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Mundart in der Deutschschweiz

In der Ausstellung «Heepä, gigele, gätsche – Mundart in der Deutschschweiz» wird im Nidwaldner Museum Salzmagazin in Stans NW unsere Alltagssprache mit Blick auf ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter die Lupe genommen.

Man taucht in den Vielklang der Dialekte ein: Was erzählen Menschen aus Nidwalden darüber, wie sie reden? Und warum? Was sagt die Dialektforschung?  Gibt es richtig und falsch? Oder nur alt und neu? Woher kommt der Mundart-Boom? Denn kreativer als je schlägt er sich in SMS und Posts, Radio- und TV-Sendungen, Werbung und Literatur, Spoken Word, Volksliedern und Rocksongs produktiv nieder.


Die vier, v.l. Renate Metzger-Breitenfellner, Journalistin, Simon Mathis, Journalist, Ex-Redaktionsleiterin Radio SRF, Brigit Flüeler, und der Regisseur und Drehbuchautor Roli Simitz führen über Kopfhörer durch die Ausstellung.

In der Schweiz regierte nie ein König, der seinen Dialekt zur Nationalsprache hätte erklären können. Darum gibt es kein Schweizerdeutsch und alle Dialekte überlebten dank dem Föderalismus. Zur schriftlichen Verständigung benutzen wir aber ein neutrales Deutsch: das Schriftdeutsch. Wir schreiben und lesen also nicht in der Sprache, die wir sprechen. Das ist unpraktisch und anstrengend, dafür pflegen wir unsere Dialekte!

In kaum einem Land kümmern sich die Bevölkerung, Wissenschaft und Politik so stark um die Mundart wie in der Deutschschweiz. Sie ist für uns Heimat. Mir ihr zeigen wir, wo wir dazu gehören…und wer nicht dazugehört. Aber wir sorgen uns auch: Stirbt der Dialekt, wenn junge, mobile Menschen ein regionales Gemisch reden? Oder ist der Wandel der Mundart gerade der Beweis, dass sie lebt?


Besucher lauschen den urchigen Ausdrücken der Innerschweizer

Die Ausstellung schaut genau hin und nimmt unsere komplexe Beziehung zum Schweizerdeutschen unter die Lupe. Sie präsentiert Exponate aus dem Mundart-Kulturschaffen und aus 200 Jahren Dialektforschung, dazu Ausschnitte aus Radiosendungen und Videos. Zentral für die Ausstellung sind die vier Ankerfiguren aus verschiedenen Generationen und Nidwaldner Gemeinden. Sie geben an Audiostationen jeweils Auskunft über ihren persönlichen Umgang mit Sprache und führen durch die fünf grossen Themenbereiche der Ausstellung. Dazu zählen Dazugehören, Schimpfen und Fluchen, Lesen und Schreiben, einst, heute und morgen und Hochdeutsch.

Die Ausstellung will die Besucherinnen und Besucher dazu anregen, sich über ihr Verhältnis zur Mundart Gedanken zu machen und fordert an verschiedenen Stellen zur Interaktion auf. Wie wohl fühlen sich die Ausstellungsbesucher etwa im Hochdeutschen? Welches Mundartwort liegt ihnen besonders am Herzen? Und wie schreibt man denn jetzt richtig Mundart?

Ewig scheen tönen die Musikstücke der Künstler, die man auswählen und über Kopfhörer hören kann.

Schon beim Eingang der auf zwei Etagen angelegten Ausstellung werden die Besucher aufgefordert, Markus Gasser und Christian Schmutz von der Radiosendung «Schnabelweid» Fragen über besondere Mundartwörter zu stellen, die am 17. September 2020 im Salzmagazin beantwortet werden. «Das han ich scho immer welle wisse».
Auf Grossplakaten werden die vier Nidwaldner vorgestellt, die über Kopfhörer die Ausstellung vorstellen und ihre Erlebnisse und Ausführungen schildern.

An einer mit Display versehen Wand «Gued gflueched isch halb ggässe» hört man unter anderen die bekannten Muotathaler Wetterschmöcker.
Dazu heisst es: «Kaum je klingt ein Dialekt so urchig und saftig, wie wenn einer so richtig ins Wettern und Sirachen kommt und alles auspackt, was in seinem Sprachrucksack steckt. Aber Achtung: Was als wüstes Reden gilt, ändert sich rasant. Wörter, die vor einer Generation schockierten, sind heute Alltagssprache. Dafür gebrauchen Jugendliche neue Wörter, die den Erwachsenen den Atem verschlagen.»


Auf dem Dachboden, Genuss in Vollendung

Und immer wieder wird im Nidwaldner Dialekt geflucht, was das Zeug hält. «Leffu, Haubschuäh, Seychäibb, Schafseckel, Scheyssdräck». Wem das zu urchig tönt, kann sich bei Musik von verschiedenen Künstler erholen: Steff la Cheffe mit dem «Guggisbärglied»; Vera Kaa mit «Gang rüef de Brune»; Christine Lauterburg mit «Anneli, wo bisch geschter gsi?» Rumpelstilz mit «Stets in Truure»; Patent Ochsner mit «Bälpmoos»; d Schlieremer Chind mit «Ja, eusi zwei Chätzli» und andere.

Selbst der Treppe entlang in die obere Etage begleiten den Besucher die Dialektwörter verschiedener Kantone. Die Walliser sagen emprüf, andere überue, uehi, obsi,  ufe…


Die Videos kann man auf Schaukeln anschauen

Man erfährt unter anderem die Geschichte von Jakob Joseph Matthys (1802-1866). Er wurde in Oberrickenbach als Sohn eines Kleinbauern und Taglöhners geboren und brachte sich selber Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Als Hirte in Engelberg lernte er Latein. Ein Kaplan suchte ihm einen Gönner, sodass er die Lateinschule Stans und das Kollegium Solothurn besuchen konnte. Danach studierte er in Freiburg, Luzern und Chur und empfing 1831 die Priesterweihe. Als Kaplan in Maria-Rickenbach und Dallenwil lernte er weitere Sprachen. Seine Lebensbeschreibung verfasste er 1844 in 35 verschiedenen Sprachen. Als der Zürcher Sprachforscher Fritz Staub 1862 das Schweizerische Idiotikon gründete und zur Mitarbeit aufrief, reagierte Matthys sofort. Er schrieb in nur einem Jahr dieses 600-seitige Wörterbuch und eine Grammatik des Nidwaldner Dialekts.

Kuratorin: Jacqueline Häusler, Häusler+Weidmann, Zürich
Szenenfotografie: Markus Bucher, Barbieri Bucher, Zürich
Begleitprogramm: Sabine Graf, lit.z (Literaturhaus Zentralschweiz)
Die  Ausstellung dauert bis 1. November 2020
Öffnungszeiten: Mi 14-20 Uhr, Do/Fr/Sa 14-17 Uhr, So 11-17 Uhr
Fotos: Josef Ritler

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