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Schreiben – Zeichnen – Malen

«Dürrenmatt als Zeichner und Maler. Ein Bildwerk zwischen Mythos und Wissenschaft» lautet der Titel einer kleinen, feinen Ausstellung im Schloss Spiez zu Ehren des grossen Schriftstellers aus dem Emmental: Friedrich Dürrenmatt zu seinem 100. Geburtstag am 5. Januar 2021.

Wer sich im wehrhaften Schloss Spiez die Werke anschaut, die – nach Themen geordnet – in acht Kapiteln ausgestellt sind, fragt sich unweigerlich, ob dieser Künstler nicht ebenso sein Talent als Zeichner und Maler hätte pflegen können. Und wir erkennen auch, dass Dürrenmatt die Themen, die ihm wichtig waren, sowohl als Texte als auch in bildnerischer Form bearbeitete. Er tat das ganz bewusst: «Ich male aus dem gleichen Grund, wie ich schreibe: weil ich denke.»

Friedrich Dürrenmatt, Selbstporträt, Wien, 1978, Gouache und Kreide auf Papier, 46.5 x 29.7 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Er erläutert in seinen Persönlichen Anmerkungen zu meinen Bildern und Werken aus dem Jahre 1978: «Meine Zeichnungen sind nicht Nebenarbeiten zu meinen literarischen Werken, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich meine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen.» Mit anderen Worten: Dürrenmatt drückt seine Gedanken nicht nur mit dem Schreibstift aus, sondern auch mit Pinsel oder Zeichenstift.

Beim Betrachten denkt die Besucherin, sie müsste eigentlich die geschriebenen Werke des Meisters zur Hand haben, um den Dialog von Bild und Wort nachvollziehen zu können. Denn die Kraft dieser graphischen Werke bleibt keineswegs hinter den Aussagen der geschriebenen Texte zurück.

Friedrich Dürrenmatt, Prometheus, Menschen formend, ca. 1988, Lithografie auf Papier, 65.5 x 50 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Dürrenmatt verfügt über eine breite Bildung: Er kennt die Bibel und die griechische Mythologie seit seiner Schulzeit. Astronomie hat ihn sein Leben lang fasziniert. Im Laufe der Jahrzehnte wird der Schriftsteller zu einem kritischen Denker, der die politischen Ideologien jeglicher Couleur in Frage stellt, der sich mit der immer aktueller werdenden Evolutionstheorie und ihrer Umsetzung auseinandersetzt.

In seinen Werken, den Bildern oder Texten, erkennen wir stets ihre geschichtlichen, naturwissenschaftlichen und theologischen Hintergründe. Das Spannungsverhältnis von Mythos und Wissenschaft durchzieht sein Werk wie ein Leitmotiv, die humanistische Ethik bildet die Grundlage.

Wo sich Widersprüche auftun, da schaut Dürrenmatt genau hin, und oft genug arbeitet er mit spitzem Stift nicht nur die Dramatik, sondern auch die Komik und die Absurdität eines Themas heraus. – Lachen kann Spannungen lösen, bevor sie unerträglich werden.

Friedrich Dürrenmatt, Turmbau III: Der amerikanische Turmbau, 1968, Tusche auf Papier, 44.9 x 30 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

In mehreren Darstellungen des Turmbaus zu Babel verbindet der Künstler Wissenschaft und Mythos. Der Turm erinnert an eine Raumstation, Supernovae und andere Himmelserscheinungen spannen sich über das Firmament. Irdischer Vordergrund und kosmischer Hintergrund stehen in gleichnishafter Beziehung: Grosse Systeme werden instabil, Sterne und Staaten zerfallen, aus Katastrophen kann Neues entstehen. Witz und Ironie fehlen auch in diesen Bildern nicht.

Als Jugendlicher zeichnete Dürrenmatt gern und viel, davon können wir uns gleich zu Anfang der Ausstellung überzeugen. Die Ritter in ihren Kämpfen zeugen von Phantasie, aber auch vom Schwung des Zeichenstiftes. – Dynamik ist in allen Werken ein wichtiges Gestaltungselement. Aber im Gestalterischen blieb Dürrenmatt Autodidakt. Cuno Amiet hatte den Eltern abgeraten, dem jungen Mann eine künstlerische Ausbildung zuteil werden zu lassen, sein Talent sei dafür nicht ausreichend. Hier eine Zeichnung des 13-jährigen Friedrich Dürrenmatt – der Spiezer Schlossherr Adrian von Bubenberg bei Murten.

Friedrich Dürrenmatt, Adrian von Bubenberg hält Ausschau nach den Burgundern, 1934, Tusche auf Papier, 25.3 x 33 cm, Sammlung Pestalozzianum © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Dürrenmatt selbst schreibt seinem Vater, nachdem er sein Studium von Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik ohne Abschluss beendet hat, dass er sich von nun an (1946) der Schriftstellerei widmen werde. Seinen bildnerischen Werken gegenüber bleibt er selbstkritisch. In den erwähnten Persönlichen Anmerkungen zu meinen Bildern und Werken, die als Vorwort zu einer Ausgabe seiner Bilder und Grafiken im Diogenes Verlag erschienen, äussert er sich voller Bescheidenheit erstaunt darüber, dass Daniel Keel sich so stark für die Veröffentlichung der Bilder einsetzt.

Friedrich Dürrenmatt, Arsenal eines Dramatikers, 1960, Tusche auf Papier, 25.5 x 18 cm, Privatsammlung © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Beachten Sie die grotesken Figuren, die Dürrenmatt als «Arsenal eines Dramatikers» bezeichnet!

Die Ausstellung im Schloss Spiez dauert noch bis 25. Oktober 2020.
Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Centre Dürrenmatt Neuchâtel, das zur Zeit wegen Renovationsarbeiten geschlossen ist.

 

Titelbild: Friedrich Dürrenmatt beim Lithografieren, 1988, Foto: Franziska Messner-Rast

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