FrontKulturDas Gewalt-Chaos in der Banlieue

Das Gewalt-Chaos in der Banlieue

Das Chaos und die Gewalt in den Pariser Bannmeilen, das der dokumentarische Spielfilm «Les Misérables» von Ladj Ly brutal und authentisch darstellt, muss zur Kenntnis genommen werden.

Stéphane ist der Neuzugang im Polizeiteam um den Anführer Chris und seinen Partner Gwada. Der geschiedene Stéphane hat sich aus der Provinz nach Paris versetzen lassen, um in der Nähe seines Sohnes zu sein. Die Vorstädte und ihre Gewalt kennt er nicht, bekommt sie aber gleich bei seinem ersten Einsatz zu spüren. Er ist ein korrekter Polizeibeamter, der an Recht und Gesetz glaubt und nicht weiss, was ihn mehr schockiert: die Gewaltbereitschaft überall im Viertel oder der Umgang seiner Kollegen damit. Denn diese folgen ihren eigenen Regeln: «Das Gesetz bin ich», verkündet Chris, ein latenter Rassist, der sich auch schon mal drei Schülerinnen an der Bushaltestelle vorknöpft und drangsaliert. Gwada versucht zwar manchmal, seinen hitzköpfigen Partner in die Schranken zu weisen, verfolgt aber letztendlich eigene Ziele. Beide haben sich mit den Crime Lords des Viertels arrangiert, um die Situation zumindest ansatzweise unter Kontrolle und sich und ihre Familien mit Korruption über Wasser zu halten. Denn die Cops in den Banlieues, angeführt von ihrer taffen Chefin, sind überbeschäftigt und unterbezahlt

Minderjährige im Fadenkreuz

Ihr Auto verlassen die drei nur, wenn sie sich halbwegs sicher fühlen. Die Machtverhältnisse im Viertel sind genau aufgeteilt und müssen immer wieder austariert werden. Mit dem selbst ernannten Bürgermeister haben Chris und Gwada eine Vereinbarung, die die anderen Gangs zumindest teilweise respektieren, auch wenn die Männer einander zutiefst verachten. Ihr eigenes Süppchen kocht die Muslimbruderschaft um ihren Anführer Salah, dem Betreiber eines Döner-Ladens, der auch als Versammlungsraum für die Bande herumlungernder Teenager dient. Das Gleichgewicht des Schreckens gerät ins Wanken, als Issa, eines der Vorstadtkids, übermütig ein Löwenbaby aus einem Wanderzirkus klaut. Es ist das lebende Maskottchen von Zorro, dem mächtigen Oberhaupt einer Zigeuner-Familie. Das Löwenbaby muss unbedingt gefunden und zurückgebracht werden, damit keine der testosteron-gesteuerten Männerbünde ihr Ansehen verliert. Vor allem die beiden korrupten Cops fürchten um ihr mühsam aufgebautes System von Geben und Nehmen.

Stéphane und seine Kollegen haben Issa für den Diebstahl in Verdacht, doch bei der Verfolgung des Minderjährigen haben sie nicht mit der Solidarität und dem Widerstand der Jugendlichen gerechnet. Als sie sich gegen eine Horde Steine werfender Kinder und Jugendlicher zur Wehr setzen, wird Issa durch eine unbeabsichtigt ausgelöste Explosion einer Reizgaspatrone ins Auge getroffen und schwer verletzt. Der junge, schüchterne Buzz hat alles vom Dach aus mit einer Drohne gefilmt. Beim Versuch, an die Speicherkarte zu kommen, lassen die Cops alle Hemmungen fallen. Sie müssen ihre Tat vertuschen und gleichzeitig das Löwenbaby finden. Stéphane ist unsicher, ob er seine Partner und ihre fragwürdigen Methoden unterstützen soll. Doch es bleibt keine Zeit für moralische Konflikte. Die Polizisten haben die Rechnung ohne die Jugendgang gemacht. Sie geraten in einen Hinterhalt, und am Ende ist fraglich, wer den Kampf Cops gegen Kids gewinnt beziehungsweise überlebt.

Einerseits …

Die Gang des Zirkus

Ladj Ly, der selbst in der hier gezeigten Banlieue Montfermeil bei Paris aufgewachsen ist und noch dort lebt, hat diesen, seinen ersten Spielfilm, nach seinem gleichnamigen Dokumentarfilm gedreht. Daher wohl die Echtheit und Authentizität dieser Aussen- und Innenansicht des Lebens in der Pariser Bannmeile. Die perfekt gefilmten und geschnittenen, lauten, bunten, wilden, harten und rohen Aufnahmen des pulsierenden Lebens reissen mit. Da alles, wie in einem Dokumentarfilm, der Wahrheit entspricht, müssen wir jede Sekunde akzeptieren, ist der Film stellenweise kaum auszuhalten.

