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Robert Frank – Memories

Der 1924 in Zürich geborene und letztes Jahr in Kanada verstorbene Robert Frank zählt zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Wie kein anderer hat er über Jahrzehnte die Grenzen der Fotografie erweitert und ihr narratives Potenzial ausgelotet. Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur zeigt seine Werke bis 10. Januar 2021.

Tausende von Kilometern hatte Robert Frank Mitte der 1950er-Jahre zwischen der amerikanischen Ost- und Westküste zurückgelegt und dabei knapp 700 Filme belichtet. Eine Auswahl von 83 Schwarzweissbildern aus dieser Mischung von Tagebuch, düsterem Gesellschaftsporträt und fotografischem Roadmovie sollte Generationen von Fotografinnen und Fotografen prägen.


Frauen in New York, 1948, © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Das Fotobuch The Americans erschien zunächst in Paris, bevor es 1959 auch in den USA publiziert wurde. Schräge Einstellungen, angeschnittene Figuren und Bewegungsunschärfen kennzeichneten einen neuen fotografischen Stil zwischen Dokumentation und Erzählung, der die Nachkriegsfotografie nachhaltig veränderte.

Robert Frank, London, 1951
© Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Im Zentrum der Ausstellung Robert Frank-Memories in Winterthur steht die erzählerische Kraft von Robert Franks Bildsprache, die sich gegen alle Konventionen entwickelte und erst dann internationale Anerkennung erfuhr, als sich Frank bereits von der Fotografie verabschiedet und dem Medium Film zugewandt hatte. Gezeigt werden zur Hauptsache Vintage-Silbergelatineabzüge aus der Sammlung der Fotostiftung Schweiz, die entweder aus der ehemaligen Sammlung von Robert Franks langjährigem Freund Werner Zryd stammen (heute im Besitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft) oder vom Künstler der Fotostiftung Schweiz geschenkt wurden. Sie werden ergänzt mit einigen Leihgaben des Fotomuseum Winterthur. Eine Präsentation der Bücher und Filme, die der Verleger Gerhard Steidl während mehr als 15 Jahren mit Robert Frank herausgegeben hat, begleitet die Ausstellung.

Im verlagseigenen Fotostudio fotografierte Frank Produkte der Modebranche, angefangen mit nüchternen Aufnahmen von Damenschuhen und allen möglichen Accessoires bis hin zu sorgfältig inszenierten Modeaufnahmen und gelegentlichen freieren, journalistischen Arbeiten.

Robert Frank, White Tower, New York 1948 © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Er hatte Erfolg, stieg in der Studiohierarchie auf, doch er erkannte auch schnell, dass sich in dieser Branche alles nur ums Geld drehte. Damit konnte er sich nicht abfinden und gab seine feste Stelle nach wenigen Monaten wieder auf, um wirklich frei arbeiten zu können. Im darauffolgenden Jahr reiste er nach Peru und Bolivien, wo er intensiv mit der Leica 35 mm zu fotografieren begann. Er erinnerte sich später: «Ich führte eine Art Tagebuch. Ich ging sehr frei mit der Kamera um. Ich dachte nicht darüber nach, was richtig ist; ich tat das, was sich für mich gut anfühlte. Ich war wie ein Action Painter.»


Kurator Martin Gasser erklärt die Bilder von Robert Frank, die er bei der Landsgemeinde gemacht hatte

Im Frühling 1949 kehrte Frank nach Europa zurück. In der Schweiz fotografierte er die alljährlich stattfindende Landsgemeinde im Kanton Appenzell Ausserrhoden, an der die Bürger – damals nur Männer – unter freiem Himmel durch Handerheben ihr Stimm- und Wahlrecht ausübten. «Sein Ziel, diese Bildgeschichte an eine grosse Zeitschrift zu verkaufen, erreichte er jedoch nicht, obwohl er sie auch über die renommierte Agentur Magnum vertreiben liess», erklärte der Kurator Martin Gasser, der Robert Frank persönlich kannte, an der Medienführung der Ausstellung.


