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Alles echt

Über viele Jahrhunderte gehörte das Kopieren von Meisterwerken zur künstlerischen Grundausbildung. Die derzeitige Sammlungsausstellung im Kunsthaus Luzern befasst sich mit diesem Thema.

Das Thema der Imitation und Kopie ist so alt wie die Kunst selbst. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert strebte die Kunst eine möglichst genaue Imitation der äusseren Natur an. Seit der Moderne macht sich die Kunst immer mehr selbst zum Thema. Kunst als Referenz oder Zitat ist seit Marcel Duchamps berühmtem Readymade eine künstlerische Strategie.


Kuratorin Alexandra Blättler vor der Kopie des Familienbildes nach Frans Hals, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Luzern, Zugangsjahr 1940

Im Akkord arbeiten Meisterfälscher für reiche Sammler und Auftraggeber, die doch lieber einen kopierten «Leonardo Da Vinci» zu Hause hängen haben als ein Original einer weniger bekannten Künstlerin. Denn 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers ist das Erstellen einer Kopie legal. Übrigens verfügt auch das Kunstmuseum Luzern über die wohl meist kopierte Ikone der Kunstgeschichte überhaupt: eine hauseigene Mona Lisa.


Franz Gertsch, Luciano Castelli, Dispersion auf Leinwand

Diesen Phänomenen der Imitation, Nachahmung, Kopie und Wiederholung soll im Kontext der Sammlungspräsentation nachgespürt werden. Zusätzliche Leihgaben ergänzen und vertiefen die Auslegeordnung.

So das Familienbildnis nach Frans Hals oder eben die Kopie der  «Mona Lisa» von Louis Béroud, 1911, Öl auf Leinwand. Faszinierend ist auch heute noch Robert Zünds Eichwald. Für seine Skizzen im Freien nutzte Zünd Glasplatten, um die Natur direkt abzupausen.


Robert Zünd (1827-1909) Echwald, 1859, Öl auf Leinwand

Auch die fotorealistischen Gemälde von Franz Gertsch bestechen durch ihre Präzision. Vorbild ist hier allerdings nicht die Natur, sondern eine Fotografie beziehungsweise ein Diapositiv, das auch die Farbigkeit des Gemäldes Luciano Castelli prägt. Franz Gertsch fotografierte Menschen aus seinem persönlichen Umfeld, wie die Familie oder Künstlerfreunde. Die jungen Luzerner Künstler waren anfangs der 1970er-Jahre ein beliebtes Sujet.

Die ausgestellten Werke, kuratiert von Alexandra Blättler, behandeln die Appropriation, die Illusion, Kopie, Readymade, Reproduktion – unzählige künstlerische Strategien von A bis Z.

Dieter Roth (1930-1998), Tränensee, 1972, Zeitungspaier, 118 Zeitungen

Eher ungewöhnlich und rätselhaft steht man dem Werk Tränensee, 1972, von Dieter Roth gegenüber. Sie zeigen 118 aufgeschichtete Zeitungen. Roth begann ab Mitte der 1960er-Jahre, Esswaren zusammen mit anderen gefundenen Materialien zu verarbeiten. Diese Werke verändern sich aufgrund ihrer organischen Beschaffenheit und verströmen einen Duft wie das Gewürzfenster.

Die Ausstellung bringt in sieben Räumen Kunstwerke verschiedener Epochen von 31 Künstlerinnen und Künstlern zusammen und zeigt auf, dass seit jeher frei von der Leber kopiert, zitiert, imitiert und wiederholt wird. Nicht weit von Luzern entfernt arbeitet heute noch einer der grössten Bildfälscher, Wolfgang Beltracchi, dessen Werke im Kunstmuseum aber nicht zu sehen sind.


 Louis Béroud (1852-1930), La Joconde d’après Léonardo de Vinci 1911, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Luzern, Schenkung, Zugangsjahr 1952

Die Ausstellung zeigt Werke von Caroline Bachmann, Stefan Banz, Louis Béroud, Joseph Beuys, Anne Bigord, Stefan Burger, James Lee Byars, Franz Eggenschwiler, Franz Gertsch, Josef Graf, Fritz Huf, Christian Kathriner, Richard Long, Ken Lum, Urs Lüthi, Nils Nova, Markus Raetz, Peter Roehr, Pamela Rosenkranz, Dieter Roth, Markus Schwander, Sonja Sekula, Sturtevant, Hugo Suter, Sebastian Utzni, Ben Vautier, Danh Vo, Aldo Walker, James Welling, Robert Zünd.

Die Ausstellung dauert bis 22. November 2020

Fotos: Josef Ritler

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