FrontKulturDer Besuch der alten Dame in Luzern

Der Besuch der alten Dame in Luzern

Die Leuchtenstadt Luzern war am Samstag, 7. September 2019, für kurze Zeit Güllen. Vor dem Luzerner Theater wurden die Besucher bewirtet. Regierungsrat Paul Winiker begrüsste die Gäste, die Brassband der Bürgermusik spielte und Dürrenmatts alte Dame fuhr mit einem Rolls Royce vor, stieg aus und wurde frenetisch begrüsst.

Mit diesem Empfang und der tragischen Komödie von Friedrich Dürrenmatt «Der Besuch der alten Dame» startete das Luzerner Theater die Spielzeit 19/20. Man fühlte sich nach Güllen versetzt. Alle Besucher wurden Teil der Inszenierung. Selbst Regierungsrat Paul Winiker hoffte erwartungsvoll auf Geld der alten Dame für den geplanten Neubau des Theaters und schwärmte: «Wir haben gerne Damenbesuch.»

Die elegante, alte Dame Delia Mayer steigt aus einem Rolls Royce und begrüsst die Luzerner

Als die elegant gekleidete und vornehme alte Dame Claire Zachanassian, gespielt von Delia Mayer, bekannt als Kommissarin des Luzerner «Tatort» das Wort ergriff und fragte «Das ist doch Güllen?» schwenkten die verzückten Luzerner vor der Güllenbar die vorher verteilten Fähnchen und waren begeistert.

Regierungsrat  Paul Winiker hofft humorvoll auf Gelder der alten Dame      

Im Theater blickten viele Zuschauer zuerst besorgt an die Decke. Mitte Juni wurden bei einem Kontrollrundgang Verformungen der Zuschauerdecke festgestellt. Die Gipsdecke hatte sich wegen Materialermüdungen abgesenkt und musste renoviert werden.

Die Inszenierung der beiden griechischen Regisseure Angeliki Papoulia und Christos Passalis irritiert. Auf der Bühne liegt die in einer Plastikhülle eingewickelte Leiche Alfred Ills (Fritz Fenne). Daneben steht ratlos Delia Mayer und beugt sich ratlos über den Toten, genau wie in einem Tatort.

Von da an wird  Dürrenmatts düsterer Klassiker rückwärts erzählt. Im Stil des Film noir steht der Mord an Alfred Ill am Anfang der Inszenierung. Durch diesen Kunstgriff wird die bei Dürrenmatt sich allmählich offenbarte Verführbarkeit der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit. Die Grausamkeit der Gemeinschaft, der Racheakt und die ihn auslösende traumatische Verletzung einer jungen Frau rücken in den Mittelpunkt.

Neues Stilmittel: Alles wird gefilmt und auf Grossleinwand übertragen
Foto: Ingo Höhn/Luzerner Theater

Alle Szenen vor und hinter einer grossen Glaswand werden von einer aufdringlichen Reporterin (Nina Langensand) auf Video gefilmt und auf eine Grossleinwand übertragen. Die Kamera filmt in das Treibhaus, das die Bühne nach hinten abriegelt. Es wird der drastisch ausgekostete Kollektivmord an Afred Ill, die Vorbereitungen dazu und die Partys in Vorfreude der erwarteten Milliarde genüsslich gezeigt. Schliesslich wird vor laufender Kamera mit Messer und Schlagstöcken gemordet.

Dürrenmatts Klassiker ist ein Mix unterschiedlicher Genres und zeigt die unverkennbare Lust des Autors, theatralisch gross und böse zu denken und dabei mit viel Humor ein pointiertes Bild sozialer Netzwerke und gruppendynamischer Prozesse in einer kleinen Stadt zu skizzieren.

Das Regieduo schafft mit den Mitteln des Films und der Live-Performance auf ironisch und unterhaltsame Weise den Lokalbezug. In Stückszenen, gedreht in Luzerner Restaurants, auf den Strassen und am See, kommentieren  Einheimische wie der Stadtpräsident Beat Züsli die Geschichte, als hätte sie hier gespielt.

Die Einspielungen der teils kurios antwortenden Personen lösten bei den Zuschauern viel Gelächter aus.

Das Stück endet mit dem Befehl an die aufsässige Kamerafrau: «Mach die Kamera aus!»
Eine Zuschauerin am Schluss zu Seniorweb: «Zum Glück ist Luzern nicht Güllen.»

Fotos: Josef Ritler

Weitere Spieldaten 11., 15., 19., 21., 22., 27., 29., September; 3., 4., 19., 25., Oktober; 22. November; 14., 17., 20., 27. Dezember; 4., 11. Januar 2020

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