FrontGesellschaftAlt und Jung sind weiterhin gefordert 

Alt und Jung sind weiterhin gefordert 

Die Corona-Krise stellt insbesondere an die Pro Senectute Schweiz ganz besondere Anforderungen. Wie ging und geht die Organisation mit der besonderen Situation um? Seniorweb befragte alt Bunderätin Eveline Widmer Schlumpf (Bild), Präsidentin Pro Senectute Schweiz, zur aktuellen Lage und wollte von ihr als ehemalige Finanzministerin auch wissen: Sind unsere Renten sicher?

Frau Widmer Schlumpf,  Sie vertreten die älteren Menschen, welche zum grossen Teil der Risikogruppe ab 65 angehören. Was war die grösste Herausforderung für Ihre Organisation in den letzten acht Wochen?

Eveline Widmer Schlumpf: In den ersten ereignisreichen Wochen galt es zunächst, die vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu schützen und sie mit den Hygieneregeln und Verhaltensempfehlungen des Bundes vertraut zu machen. Die 24 kantonalen und interkantonalen Pro Senectute Organisationen leisteten mit Pro Senectute Schweiz einen Sondereffort, um Menschen, die besonders vor dem Coronavirus geschützt werden müssen, den schwierigen Alltag innerhalb der eigenen vier Wände zu erleichtern und die Versorgung mit Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs sicherzustellen. Jetzt geht es darum, durchzuhalten und diese verschiedenen Dienstleistungen für die besonders gefährdeten Menschen aufrechtzuerhalten.

Pro Senectute bietet einerseits Kurse wie Nordic Walking für fitte ältere Menschen an. Auf der anderen Seite unterstützen sie ältere Menschen, die auf Hilfe von aussen angewiesen sind. Hat sich der Einsatz ihrer Organisation während den letzten Wochen verändert? In welcher Richtung?

Dank des grossen Einsatzes der 24 kantonalen und interkantonalen Pro Senectute Organisationen haben wir sehr schnell gesehen, wo welche Soforthilfe und Unterstützung nötig ist. Die einzelnen Organisationen stellten sich entsprechend kurzfristig für die neuen Herausforderungen auf.  Es entstanden innert kürzester Zeit diverse Hilfsangebote. Dazu gehören neben den Telefonketten zur Pflege der sozialen Kontakte und dem Einkaufs- und kostenlosen Lieferservice «Amigos» für besonders gefährdete Menschen eine Vielzahl von Dienstleistungen der Pro Senectute Organisationen – vom Mahlzeitendienst bis zu Fitnessübungen im Fernsehen zum Mitmachen zuhause. Auch die über 130 Beratungsstellen, die selbst diverse Hilfsprojekte umsetzen, standen den Seniorinnen und Senioren wie gewohnt zur Verfügung. Ergänzend half die in der ersten Lockdown-Woche realisierte Pro Senectute Infoline bei Fragen weiter.

Viele Menschen über 65 fühlen sich keinesfalls als Angehörige der Risikogruppe, sehen sich durch diese Altersgrenze geradezu diskriminiert. Welche Erfahrungen machten Sie in dieser Zeit?

Eine Vielzahl von Bürgeranschriften bestätigt uns, dass dies eine wichtige Diskussion ist, der sich Pro Senectute stellen will und muss. Das Festhalten an einer starren Altersgrenze bei 65 würde den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der heute gegebenen Faktenlage nicht Rechnung tragen.

In der Sendung „Gredig direkt“ des Schweizer Fernsehens regten Sie an, dass diese Altersgrenze zu differenzieren sei. Wie möchten sie diese Differenzierung ausgestalten?

Im Zuge der Lockerungen der Corona-Massnahmen geht es jetzt darum, dass auch die entsprechenden Empfehlungen des BAG angepasst und die besonders gefährdeten Menschen differenzierter benannt werden. Das Festhalten an einer starren Altersgrenze wird der Heterogenität des Alters nicht gerecht. Die Zahlen zeigen, dass die Sterberate bei Menschen im Alter ab 80 Jahren am höchsten ist. Die Statistiken zeigen aber auch, dass 95 Prozent der auf das Coronavirus zurückgehenden Todesfälle auf eine zusätzliche Vorerkrankung zurückzuführen sind. Diese Aspekte müssen in die Überlegungen für die Empfehlungen an vulnerable Personen einfliessen. Unter Berücksichtigung der Entwicklung der Pandemie sowie der aktuellsten medizinischen Daten wird in den nächsten Wochen und Monaten das Risiko einer Ansteckung für ältere Menschen immer wieder neu abzuwägen sein.

