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Entfesselter Kapitalismus als Musical

Revolution von oben, meisterlich gespielt: Regisseur Nicolas Stemann inszeniert in der Schiffbau-Halle des Schauspielhauses Zürich Ayn Rands Roman «Der Streik» als satirisches Musical.

Der Konzern hat immer recht. Ayn Rands Epos «Der Streik» von 1957 ist eins der meistverkauften Bücher der USA. Darin zeichnet die Autorin und Immigrantin aus der Sowjetunion ein schwarz-weisses Weltbild, in dem Gut gegen Böse kämpft. Ihre Helden sind die Grossunternehmer. Sie sind die Sympathieträger, die einzigen Menschen, die klug und umsichtig genug sind, die Welt vor den Umtrieben der minderbemittelten und böswilligen Befürworter des Gemeinwohls zu retten. Kapitalismus, so ihre Botschaft, ist die moralischste Lebensform. In ihrem Epos streiken für einmal nicht die Arbeiter, sondern die Wirtschaftsbosse, indem sie spurlos in eine andere Welt verschwinden. Ihre Abwesenheit stürzt das Land in Niedergang und Leid. Der amtierende US-Präsident Donald Trump und sein Sprecher Paul Ryan – so wird kolportiert – sind erklärte Anhänger von Ayn Rands Weltbild.

In satirisches Musical umgeformt

Co-Intendant Nicolas Stemann hat das «Propagandawerk für einen entfesselten Kapitalismus» für die Schiffbau-Halle zu einem satirischen Musical mit gleichlautendem Titel umgeformt. Geboten wird eine höchst unterhaltsame Musikrevue mit einschlägigen Songs, die keine Langeweile aufkommen lässt. Die gut dreistündige Aufführung (mit Pause) fand am Premierenabend begeisterte Zustimmung, obschon die Message über die alles beherrschende Moral des Kapitalismus eigentlich befremdlich, ja abstossend wirkt.

Aufruf zur Revolution (v.l.): Sebastian Rudolph, Thelma Buabeng, Felix Loycke, Kay Kysela, Florian Loycke, Alicia Aumüller, Daniel Lommatzsch, Sachiko Hara.

Heiter und beschwingt ist die Inszenierung angelegt, teils mit wunderlichem Kitsch unterlegt. Im Mittelpunkt stehen Dagny Taggart, die geschäftsführende Vizepräsidentin einer Eisenbahngesellschaft, und der aufstrebende Stahlhersteller Hank Rearden, die gemeinsam ein Eisenbahnprojekt planen, sich auf die Suche nach den verschwundenen Wirtschaftsbossen machen und im Nirwana der reichen Glückseligen landen. Zuvor wird über die Vorzüge des Menschen als heroisches Wesen lamentiert, dessen Moral nur vom Streben nach eigenem Glück bestimmt wird, dagegen sind Selbstlosigkeit und Solidarität nur schlecht, ja verwerflich, da sie zur Ausbeutung, Diskriminierung und letztlich zur Diktatur führen. Mit von der Partie sind Gewerkschaftsbosse und Armenvertreter, deren Widerstand und Protest kläglich scheitern angesichts der Tatsache, dass die Wirtschaftsbosse verschwunden sind.

Wirtschaftsbosse auf Trab halten

Das Aufeinanderprallen von Gut und Böse wird schonungslos und grotesk vorangetrieben, angepeitscht durch den zynischen Erzähler John Galt, der die hungrigen Wirtschaftstypen auf Trab hält und für die Abhängigen nur Häme übrig hat. Angereichert wird der Raubzug der Bosse durch schmissige Musik und Songs wie «Es verschwinden Menschen. Wo sind sie hin? Es verschwinden Menschen. Was ist der Sinn?» oder «Unternehmer dieser Erde. Handelt nur in eurem Sinn. Dass sie jetzt die eure werde. Nehmt sie euch, langt einfach hin». Die streikenden Unternehmer finden sich in einer hellen und heilen Gegenwelt, alle schön in Sektenweiss gewandet, frönen dem Nichtstun und Meditieren. Die ganze Farce endet mit dem Tod von Hank Rearden, umrahmt mit leuchtenden Dollarzeichen inmitten einer verwüsteten Welt.

Wirtschaftsbosse im Streik (v.l.): Matthias Neukirch, Sachiko Hara, Daniel Lommatzsch, Alicia Aumüller.

Gespielt wird auf einer Bühne mit zwei Steg- und Brückenaufbauten, links und rechts ist die Musik stationiert, mehrmals werden Leinwände hineingeschoben, auf denen Akteure des Kapitalismus und der herrschenden Politik gezeigt werden (Bühnenbild: Jelena Nagorni). Die Armen und die Gewerkschafter tragen meist Masken mit monsterhaften Zügen, während die Wirtschaftsbosse in adretter Businesskleidung agieren (Kostüme: Marysol del Castillo). Grosses Lob verdient die Live-Musik (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Burkhard Niggemeier), die das absurde Treiben mit jazzigen und anderen swingenden Klängen variantenreich vorantreibt.

Kapitalismus lustvoll gespielt

Bewundernswert ist die schauspielerische Leistung der Akteure, die beherzt und äusserst lustvoll entfesselten Kapitalismus spielen, gesanglich und tänzerisch brillieren. Erwähnenswert sind Alice Aumüller als Eisenbahnkönigin Dagny Taggart, Sebastian Rudolph als Stahlkönig Hank Rearden und Matthias Neukirch als Erzähler John Galt, die ihren unterschiedlichen Rollen prägende Konturen verleihen. Einfach grandios, wie sie die Kaltschnäuzigkeit der herrschenden Elite verkörpern und ins Absurde treiben. Bleibt als Fazit: eine grossartige Inszenierung mit musikalischen und schauspielerischen Glanzleistungen, die für beste Unterhaltung sorgen und gleichzeitig ein groteskes Bild des Kapitalismus offenbaren, das uns nicht ganz fremd ist.

Titelbild: Die Erde als Spielball (v.l.): Matthias Neukirch, Sebastian Rudolph. Fotos: Gina Folly

Weitere Spieldaten: 14., 16., 18., 20., 22., 23. Januar, 7., 11., 13., 14., 16., 18., 20., 22., 24. Februar

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