FrontKulturDie Landschaften des Harald Naegeli

Die Landschaften des Harald Naegeli

Als Sprayer stellte er sich gegen den etablierten Kunstbetrieb, als Künstler ist er in seiner Heimat bis heute kaum bekannt. Die Ausstellung im Musée Visionnaire bringt das Werk des Zeichners und Collagisten in drei Teilen ans Licht.

Im vergangenen Herbst wurde Harald Naegeli der Kunstpreis der Stadt Zürich verliehen. Seither sind die meisten der Sprayfiguren, die er beim ersten Lockdown im Frühjahr – tanzende Sensenmänner als Memento Mori zur Corona-Pandemie – auf Mauern sprayte, mit Fleiss und Reinigungsmitteln wieder entfernt worden, die einen offiziell von beauftragten Putzequipen, die anderen illegal in Selbstjustiz.

Blick in die Ausstellung, welche von Manuela Hitz und Anna-Barbara Neumann kuratiert wurde.

Nun ist Teil eins: Landschaften & Tiere, der Ausstellungstrilogie zu Naegelis Gesamtwerk fertig eingerichtet, wenn auch noch hinter Gitter, im geschlossenen Musée Visionnaire. Ein Besuch ist (noch) nicht möglich, doch eine Beschreibung soll anregen auf hoffentlich demnächst in diesem Museum.

Im Foyer empfängt einen die Natur in Form einer filigranen jungen Birke im Winterkleid – Natur, wie sie bei Harald Naegeli im Atelier steht. Dieses Symbol, welches das Aussen in den Raum holt, steht ein zweites Mal im Untergeschoss des Galerieraums, breitet seine feinen Zweige über Ausstellungsobjekte und Besucher aus. Gegenüber einer Bibliothek mit Büchern über Harald Naegeli kann auf einem Computer und einem Stadtplan voller Stecknadeln nachgeschaut werden, wo der Sprayer seit den Siebziger Jahren mit seinem Protest gegen Betonbauten und -herzen zugange war.

Dem Lieblingstier Elefant (rechts ein Blatt von 2003) begegnet man in der Ausstellung immer wieder.

Schon bei den ersten Exponaten, zwei grossen Tierzeichnungen, Elefant und Steinbock, erhellt sich die Bestimmung des Naegelischen Zeichnens: Nach der Natur zeichnen aber nicht abzeichnen ist das Ziel, sondern das ganze Umfeld der Empfindungen angesichts des Objekts will zeichnerisch umgesetzt und so für den Betrachter sichtbar gemacht werden.

Den Elefanten – Naegelis erklärtes Lieblingstier – und den Steinbock zeichnete er immer wieder, viele Tage verbrachte er vor den Gehegen in zoologischen Gärten. Ein Safaritourist war Harald Naegeli jedoch nie. Das Zeichnen dagegen war ihm seit der Kindheit eine Passion – noch heute hat er fast Tag und Nacht das Skizzenbuch und den Stift zur Hand. Wer ihn einmal besuchen durfte, kennt den Beweis als Skizze seines Konterfeis, und spätere Archivare werden keine Mühe haben, herauszufinden, wer wann im Atelier war.

Seine Begabung war früh zu erkennen, aber aus einem inneren Protest wollte er – der auch sehr gut Klavier spielt – Musik studieren, bis ihm ein Lehrer sagte, er schaffe es nur bis ins Mittelfeld. Da wechselte er an die Kunstgewerbeschule. Sein wichtigster Lehrer war Karl Schmid, der Holzschneider von Hans Arp. Seinerzeit, als Naegeli erste Figuren im städtischen Aussenraum sprayte, stellte er im Atelier Holzschnitte her, natürlich auch von Elefanten.

Landschaft 2011, Tusche

Treppab geht es zum langen schmalen Ausstellungsraum, der sich für die kleinformatigen Zeichnungen und grafischen Arbeiten von Naegeli gut eignet. Ein Mittelmöbel zieht sich über die ganze Länge von Treppe zu Treppe. Darauf stehen kleine Staffeleien mit Zeichnungen, einmal auf diese, einmal auf jene Seite gedreht. Der Wand entlang hängen weitere Gruppen von Blättern, so schaut man angeregt zur Wand und wieder zur Mitte auf eine der ungerahmten Zeichnungen.

Berge, inspiriert von den Alpen, aber auch von chinesischem Gebirge, korrespondieren mit Zeichnungen vom flachen Land seines deutschen Exils. Die meisten von Naegelis Bildern tragen Titel, assoziativ gefunden zur Zeichnung, oft viel später erst. Eine der Landschaften sieht aus wie eine Partitur, am liebsten würde man sie singen. Diese Gräser, diese Wolken – sind sie realistisch oder abstrakt?

