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Scheidungskinder

Bei einer aktuellen Scheidungsrate von 40 Prozent gibt es immer auch Kinder, die aus der Einheit der Familie in zwei Welten gestürzt werden. Jacqueline Zünd zeigt im Film «Where We Belong» eindrücklich, wie diese damit umgehen.

«2018 gab es vier Prozent mehr Scheidungen als im Vorjahr. Bei unverändertem Scheidungsverhalten ist davon auszugehen, dass zwei von fünf Ehen eines Tages mit einer Scheidung enden», schreibt das Bundesamt für Statistik. Das sind 16’542 Scheidungen und 12’212 unmündige Scheidungskinder. Diese Zahlen bilden den Hintergrund für den Film der Schweizer Filmemacherin Jacqueline Zünd «Where We Belong» (Wohin wir gehören), der, mehrfach ausgezeichnet und nach Aufführungen an Festivals, nun in der Schweiz anläuft. Doch der Film ist keine trockene wissenschaftliche Analyse und kein Pamphlet, sondern eine anteilnehmende Hinführung zu fünf Kindern aus geschiedenen Ehen. Er porträtiert diese mit Sensibilität und Empathie und schildert, wie sie damit umgehen, wie zerbrechlich und gefährdet, aber auch wie stark, intelligent und erfrischend die Kinder das Leben meistern.

Der Dokumentarfilm führt uns behutsam an das Thema und die Kinder heran, bietet uns Freiräume zum Nachdenken und illustriert ihr Inneres mit stimmigen Bildern, welche die Erzählungen der Kinder erden und allgemeingültig machen. Auch wenn nur drei Burschen und zwei Mädchen zu Worte kommen, gelegentliche durch die Eltern ergänzt, erhält der Film durch die überzeugende Gestaltung von Jacqueline Zünd – mit Nikolai Graevenitz an der Kamera, Thomas Kuratli mit der Musik und Gion-Reto Killias durch den Schnitt – ein reichhaltiges und differenziertes Bild.

Der im Titel angesprochene Song enthält folgende Zeilen, die wie eine Wolke über den Geschichten schweben: «Who knows what tomorrow brings / In a world, few hearts survive / All I know is the way I feel / When it’s real, I keep it alive.» Einmal mehr, schreibt der Filmkritiker Michael Sennhauser, indem er die Stimmung der Kinder aufnimmt, ist dieser Film «ein schwebender Tauchgang in Menschlichkeit.» So schön, dass nichts beigefügt werden muss. Oder vielleicht doch: Der Film zeigt die Schönheit und Grösse des Kind-Seins, das sich immer wieder gegen die Korruptheit des Erwachsen-Seins zu behaupten hat.

Alyssia und Ilaria, die Zwillinge

Vier Kinder im Off

Thomas: «Ich habe mich am Anfang geschämt, weil sich bei uns im Dorf sonst niemand getrennt hat. Wir wurden verspottet. Als es darum ging, ins Klassenlager zu gehen, sagte unsere Lehrerin, wir dürften nicht mit.»

Carleton: «Ich habe angefangen zu hinterfragen, was mein Vater über meine Mutter lästert, wie zum Beispiel, meine Mutter habe dies und jenes gemacht. Nichts davon stimmt, alles ist Lüge. Doch wir haben ihm die Geschichten geglaubt. Ich war verloren, weil ich nicht wusste: Wem soll ich jetzt glauben?»

Sherazade: «Für mich persönlich ist es am schlimmsten, wenn man mich fragt: Entscheide dich zwischen deiner Mama und deinem Papa. Dann denk ich mir: Hallo? Bist du bescheuert? Das sind meine Eltern, ich will mich nicht zwischen ihnen entscheiden. Ich habe sie beide lieb.»

Alyssia: «Als ich jünger war, hätte ich den Mut haben müssen, Mama und Papa zu sagen, sie sollen aufhören zu streiten und sich wieder vertragen. Aber jetzt ist es zu spät.»

Thomas, der Bauernbub

Aus einem Interview mit der Regisseurin

«Where We Belong» erzählt von Kindern, deren Eltern sich getrennt haben. Was hat Sie zu diesem Thema geführt?