Spannend ist, dass Umfragen aufzeigen, dass sich die jüngeren Menschen eher mehr als weniger Einschränkungen wünschen, denen die jetzt beschlossenen Lockerungen zu weit gehen. Dies im Gegensatz zu älteren Menschen? Auf was führen sie diesen Unterschied zurück?

Im Endeffekt musste die Politik aufgrund der sich rasant entwickelnden Ansteckungszahlen Entscheide im Sinne des Allgemeinwohls treffen. Die getroffenen Entscheide und verfügten Massnahmen sind nachvollziehbar. Wichtig ist, dass sich alle – ob Jung oder Alt – weiterhin an die Hygieneregeln und Abstandsempfehlungen halten, denn die Gefahr einer Ansteckung ist noch nicht gebannt. Als Gesellschaft sind wir in der Pflicht, durch unser eigenes Handeln nicht Menschen in Gefahr zu bringen, die besonders vor einer Ansteckung zu schützen sind.

Welche Lehren ziehen sie für Ihre Organisation aus der Corona-Krise?

Diese Krise zeigte die Fragilität der «Normalität» auf. Das Credo unserer Organisation «Gemeinsam stärker» bewahrheitet sich einmal mehr. Es bleibt zu hoffen, dass wir alle auch etwas Positives aus dieser Krise mitnehmen können. Wir sehen heute, dass wir als Gemeinschaft – Jung und Alt, gesunde und besonders gefährdete Menschen – in den letzten schwierigen Wochen sehr gut funktioniert haben. Die Erkenntnis, dass wir gemeinsam, als Gesellschaft, viel durchstehen und meistern können wird, davon gehe ich aus, Einfluss haben auf das Zusammenleben und die Bewältigung künftiger Herausforderungen. Die zahlreichen Solidaritätsbekundungen über die Generationengrenzen hinaus, die in den letzten Wochen wieder stärker wahrnehmbar waren, machen jedenfalls Mut.

Sie standen in ihrer Bundesrats-Zeit dem Finanzdepartement vor. Viele ältere Menschen stellen sich die Frage, ob wir den nachkommenden Generationen solche gigantische Summen, die jetzt zur Bewältigung der Krise aufgewendet werden, überhaupt aufbürden dürfen.

In den letzten ereignisreichen Wochen mit vielen Entbehrungen – für alle – wurden Stimmen laut, wonach ein Teil der vornehmend jüngeren Bevölkerung sich in der Verantwortung fühlt, die ganze Last der Krise alleine schultern zu müssen. Dieser Eindruck der berufstätigen Bevölkerung ist begreiflich. Ob und allenfalls inwieweit die Corona-Krise einen langfristigen Einfluss auf den Generationenvertrag haben könnte, versuchen wir dieser Tage mittels einer repräsentativen Befragung in allen Landesteilen herauszufinden. Meine Erkenntnisse aus vielen Gesprächen zeigen, dass sich die ältere Generation der einschneidenden Entbehrungen und der grossen Leistungen der Jüngeren sehr wohl bewusst ist, und  sie wird auch weiterhin ihren Anteil zu einer intakten Gesellschaft und prosperierenden Wirtschaft leisten.

Auf der anderen Seite meinen Finanzexperten, dass unser Land sich dies durchaus leisten könne. Mehr noch. Sie legen dar, dass Schulden an sich nicht zwingend zurückbezahlt werden müssten. Ziehe die Wirtschaft wieder an, komme Inflation dazu,  dadurch würde sich der Staatshaushalt schneller erholen als zurzeit beklagt wird. Sie haben grosse Erfahrungen in Fragen der Staatsfinanzen. Wie beurteilen sie die Situation?

Wie die Zeit nach Corona aussehen wird, ist heute reine Spekulation. Vieles hängt davon ab, wie schnell die Lieferketten wieder funktionieren und auf welchem Niveau sich die Konsumausgaben einpendeln werden.