In dieser Welt müssen die Akteure, um zu überleben, die Regeln der Strasse kennen; Ladj Ly kennt sie genauestens. Im Neben- und Gegeneinander der verschiedenen Gruppierungen – den Polizisten, Schlägertrupps, Jugendlichen und den Muslimbrüdern – zeigt sich uns das grausame Chaos und die extreme Gewalt. Und zudem herrschen bei den Menschen Perspektivlosigkeit und permanente Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen, mittendrin die Polizei, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollte, dabei aber auch nicht zimperlich vorgeht. – Zusammengefasst: «Les Misérables» ist ein Film, der gedreht werden musste und gesehen werden muss!… und ein kleines Anderseits.

Salah, der Muslimbruder

… und ein kleines Anderseits

Ohne meiner Empfehlung zu widersprechen, erlaube ich mir ein paar kleine kritische Anmerkungen, die bei einer ernsthaften Auseinandersetzung jedoch selbst wieder positiv genutzt werden können. Der Titel «Les Misérables» führt mich auf eine falsche Spur: Victor Hugos Roman beschreibt die Armut und das Elend, Ladj Lys Film die Gewalt und das Chaos. Das Plakat mit dem Arc de Triomphe und der Champs-Élysées ebenfalls: Der Film handelt fast ausschliesslich in der Banlieue von Montfermeil vor Paris und nicht an der Prunkstrasse.

Mein Haupteinwand ist jedoch, dass der Film in seiner Schilderung des Status quo es vermissen lässt, den Ursachen nachzugehen. Dass er keine Antworten bringt, ist klar. Doch deutliche Anspielungen auf Ursachen, weshalb es zu dieser Gewalt und diesem Chaos kommt, habe ich vermisst. Diese zu suchen müssen wir folglich als «Hausaufgabe» mitnehmen. In einem vergleichbaren Film, ebenfalls einem Cannes-Gewinner, «Parasite» von Bong Joon Ho, werden die Ursachen für die ebenfalls extreme Gewalteskalation angedeutet und erfahrbar gemacht.

Ladj Ly, der Regisseur und Drehbuchautor

Ladj Ly, Regisseur und Drehbuchautor

Ladj Ly, dessen Familie ursprünglich aus Mali stammt, ist in Montfermeil im Department Seine-Saint-Denis aufgewachsen. Aufsehen erregten seine Web-Dokumentationen über die Realitäten des sozialen und politischen Lebens. Seine Karriere begann er als Schauspieler und Mitglied eines Filmkollektivs, das seine Kindheitsfreunde 1995 gegründet hatten.

Seinen ersten Kurzfilm realisierte Ladj Ly 1997. 2004 war er Co-Autor des Dokumentarfilms «28 Millimètres» mit dem Photographen JR, bekannt durch seine grossformatige Street-Photography an den Wänden von Clichy, Montfermeil und Paris (Siehe dazu «Visage Village» mit Agnès Varda). Nach den Pariser Unruhen von 2005 war Ladj erschüttert vom Tod zweier Jugendlicher, die sich auf der Flucht vor der Polizei in Clichy-sous-Bois versteckt hatten. Er beschloss, seine Umgebung zu filmen, und drehte ein Jahr lang «365 Days in Clichy-Montfermeil» (2007). Seine Dokumentarfilm-Arbeit setzte er fort mit «365 Days in Mali», einem Blick in eine Region im Aufruhr, in der sich Militär und Tuareg für einen Krieg rüsteten. 2016 führte Ladj Ly Regie in Mali bei einer Auftragsarbeit für Max Havelaar.

2017 drehte er seinen Kurzfilm «Les Misérables», der für einen César nominiert wurde und beim Festival in Clermont-Ferrand gewann. 2018 führte er Co-Regie beim Dokumentarfilm «A voix haute», ebenfalls für einen César nominiert. «Les Misérables» ist Ladj Lys erster langer Spielfilm, inspiriert vom eigenen gleichnamigen Kurzfilm.

Regie: Ladj Ly, Produktion: 2018, Länge: 102 min, Verleih: Filmcoopi

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