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Wenn Geist und Witz sprühen

Ein Gratulationsstrauss aus dem eigenen Garten: Der Lenos Verlag gratuliert seinem Autor Gerold Späth zum 80. Geburtstag mit dem Band «Alyeska», der acht teilweise unveröffentlichte Erzählungen umfasst.

Wir halten ein schmales Buch in Händen – ‹Alyeska› ist ein alter Name für die Aleuten-Inseln vor Alaska, die im 19. Jahrhundert von Russland an die USA verkauft worden waren. Was wir jedoch in diesem Bändchen lesen, ist umso sprechender und inhaltsreicher, denn Gerold Späth beherrscht die Kunst der Verknappung aufs Brillanteste. Die Handelnden erzählen ihre Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes selbst. Ihnen gibt der Autor eine literarisch ausgefeilte Sprache – für jeden Charakter die passende, ohne dass es auch nur einmal künstlich wirkt.

Lesend folgen wir den verschlungenen Wegen der Erzählungen, manchmal sind sie skurril oder surreal, phantastisch oder ganz einfach voller Witz. Gerold Späth parodiert Themen aus der Trivialliteratur so raffiniert, dass die Lektüre trotz des brutalen Inhalts ein Vergnügen ist.

Die Texte stammen aus verschiedenen Schaffensperioden, zwei wurden noch nie veröffentlicht. Gewisse Stilunterschiede lassen sich ausmachen, die vielleicht auch in der Struktur der Geschichte begründet sind. Gerold Späth beherrscht alle Schreibhaltungen: sei es Ironie oder Sarkasmus, Witz, aber auch humanistisches Engagement.

Ausgefeilte Sprachkunst

Von allen Texten der krasseste ist in den Augen der Schreibenden Als Emo starb. Hier geschieht fast nichts, nur Emos Tod in vielen Varianten, eine Fingerübung, den Tod zu beschreiben. Ist es eine Persiflage auf die Redewendung «Er starb tausend Tode» – mit einem ironischen Augenzwinkern?

Gerold Späth.  Fotograf: Peter Haefliger

Surreal erscheint die ganz nüchtern geschriebene Geschichte einer Familie, die nach Venedig reisen wollte, dies aber aus bestimmten Gründen nicht tut und dann unvermittelt verschwindet – und trotzdem in der Lage ist, von ihrer misslichen Lage darüber zu berichten, dass niemand mehr in ihrer Umgebung sie wahrnimmt. Die kurze Erzählung bleibt im Unerklärlichen hängen, lässt die Lesende zwar ratlos zurück, und doch fühlen wir uns angeregt, über solche seltsamen Wendungen nachzudenken.

Fischen im Zürichsee und im Pazifik: Alyeska

Alyeska, die längste Erzählung, hier zum ersten Mal veröffentlicht, spielt zu einem bedeutenden Teil in Alaska. Die Form der indirekten Erzählung, die Späth pflegt, wird hier noch einmal gebrochen. Derjenige, der die Geschichte aufschreibt – aufschreiben soll -, hört sie von seinem Freund, einem Hobbyfischer am Zürichsee, dem ein vor Jahrzehnten ausgewanderter Freund erzählt, wie sein Leben in Alaska verlaufen ist.

Abenteuerlust trieb ihn dorthin, mit Engagement stürzte er sich in die Hochseefischerei, erarbeitete sich Wohlstand, so dass er und seine Familie sich Ferien in Mexiko erlauben konnten. Dort erlebt er schmerzlich, wie die mexikanischen Fischer mit dem Verdienst, zu dem sie durch des Erzählers Hinweise kommen, jegliches Mass verlieren und seine Ratschläge letztlich in einem Fiasko enden. Enttäuscht und verbittert sieht der Erzähler seine eigenen Ideale als Fischer verloren gehen – eine zeitkritische Geschichte. Raffiniert, wie trotz der doppelt indirekten Erzählweise nichts von der Spannung verloren geht.

Gerold Späth, in Rapperswil geboren und aufgewachsen, ist seinen Ursprüngen verbunden. Das zeigt sich in mehreren Geschichten, zum Beispiel in Eis und Wasser, quasi einer historischen Anekdote, in der am Ende alles schiefgeht – eine tragikomische Geschichte, schön langsam erzählt, wie es die Männer am Stammtisch wohl tun würden.

Die Lieblingsgeschichte der Schreibenden spielt in einer Kirche, die in Rapperswil stehen könnte, und hat ebenfalls biografischen Bezug. Späth entstammt nämlich einer Orgelbauerfamilie; als junger Mann, ehe er auszog und sich dem Schreiben widmete, hat er eine Zeitlang selbst dort gearbeitet. In Orgelwind, weiss begleiten wir den jungen Erzähler zum Unterricht bei Madame Adèle, die den Schüler in das Orgelspiel einführt. Wie es dabei eines Nachmittags zu einer unerwarteten, ja unheimlichen Begegnung mit einem Menschen – oder ist es ein Geist? – kommt, ist hinreissend erzählt. Was dort auf der Orgelempore geschieht, wird hier nicht verraten, lesen Sie selbst!

Gerold Späth: Alyeska. Acht Geschichten. Lenos Verlag 2019; 182 Seiten; ISBN 978-3-85787-497-0

Weitere Informationen zu Gerold Späth

Titelbild: Blick auf das Städtchen Unalaska auf den Aleuten, die früher ‹Alyeska› hiessen. © Wanetta Ayers / commons.wikimedia.org

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