesen auf.

Im Obergeschoss bietet die Ausstellung in einem Raum mit Couch zum Verweilen Gedichtbände aller Beteiligten. Zugleich stehen hier Stühle im Halbrund für die verschiedenen Veranstaltungen mit lebenden Dichterinnen und Dichtern. Lyrik ist das kompakteste und musikalischste, das persönlichste und welthaltigste, das freieste und kühnste literarische Genre. Formen kennt sie viele: vom dreizeiligen Haiku bis zur mehrstrophigen Ballade, vom Sonett bis zum Prosagedicht, vom strengen Anagramm bis zum Rap – immer intensiv, bilder- und gedankenreich, ungewöhnlich und augenöffnend.

Zsuzsanna Gahse und Kurt Aebli. Foto © Dirk Skiba

Schwierig, sagen manche, aber stimmt das wirklich? Was hält uns ab, Gedichte zu lesen, sie laut aufzusagen, jedes Wort auf der Zunge zergehen zu lassen und dem Klang zu lauschen? Denn Gedichte sind auch Klang, Sprachmusik, die den Sinn aber nicht aussen vor lässt. In ihrem Vortrag, der sich Gedichten der Ausstellung sowie weiteren widmet, betont die Lyrikerin Ilma Rakusa, dass erst die Einheit von Klang, Form und Inhalt den Zauber eines gelungenen Gedichts ausmacht, ob dieses von Liebe oder Einsamkeit, vom Gesicht oder einer Landschaft spricht. Ilma Rakusa wird am 22. August über Gedichte – ihre eigenen und andere – sprechen.

Hörstationen mit Aussagen zur Faszination Lyrik.

Während im einen der beiden kleinen Räume des Obergeschosses Videos mit Lyrik-Performances oder regelrechte Kurzfilme, produziert von Dichterinnen und Dichtern, die Wände beleben, gibt es im andern Interviews und Gespräche zum Phänomen Gedicht, darunter einige Kommentare von Dichtern zu ihrem ausgewählten oder geschriebenen Gedicht, welches sie als Antwort auf Skibas Porträt einsandten. Der Literaturwissenschaftler Christian Metz indessen hat gleich das „Aushängeschild“ zur Strauhof-Sommerausstellung geprägt: „Wir leben im Zeitalter der Gedichte“, blitzt ins Auge, sobald man die Treppe zum Obergeschoss erklommen hat. In seinem Statement führt er aus, was er damit zur Lyrik heute sagen will. Scharf formuliert ist auch Brigitte Oleschinskis Sentenz daneben: „Was Gedichte sind, entdeckt das eigensinnige Dichten mit jedem einzelnen Gedicht neu.“

Ich kenne mich mit aktueller Lyrik nicht aus, kann zwar einige Gedichte von C. F. Meyer oder Eichendorff auswendig, lese aber heute eher Prosa. Von den Videos schaute ich jedoch einige mit Genuss an, allen voran Nora Gomringers hochpolitisches und zugleich poetisches Werk, welches sie gemeinsam mit Cindy Schmid (Bilder) gemacht hat: Trias geht unter die Haut, macht betroffen und nachdenklich. Oder Brigitte Falkners Strategien der Wirtsfindung, als Buch veröffentlicht 2017, hier ein Animationsfilm, der einen das Gruseln lehren kann.

Milben gezeichnet von Brigitta Falkner

Ob Christian Metz wohl an die neuen Medien gedacht hat und die Leichtigkeit, wie Poesie dank Whatsapp und Facebook verbreitet werden kann? Dennoch ist wohl auch die resignative Feststellung von Franz Hodjak richtig: „Das eigenartige an der Lyrik heute ist, dass es mehr Lyrikschreiber als Lyrikleser gibt. Früher war das doch umgekehrt“. Vor dem Zeitalter des Rundfunks und aller folgenden E-Medien waren Gedichte als Kommunikationsmittel tiefer in der Gesellschaft verankert als heute. Dichterinnen und Dichter in Gefahr – sei es im Gulag oder bedroht von der Zensur in einem totalitären Staat – konnten ihre Gedichte immer auswendig. Auch Uwe Kolbe und andere Lyriker aus der DDR irritierten bei Lesungen das Publikum, weil sie kein Manuskript brauchten, um ihr Werk vorzutragen.

Anne Dorn. Foto © Dirk Skiba

Diese Lyrik-Ausstellung kann auch weniger Poesie-Affine an Gedichte heranführen, da bleibt man unversehens beim Blättern in einem der Bücher hängen und liest weiter und weiter, für Lyrik-Kenner und -Liebhaberinnen ist sie ein wunderbarer Ort, einen Nachmittag zu verbringen.

Dirk Skiba: Das Gedicht & sein Double. Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait. Edition Azur, Dresden 2018.
ISBN 978-3-942375-36-8

Ausstellungsansichten: Fotos © Zeljko Gataric
Titelfoto: Filmstill: Mara Genschel performt „Vice Versa“, ihre poetische Antwort zum Fotoporträt © Strauhof
Bis 15. September
Informationen zur Ausstellung Gedicht/Gesicht
Lesungen, Referate, Performances während der Ausstellung