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So funktioniert die Gesellschaft

«Nella società, in Gesellschaft» heisst die neue Ausstellung des Kunstmuseums Luzern. Giulia Piscitelli und Clemens von Wedemeyer gehen in Objekten, Bildern und Videos der Frage nach, wie die Gesellschaft funktioniert. Die Ausstellung dauert bis 9. Februar 2020.

Die 1965 geborene Italienerin und der 1974 geborene Deutsche verstehen ihre Kunst im gesellschaftlichen Kontext. Die beiden Kunstschaffenden nehmen in der von der Direktorin des Kunstmuseums Fanny Fetzer kuratierten Doppelausstellung eine engagierte Haltung ein und beschäftigen sich in ihrer Arbeit mit den globalen Bewegungen von Menschen, Ideen und Waren. Piscitellis Objekte und Bilder und von Wedemeyers Videos und künstlerische Recherchen untersuchen die Mechanismen, mit denen eine Gesellschaft Zugang gewährt oder ausschliesst. Nella società, in Gesellschaft ist als loser Dialog den beiden Positionen gedacht.


Gebetsstühle und Gebetsteppiche an der Wand. Piscitelli

Betritt man die Ausstellung, wähnt man sich in einer Kirche. 21 katholische Beichtstühle aus Holz und islamischen Gebetsteppichen beherrschen den Raum und erinnern an Giulia Piscitellis Heimat, Neapel. Die Kirchenbank strahlt in plötzlicher Pop-Frische, ganz im Widerspruch zum muffig ältlichen Anstrich. Die listige Fusion einer katholischen Kirchenbank mit dem bunt gemusterten Samt eines muslimischen Gebetsteppichs erinnert nicht zuletzt auch an die theologischen Berührungen der beiden Religionen.


150 Quadrate liegen am Boden. Piscitelli

Im Zweiten Raum liegen 150 Quadrate, die in regelmässigen Abständen ausgelegt sind. Der Raster gerät im letzten Drittel durcheinander, als hätte eine unachtsame Besucherin, ein unachtsamer Besucher die Ordnung beim Betreten der Ausstellung versehentlich verschoben Die Reihen basieren auf der Zeichnung von Giulia Piscitellis Patenkind Elvis, das mit 5 Jahren in der Schule jedes zweite Feld eines karierten Papiers farbig ausmalen sollte.

Auf einem Fernseher läuft das Video Disarmo, Revolt Revolt, in welchem eine Pistole fein säuberlich zersägt und zerstückelt wird. Man hört den schrillen Sound der elektrischen Säge, «Wir schauen, verstehen – ja, verstehen nur allzu gut, und genau dies gilt es auszuhalten, wie der unerbittlich drängende Ton, der unter die Haut geht», wie es im Katalogtext von Bice Curiger beschrieben wird.

 

Giulia Piscitelli lässt sich für ihre Arbeit vom Alltag in Neapel inspirieren. Oft greift sie alltägliche Dinge, die sie auf der Strasse oder am Markt sieht, auf, und verwandelt diese. Vom Handtumbler über Skibrillen bis zu Korkschuhen. Die Künstlerin nimmt in ihren Werken auf magische Weise Zustandsveränderungen der Alltagsdinge vorweg, wie etwa das Versteifen einer Häckeldecke, indem sie diese in Zucker tränkt. Dadurch entsteht ein Kippbild, das beim Betrachter nach und nach unheimlicher wird.


Giulia Piscitelli und Clemens von Wedemeyer stellen im Kunstmuseum Luzern gemeinsam aus

Der in Göttingen geborene und in Berlin lebende Clemens von Wedemeyer befasst sich in seinen Arbeiten mit Menschenanhäufungen, Massenveranstaltungen und Dichtephänomen. Mit seinen zahlreichen Beispielen zu Massen- und Machtphänomenen nimmt das Werk ein universales, enzyklopädisches Ausmass an und ist insbesondere in Zeiten von Facebook, Twitter, Google und Co von überraschender Aktualität.


Die Menschen bestehen komplett aus digitalen Figuren. Wedemeyer

Als Ausgangslage für einige seiner Arbeiten dient ihm der Klassiker von Elias Canetti «Masse und Macht» von 1960. Für die Ausstellung nutzt der deutsche Künstler Elias Canettis Klassiker als Folie, um die Lenkung von Massen in unserer Gesellschaft zu untersuchen. Er hat in Luzern einen neuen Film realisiert. Faux Terrain (2019) zeigt eine junge Erwachsene, deren Identität ungeklärt bleibt. Lange Isolation hat sie sprachlos gemacht und der Welt entfremdet. Hundert Personen werden durch das Bourbaki Panorama, das Kunstmuseum, die fasnächtlichen Strassen und die stillgelegte grösste Zivilschutzanlage der Welt im Sonnenberg gejagt. Psychisch isoliert versucht sie den Blicken der Menge zu entfliehen, bis sie schliesslich in die Bildwelt auf dem Bildschirm in ihrer Hand eingesogen wird.


Montagsdemonstrationen in Leipzig 1989 mit digitalen Figuren

Auf grossen Bildschirmen thematisiert Wedemyer die Gruppendynamik. Für die Videoinstallation 70’001 transformiert er Montagsdemonstrationen in Leipzig 1989 in den virtuellen Raum. So verknüpft er Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Fiktion und fragt, ob die Welt besser wäre, wenn sie durch Computeralgorithmen  statt durch politische Entscheidungen gesteuert würde oder ob das eher eine Art von Techno-Faschismus wäre. Die gewaltige Menschenmasse, die sich bei von Wedemeyers Computeranimation gespenstisch durch die Strassen von Leibzig schiebt, besteht aus komplett digitalen Figuren.

Fotos: Josef Ritler und Kunstmuseum Luzern

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