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Lob des Alters

Die Unsicherheit sitzt in allen Ritzen und Löchern und die Ungewissheit schaut uns wie eine Eule mit grossen stummen Augen an. Wir leiden unter der Pandemie und wir schauen in eine Zukunft, die uns zwingt, das Leben zu ändern. Es gibt dafür kein klares Rezept, zwar viele Meinungen und bald auch Gesetze, die gebieterisch verlangen werden, uns nicht im gewohnten Tramp fortzubewegen. Täglich werden wir überflutet mit Informationen, zum Teil mit solchen, die sich widersprechen. Wie können wir uns da zurecht finden? Es ist schwierig geworden, auf einem tragenden gedanklichen Boden zu stehen in diesem Tohuwabohu der Meinungen, in dem oft nicht einmal mehr Tatsachen als Wahrheit anerkannt werden, in einer Zeit des Werterelativismus, wo Gruppen auf ihren Werten beharren und sich aufspielen, als gebe es keine universellen Werte, die vor jeder Meinung gelten. Wir Senioren und Seniorinnen gehören zur Risikogruppe der Pandemie, aber viele weit jüngere Jahrgänge sehen sich Existenz gefährdenden Risiken gegenüber, die wir nicht mehr haben.

Wie kann da ein der Risikogruppen Angehörender einen Text über das «Lob des Alters» schreiben? Ist das nicht vermessen? Er hält sich an die Parolen, die frühere Generationen schon zu fassen genötigt waren: «Durchhalten! Das Beste aus der Sachlage machen!» Und so überlässt er sich nicht einfach der Resignation, denn er weiss, dass sie ihm nicht hilft. In jungen Jahren besuchte er Vorträge eines wortgewaltigen Dominikanermönchs, von dem er ein Wort nicht vergessen hat. Der Mönch sprach über das Verderben und über die Schuld im Leben und rief wiederholt, wenn er eine dramatische Situation geschildert hatte: «Erst Versagen im Versagen ist Versagen!» Es braucht also, um schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, den dialektischen Dreischritt, um aus dem Schlamassel heraus zu kommen.

Als er die ersten starken Eindrücke von Unsicherheit und Ungewissheit an sich selbst erlebte und spürte, dass seine Finger steifer wurden, schrieb er das Gedicht: Lob des Alters:

Müde sein, wissen,
dass Blumen blühen
am Weg und Leben
noch knospet. 

Würde ich über das
Leben nachdenken,
wenn ich lebte,
vom Tempo gejagt?

Müdigkeit und Langeweile
hätte ich verscheucht,
mich abgelenkt
durch Betrieb.

Hätte es mir nicht
erlaubt, auf einer Bank
zu sitzen, die Berge
zu bestaunen, 

ein Buch in der Hand
Gedichte zu lesen.
Auf dem Bahnhof
zu gähnen. 

Lass mich müde
und langweilig sein,
dass ich auflebe,
wenn es sich lohnt.

Dieses Gedicht mit sechs Strophen ermuntert mich jetzt, über das Lob des Alters zu schreiben, jetzt wo ich mich gezwungen sehe, still und ruhig zu sein, ein Buch in die Hand zu nehmen, auch länger vor dem Fernseher zu sitzen als gewöhnlich. Ich habe ein Leben hinter mir, das mir erlaubt, müde sein zu dürfen. Ich muss deshalb nicht resignieren. Denn das Leben bietet noch immer viel Schönes und Gutes. Es schenkt mir den Glauben, dass die Welt nicht so verdorben ist, wie wir meinen, wenn wir täglich Schlagzeilen über Katastrophen, Kriege und Schmähungen lesen. Wir neigen dazu, das Schlechte zu verallgemeinern. Vor vielen Jahren meldeten die Nachrichten, dass in den japanischen Gewässern ein Fisch mit Bleigehalt ins Netz gegangen sei. Der Mitteilung folgte die Verallgemeinerung, man solle keine Fische aus japanischen Gewässern essen. Von den Milliarden gesunder Fische sprach niemand.

So sitze ich also da. Freue mich, dass die USA einen älteren erfahrenen Herrn zu ihrem Präsidenten erkoren haben, lasse mich von Corona- und Klima-Leugnern nicht irritieren. Ich weiss, dass Fake News von Fakten überholt werden, dass das Gesäusel ohne Bezug zu Tatsachen verschwindet, wenn die Welt sich ändert. Ich glaube daran, dass die ethische Haltung, trotz Hemmnissen, sich weiter verfeinern wird; so wie vor 50 Jahren die Frauen durch die Annahme des Frauenstimmrechts endlich zu ihrem Recht gekommen sind. Ich geniesse den Gedanken, dass Diktatoren nicht ewig regieren und dass die Sehnsucht nach Wahrheit und Freiheit die Welt erobern wird. Warum also sollte ich nicht müde sein dürfen und das Alter loben?

2 Kommentare

  1. Diese Kolumne über das Alter von Andreas Iten lohnt sich mehrmals zu lesen und zu verinnerlichen.
    Besten Dank
    myra tönz

  2. Lieber Andreas wir danken für deine interessante Kolumne Wir haben dabei viel gelernt und sind froh dass uns deine Gedanken kritisch und zuversichtlich stimmen Dankend grüßen Liselotte Albert und Simon aus Zug

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