FrontGesellschaftRoboter begehren oder abwehren

Roboter begehren oder abwehren

Roboter in allen Formen und aus allen Lebensbereichen erwarten die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung «Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine» im Neuen Museum Biel, eine vielseitige Präsentation von allem, was zu Robotik gehört.

Ob Lieferdrohnen, intelligente Sensoren oder Industrie 4.0 – seit einigen Jahren hält die Robotik Einzug in unser Leben und verändert unseren Alltag grundlegend. Dabei spielt Design eine zentrale Rolle, denn es sind Designer, die die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine gestalten. – Diese Ausstellung wurde erstmals im Jahre 2017 im Vitra Design Museum Weil / Baden präsentiert. Dass es sich allerdings keineswegs nur um eine Frage der ansprechenden Gestaltung handelt, sondern um grundlegende Fragen der Gestaltung unseres Lebens, das erkennt die Besucherin schnell.

Ausstellungsansicht. Foto: © Patrick Weyeneth / NMB

Während die Robotik früher eine Domäne der Ingenieure war, nebst Computerexperten und (seltenen) -expertinnen, haben Designerinnen und Designer inzwischen erkannt, dass die Form der Maschine entscheidend ist für die Akzeptanz der Roboter.– Solange wir selbst nicht beurteilen können, was in ihnen drinsteckt, verlassen wir uns auf die Aussagen der Experten und auf den äusseren Eindruck.

Science und Fiction

Inzwischen sind wir von Robotern und robotischen Systemen umgeben, die jede nur erdenkliche Form annehmen können: von der Drohne bis zur Self-Checkout-Kasse, vom winzigen Nanoroboter bis zur smarten Stadt und vom simplen Staubsauger bis zum Chatbot, der uns online beim Shoppen berät. Es gibt nämlich keine eindeutige Definition des Roboters.

R2-KT Foto: © Patrick Weyeneth / NMB. – Im Rahmen eines Schulprojektes fertigte der 15-jährige Bieler Owen Jeanmonod zusammen mit seinem Vater diese Replik des Droiden R2-D2 aus dem Film-Universum «Star Wars» an.

Die Ausstellung versucht eine Annäherung mit Zitaten und einer Übersicht. Die Frage etwa, ob wir Roboter brauchen oder gar mögen, stellt sich in Wahrheit nicht. Brauchen wir Smartphones? Noch vor fünfzehn Jahren hätten das die meisten verneint. Aber ob Roboter unsere Freunde oder unsere Feinde sind, ob wir sie kontrollieren oder sie uns, ist noch nicht endgültig entschieden. Es geht gar nicht darum, ob wir ihnen trauen sollen, sondern darum, wer hinter den Robotern steht und unermüdlich Daten über uns sammelt.

Programmiert auf Arbeit

Im Bereich Produktion und Industrie hat der Roboter schon längst Fuss gefasst. Vielerorts wird kontrovers diskutiert, was passiert, wenn Menschen am Arbeitsplatz sukzessive von intelligenten Maschinen ersetzt werden. Werden wir mangels Einkommen unseren Lebensstandard einbüssen? Oder werden wir dank Grundeinkommen für alle und Drei-Tage-Woche endlich mehr Zeit für Freunde, Familie und Hobbys haben? Werden neue Berufe entstehen und welche? Werden wir Seite an Seite mit Robotern arbeiten, die voll vernetzt mit Kunden und Lieferanten sind, wie es die Industrie 4.0 verspricht?

YuMi von ABB. Foto: © Patrick Weyeneth / NMB. – Dieser zweiarmige Kerl bedient in der Ausstellung eine Kugelbahn, für deren Bedienung zwei Arme unerlässlich sind.

Die Furcht, durch neue Technologien den Arbeitsplatz zu verlieren, ist so alt wie die erste industrielle Revolution. Webstuhl und Dampfmaschine haben die Arbeitswelt ebenso dramatisch verändert wie zuletzt der Personal Computer und das Internet. Oft gingen die Umwälzungen mit sozialen Unruhen einher.

Die Entwicklung des 3D-Druckers beispielsweise ermöglicht den kleveren, global vernetzten Zeitgenossen, am traditionellen Markt vorbei massgeschneiderte Produkte zu entwerfen, zu produzieren und zu verteilen. Ist damit das Ende unserer arbeitsteiligen Gesellschaft und die Rückkehr zur Selbstversorgung eingeläutet? Sieht so der moderne individuellen Weltverbesserer aus?

Der Roboter auf Augenhöhe

Schon heute verlassen wir uns in unserem Alltag gerne auf intelligente Geräte. Wir vertrauen darauf, dass unsere smarten Assistenten uns durch fremde Städte navigieren, an Geburtstage erinnern, den Rasen mähen und jederzeit zu jedem Thema Auskunft geben können.– So bequem ist unser Leben geworden, dass wir abhängig von unseren Helferlein geworden sind und hilflos, wenn sich herausstellt, dass sie gar nicht so smart sind wie versprochen. Und dennoch: Der Roboter, der sich um uns kümmert, der uns hegt und pflegt, der dafür Sorge trägt, dass es uns gut geht, begegnet uns quer durch die Gesellschaft, vom Spielzeug und «Babysitter» über den (scheinbar) hilfreichen Shopping-Gefährten bis hin zur Altenpflege.

Manifesto © RobotLab. © Patrick Weyeneth / NMB. – Ein automatischer Textproduzent. Er «erfindet» unablässig Zufallstexte, manchmal sinnvoll, manchmal nicht.

Designerinnen und Designer haben die Erfinder der smarten Technologie davon überzeugt, dass die sinnlichen und emotionalen Qualitäten der neuen Geräte über ihre Akzeptanz entscheiden, umso mehr, wenn diese intelligenten Objekte mit uns kommunizieren und interagieren und uns das Gefühl geben sollen, sie könnten fühlen, seien «humanized», vermenschlicht. Halten wir sie dann wirklich für alte Bekannte: hilfsbereit, zuvorkommend, eventuell übereifrig oder manipulativ. – Was passiert, wenn das geliebte Smartphone verloren geht?

Mit dem Roboter unter einer Decke

Die endgültige Annäherung an den Roboter erreichen wir schliesslich über die «Wohnmaschine», in der wir leben, das «Internet der Dinge», unser ganzer Haushalt gesteuert durch digitale Geräte. Daneben kann ein Roboter auch ungeheuer hilfreich sein: Mithilfe moderner Prothetik und eingepflanzter Chips vollbringen wir Leistungen, zu denen wir sonst nicht in der Lage wären – ob wir nun trotz Gehbehinderung wieder laufen oder mit blosser Hand versperrte Türen öffnen können.

Ausstellungsansicht. Foto: © Patrick Weyeneth / NMB

Verfügt der Mensch erstmals in der Geschichte über die Technologie, um aus science fiction Realität werden zu lassen? Eine klare Antwort gibt es nicht. Unbestritten ist hingegen, dass wir uns auf dem Weg zu einer intelligenteren, autonomeren, «robotischeren» Lebenswelt befinden, als wir sie heute kennen. Ob intelligente Maschinen eines Tages alles Lebendige – uns eingeschlossen – ersetzen werden, fragen sich die Menschen, seit sie einander Geschichten über künstliche Lebewesen erzählen.

«Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine» im Neuen Museum Biel bis 3. Januar 2021.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel