FrontGesundheitBalgrist-Patientin im Jahre 1924

Balgrist-Patientin im Jahre 1924

Rosa Aeschlimann war viereinhalbjährig, als sie im Balgrist wegen Kinderlähmung in Behandlung war. Im Dezember ist sie 100-jährig geworden. Sie erinnert sich erstaunlich gut an ihre Zeit im Balgrist. Ihre Erinnerung ist gelebte Medizingeschichte.

Wir besuchen Rosa Aeschlimann in ihrem Zuhause im Oberaargau. Ihre Gesundheit erlaubt es ihr, immer noch in dem Haus zu wohnen, das seit über 60Jahren ihr Zuhause ist. Gerne erzählt sie uns, warum sie als Kind nach Zürich, in den Balgrist, zur Behandlung musste.

Rosa war viereinhalbjährig, als sie an Kinderlähmung erkrankte. Zuhause war sie auf einem Bauernhof im Bernischen Oeschenbach. Der Arzt sei mit dem Pferd aus Sumiswald gekommen, erzählt Rosa Aeschlimann. Es sei bald klar gewesen, dass sie nach Zürich ins Spital musste. Der Balgrist war schon damals auf die Behandlung von Erkrankungen am Bewegungsapparat spezialisiert. Zwei Monate war die kleine Rosa im Balgrist. Sie erinnert sich noch gut an den Schlafsaal. Acht Kinder seien sie gewesen. «Am 1. August haben sie uns mit dem Bett auf den Balkon gefahren, und wir haben das Feuerwerk anschauen können.»

Rosa Aeschlimann (100) ist vermutlich die älteste noch lebende Polio-Patientin des Balgrist.

Nach der Operation musste sie mit einem Gestell wieder laufen lernen. Es sei ein Tuch gewesen, in dem sie hing, befestigt an einem Gestell mit Beinen und Rädern. Darin habe sie gelernt, ihr Bein wieder zu bewegen. Als es besser ging, bekam sie eine Schiene aus Metall mit einem massgeschneiderten Lederschuh. Diese Schiene musste sie tragen, bis sie ihr zu klein war. «Es hat zeitweise sehr weh getan», erinnert sich Rosa Aeschlimann. «Manchmal hat es sogar geblutet.»

Zwei lange Monate im Spital

In den zwei Monaten, in denen Rosa im Balgrist war, kamen die Eltern drei Mal zu Besuch. Sie konnten den Bauernhof und die anderen fünf Kinder nicht alleine lassen. Rosa vertrieb sich die Zeit mit einer «Lismete». Spielsachen gab es nicht, einzig eine Halskette konnte sie basteln aus Strohhalmen und Papierstücken. An was kann sie sich sonst noch erinnern? Dass sie das Essen zum Teil nicht mochte – Rüebli an einer weissen Sauce zum Beispiel – und dass sie Läuse mit nach Hause brachte.

Orthopädietechnik in den 1920er Jahren: Schiene und Schuh für Rosas Bein aus Metall und Leder.

Rosa Aeschlimann hatte Zeit ihres Lebens weniger Kraft und kaum Gespür im linken Bein. Es ist kürzer als das rechte, der Fuss ist kleiner und nicht voll beweglich. Auch sind Fuss und Bein immer kalt. Ansonsten hatte die Kinderlähmung, die Poliomyelitis, aber keine zurückbleibenden Folgen. «Ich hatte Glück. Zu jener Zeit war es nicht selbstverständlich, dass sich ein Kind mit Kinderlähmung so gut erholt.» Eingeschränkt war sie während ihrer Kindheit trotzdem. Während die anderen Kinder draussen herumrannten, musste sie drinnen bleiben. In die Sekundarschule konnte sie nicht, weil sie nicht Fahrradfahren und die fünf Kilometer zum Sek-Schulhaus nicht zu Fuss bewältigen konnte. Nach der Schiene musste Rosa Einlagen tragen, und sie musste regelmässig in den Balgrist zur Kontrolle. Übernachten konnten sie und ihr Vater jeweils beim Sohn eines Nachbarn, der in Zürich wohnte.

Mit 12 war Rosa zum letzten Mal im Balgrist. Die Behandlung war abgeschlossen und von der Kinderlähmung fast nichts mehr zu merken. Das war 1932. Im Dezember 2019 konnte Rosa Aeschlimann ihren 100. Geburtstag feiern.

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