Und oft steht für uns ältere Menschen die weite einfachere Frage im Zentrum: Sind unsere Renten noch sicher?

Pro Senectute wird sich dem obersten Stiftungszweck entsprechend weiterhin nicht nur aktiv für die Förderung eines offenen, wohlwollenden Generationendialogs einsetzen, sondern auch für die nachhaltige Sicherung eines Rentenniveaus, welches ein Alter in Würde und ohne finanzielle Not ermöglicht.

Sie sind Grossmutter, sie beschäftigen sich intensiv mit ihren Enkelkindern wie ich auch. Manchmal frage ich mich besorgt, was kommt auf diese Generation noch zu? Welche Chancen haben sie bei der Digitalisierung, beim Klimawandel? Was können wir ihnen auf den Weg geben?

Die jüngeren Generationen erleben jetzt, wie sinnvoll es ist, dass Lokales gefördert und unterstützt wird, wo es um lebensnotwendige Güter geht, um Dinge des täglichen Bedarfs. Sie erleben auch, dass das Arbeiten im Homeoffice ökologisch Sinn macht und sich damit in etlichen Fällen Familie und Beruf besser vereinbaren lassen. Und wir alle sehen, dass eine sich innerhalb von Wochen global ausbreitende Gefahr – das Corona-Virus – alle trifft, auch die Schweiz, und dass eine weltweite Bedrohung innerhalb von Jahren – die Zerstörung der Umwelt, der Lebensgrundlagen – wiederum alle treffen wird. Die Jüngeren haben die Chance und die Möglichkeiten, sich hier zu engagieren und Investitionen und Impulsprogramme im Umweltbereich voranzutreiben.

3 Kommentare

  1. Etwas gefällt mir gar nicht. Unsere Bevölkerung ist nicht „die Risikogruppe“! Der SSR hat einen offenen Brief an den Bundesrat geschrieben und darin klar gestellt, dass das Wort Risikogruppe diskriminieren Charakter hat. Die Bevölkerung ab 64/65 ist eine gefährdeteGruppe. Es kann nicht sein, dass diese Gruppe für die gesamte Schweiz ein Risiko darstellen soll.
    Den offenen Brief finden Sie auf:
    http://www.ssr-csa.ch
    Freundliche Grüsse
    Prof. Jörg Conrad
    SSR Ersatzdelegierter
    PS: Es wäre super, wenn Sie in Ihrer nächsten Ausgabe den offenen Brief veröffentlichen würden. Danke!

  2. Leider dramatisiert dieses Interview unnötig die höhere Staatsverschuldung, die gegen die Coronakrise unvermeidlich ist, spricht gar von der jüngeren Generation aufgebürdeten «gigantischen Summen». Das ist undifferenziert: Erstens «verschuldet» sich der Bund zu Negativzinsen, erhält also noch Geld zurück. Zweitens verfügt das Schweizer Staatswesen (alle Ebenen) über Vermögenswerte, die die Schulden übersteigen, ist netto schuldenfrei. Und drittens wird selbst bei bescheidener wirtschaftlichen Entwicklung die «Schuldenlast» gemessen am Bruttoinlandsprodukt der aktiven Generation im Laufe der Jahre immer kleiner. Dramatisierung ist also fehl am Platz und wird oft politisch missbraucht. Lob und Optimismus für die Zukunft wären klüger.

  3. Welche Chancen haben die Generationen nach uns? Was können wir ihnen auf den Weg geben?
    Wenn sie so weiter machen wie wir, sind ihre Chancen gering. Aber vielleicht werden unsere Nachkommen nach Corona Zeiten, Dinge wie:
    1. Ruhe und Gelassenheit
    2. Solidarität mit älteren Menschen und Nachbarn
    3. Wertschätzung für das Pflegepersonal
    4. Weniger fliegen
    5. Erholung und Ausflüge in der Region
    6. Regelmässiger Austausch mit Freunden
    7. Mehr Zeit für die Familie
    8. Digitalisierung der Schulen
    9. HomeOffice statt Pendlerverkehr
    10. Lokales Gewerbe unterstützen
    im Hinterkopf behalten.
    (az,29.05.2020)

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