Ohne Titel, Kohlezeichnung 2011

Erste Federzeichnungen von Tieren wurden 1989 bei Ausstellungen in Düsseldorf und Stuttgart gezeigt. Damals war Naegeli in Zürich eine verfolgte Persona non grata, Deutschland sein Asylland, bis er auch dort der Polizei ins Netz ging und an die Schweiz ausgeliefert wurde, wo er eine unmöglich harte Strafe in Isolationshaft im Winterthurer Gefängnis zu verbüssen hatte. Auch da zeichnete er – seine Rettung.

So wichtig wie das Instrument – Naegeli zeichnet mit Bleistift, Kohle, Rötel, Pinsel und Feder – ist das Substrat, die Papiere mit unterschiedlichen Texturen oder Grundierungen. Das ist an der Serie der Blitze von 2011 bis 2015 zu sehen: Nur auf dem nicht monochrom schwarzen Grund entsteht mit der weissen Kreide der Blitz als Bewegung im Raum.

«Grosse Landschaft Nummer 8», Tusche auf Papier 2006-2017. Das Foto zeigt einen winzigen Ausschnitt aus der riesigen Zeichnung (98,5×124 cm).

Die Mehrheit der Exponate ist kleinformatig. Aber zwei sehr grosse Blätter sind ausgestellt, die Grosse Landschaft Nummer 8 und die Grosse Landschaft Nummer 7, sichtbar von letzterer freilich die Rückseite. An Grossen Landschaften arbeitet Naegeli monatelang, manchmal mit Pausen über Jahre, bis er sich entschliesst, die Zeichnung sei fertig.

Rückseite der «Grossen Landschaft Nummer 7» (Ausschnitt): Akribisch notierte Naegeli, wann er daran gearbeitet hat, zusätzlich diente ihm die Rückseite für Skizzen und Entwürfe.

Jeden Eingriff notiert er mit Datum auf der Rückseite, einer Fläche, die sich auch für Skizzen aller Art eignet. Hier, auf diesem Blatt ist ein direkter Einblick in Naegelis Arbeitsweise möglich. Assoziativ und immer präzis denkt er und bringt, meist mit schnellem Strich Bewegung aufs Blatt.

Skizzenbücher geben einen vielfältigen Einblick in die Arbeit.

Ein Highlight ist die Präsentation der Skizzenbücher. Nicht wie üblich liegen sie in einer Vitrine, sondern sie füllen als rhythmisierte Installation eine hohe Wand. Naegelis Arbeitstisch nebenan mit Skizzen und mit Blick in die Natur vermittelt Atelier-Atmosphäre, das für den Künstler so zentrale Innen und Aussen. Als Sprayer war er jahrelang unterwegs mit der Spraydose und ein grosser Unbekannter, als Zeichner ist er ein zurückgezogen lebender Künstler, der ein riesiges, noch weitgehend unbekanntes Werk geschaffen hat.

Frühe Collagen aus den 50er und 60er Jahren.

Für die frühen Collagen inspiriert sich Naegeli bei Hans Arp und Kurt Schwitters. Die Materialien findet er im Alltag, auch im Abfall – Spitzenstoff- oder Papierfetzen, Kordel, Stanniol, Reste von Streichholzschachteln. Hier entwickelt er das Raumgefühl, das er beim Sprayen meisterlich einsetzt. In einer dieser Collage, getitelt Mädchengeschichten, zeigt er bereits Formen, die er später seinen wunderbaren gesprayten Frauenfiguren als Busen mitgibt. Nach einer Phase farbiger Arbeiten wird Naegelis Kunst schwarz-weiss und abstrakt. Mit schwarzen Klebestreifen sucht er die Reduktion der Collage zur klaren Form, aus der sich zeichnerisch die Grossen Landschaften und die Urwolken entwickeln.

Ende der 60er Jahre findet Naegeli die Form der Absoluten Collagen mit schwarzen Klebestreifen auf weissem Papier.

Der Kampf um die Erhaltung der Natur steht im Fokus seines ganzen Lebens – die unwirtlichen Mauern der Städte ist er mit seinen Sprayfiguren angegangen, die Zeichnung ist immer auch ein kritischer Kommentar zum Verschwinden der Natur in einer urbanen Gesellschaft, die Gedichte und Briefe sind radikal politische Aussagen, denen er auch Taten folgen lässt: Immer wieder hat sich Harald Naegeli für Tierschutz- und Naturschutzorganisationen eingesetzt, unlängst mit dem Preisgeld, das er als Kunstpreisträger von der Stadt Zürich erhalten hat.

Titelbild: Harald Naegeli bei der Kunstpreisverleihung. Foto: © Dominik Zietlow
Leihgaben von Harald Naegeli: © Pro Litteris 2021; Fotos: © Reto Hänny
Die Ausstellung im Musée Visionnaire am Predigerplatz, Zürich, ist geschlossen. Hier finden Sie weitere Informationen. Im Museumsshop gibt es als Unikate Karten mit Sprayfiguren.
Zeitgleich mit der Ausstellung ist eine interaktive Website zum Sprayer von Zürich entstanden.

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