Robert Frank, Landsgemeinde, Hundwil 1949, © Andrea Frank Foundation; courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Frank hatte wohl zu wenig das eigentliche Ereignis dokumentiert, weil ihn die Befindlichkeit der einfachen Leute mehr interessierte als die Selbstdarstellung der Regierungsmitglieder in Frack und Zylinder. Diese Fotografien der Landsgemeinde nehmen den kritisch prüfenden Blick vorweg, mit dem Frank bald darauf die verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse in Amerika betrachten sollte, und zwar aus der subjektiven, nach innen gerichteten Perspektive eines Aussenseiters.

Die Zeittafel Robert Frank

9.11. 1924 Geboren in Zürich.
1941/42 Ausbildung beim Fotografen und Retoucheur Hermann Segesser in Zürich.
1942–44 Fotografenlehre und Anstellung bei Michael Wolgensinger in Zürich, erste Erfahrungen als Standfotograf beim Film.
1944/45 Assistenz im Fotogeschäft von Victor Bouverat in Genf.
1946 Laborchef im Grafik-Atelier Eidenbenz in Basel.£
Stellt das Portfolio 40 Photos zusammen.
1947 Erste Reise nach New York und Anstellung als Fotograf bei Harper’s Bazaar.
1948 Reist nach Peru und Bolivien und stellt danach das Künstlerbuch Peru zusammen.
1949 Rückkehr in die Schweiz, fotografiert die Landsgemeinde in Hundwil.
Erste umfassende Publikation in der Zeitschrift Camera.
1950 Heiratet die Künstlerin Mary Lockspeiser.
bis 1955 Arbeitet Frank als freier Modefotograf und Fotojournalist und reist mehrere Male zwischen Europa und den USA hin und her.
1951 Geburt des Sohnes Pablo.
1952 Besucht mit Edward Steichen vom Museum of Modern Art in New York
Fotografen in der Schweiz, u.a. Gotthard Schuh und Jakob Tuggener.
Stellt mit seinem Freund Werner Zryd in Zürich das Künstlerbuch Black White and Things her.
1953 Wird von Edward Steichen in der Ausstellung Post-War European Photography im Museum of Modern Art in New York vorgestellt.
1954 Geburt der Tochter Andrea.
1955 Erhält als erster europäischer Fotograf ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung für ein Fotoprojekt, es wird 1956 verlängert.
1955/56 Reist mit einem gebrauchten Ford während Monaten durch weite Teile der USA.
1955 Wird auf Vorschlag von Gotthard Schuh Mitglied des «Kollegiums Schweizerischer Photographen» und stellt in der Gruppenausstellung «Photographie als Ausdruck» im Helmhaus Zürich aus.
1957 Besucht Gotthard Schuh in Zürich und zeigt ihm die erste Maquette seines geplanten Buches.
1958 Les Américains erscheint bei Delpire in Paris mit Texten ausgewählt von Alain Bisquet.
1959 The Americans erscheint bei Grove Press in New York, ohne Texte, nur mit einem Vorwort von Jack Kerouac.
Produziert zusammen mit Alfred Leslie seinen ersten Film Pull my Daisy und gibt gleichzeitig seine fotografische Arbeit mehr oder weniger auf.
1962 Mitbegründer des New American Cinema und der Film-Makers’ Cooperative.
1972 Sein autobiografisches Buch The Lines of My Hand erscheint bei Lustrum Press, New York, und als limitierte Auflage bei Kazuhiko Motomura in Tokyo.
1976 Die Schweizerische Stiftung für die Photographie widmet Robert Frank die erste Ausstellung der neu eröffneten Foto-Galerie im Kunsthaus Zürich.
1994 Zum 70. Geburtstag widmet ihm die National Gallery of Art, Washington, D.C. die grosse Retrospektive Moving out, 1995 wird sie auch im Kunsthaus Zürich gezeigt.
2004 Die Tate Modern in London präsentiert die Ausstellung Storylines, die im folgenden Jahr auch von der Fotostiftung Schweiz und dem Fotomuseum Winterthur gezeigt wird.
Der von Gerhard Steidl, Göttingen, herausgegebene Katalog markiert den Beginn einer langjährigen verlegerischen Zusammenarbeit zwischen Frank und Steidl.
9.9. 2019 Stirbt in Inverness, N.S., Kanada.

Fotos: Robert Frank und Josef Ritler

 

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