Mein Sohn hat zwei Zuhause. Damit fängt es ja schon an: Das Wort Zuhause gibt es nicht im Plural. In seiner Klasse war mein Sohn lange der «Einzige», so sah es zumindest aus. Die Scheidungsrate in der Schweiz liegt bei etwa 40 Prozent; aber das Scheitern der Idee der glücklichen Familie ist offenbar noch immer schambelastet. Dabei wissen wir längst, dass die klassische Kernfamilie unsere Neurosen nährt. Dieses Paradox hat mich interessiert.

Sie konzentrieren sich im Film ausschliesslich auf die Wahrnehmung der Kinder. Warum haben Sie diesen Zugang gewählt?

Das Gespräch über Trennungen und deren Folgen wird für gewöhnlich von Erwachsenen geführt. Sie treffen die Entscheidungen, sie beraten darüber, analysieren. Mich hat die Perspektive der Kinder interessiert. Mir war wichtig, sie nicht als passive Opfer zu zeigen, sondern ihre eigene Wahrnehmung zu verstehen: Was ist ihnen wichtig, was tut ihnen weh, was gelingt ihnen mühelos, und was scheint unüberwindbar?

Wie würden Sie diese Wahrnehmung der Kinder beschreiben?

Kinder sehen die Dinge ganz klar. Sie beobachten präzise und sind in ihrer Darstellung oft poetisch. Es hat mich beeindruckt, wie gut sie ihre Eltern lesen können, wie stark sie spüren, ob es ihnen gut geht oder nicht. Wie viel ihnen daran liegt und was sie bereit sind, dafür zu tun. Es hat mich berührt, wie viel Verantwortung sie tragen. Sie suchen immer nach einem Weg, mit der Situation umzugehen, oft auch mit Humor, freiwillig oder nicht. Im Grunde ist «Where We Belong» ein Film über Resilienz (Wikipedia: Psychische Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.)

Welche Rolle haben die Eltern gespielt?

Natürlich musste ich erst das Vertrauen der Eltern gewinnen. Die Kinder frei reden zu lassen, hat vielen wohl Angst gemacht. Davor, dass intime Details aus den eigenen vier Wänden ausgeplaudert werden oder einer der beiden Elternteile schlecht dasteht. Erschwerend kommt hinzu, dass getrennte Eltern häufig nicht gleicher Meinung sind. Wenn der eine den Film eine gute Sache fand, war der andere vielleicht gerade deshalb dagegen. Da war Fingerspitzengefühl gefragt. Zum Glück gibt es Ausnahmen. Die Mutter der Zwillinge im Film etwa hat mich mit ihrer Haltung beeindruckt. Sie sagte: «Nun ist es an uns Erwachsenen, zuzuhören.»

Das klingt fast schon harmonisch. Wo entstehen dann Probleme?

Ich habe bei meinen Recherchen einen kleinen Raum am Zürcher Hauptbahnhof entdeckt, wo Eltern, die sich nicht mehr sehen wollen, einander ihre Kinder übergeben können. Leider kriegen es viele Erwachsene einfach nicht hin, sich und ihre Verletzungen beiseitezuschieben, wenn es um ihre Kinder geht. Da steckt ein grosses zerstörerisches Potenzial drin. Das kann für Kinder sehr belastend sein. Wie bei Carleton und Sherazade im Film, die sich für das Kinderheim entschieden, um dieser Schusslinie zu entkommen.

Der Titel ««Where We Belong»» weckt eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach einem Zuhause. Haben diese Kinder dieses Zuhause verloren?

Bestimmt verlieren sie das Zuhause, das sie kennen. Unruhe kommt ins Leben, viele Fragen stellen sich: Wer jetzt, mit wem, wohin und wie lange? Wenn die Erwachsenen das jedoch untereinander hinkriegen, können sich Kinder gut anpassen und einleben. Dann haben sie im besten Fall einfach zwei Zuhause.

Titelbild: Carleton, der Rapper

Regie: Jacqueline Zünd, Produktion: 2019, Länge: 78 min, Verleih: filmcoopi

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