FrontKulturEin Besuch der Bieler Fototage

Ein Besuch der Bieler Fototage

23 Ausstellungen fotografischer Arbeiten gibt es in der Bieler Altstadt zu besichtigen. Unter dem Stichwort «Cracks» zeigen sie verschiedene Perspektiven herausragender FotografInnen als Standortbestimmung der zeitgenössischen Fotografie.

In den Ausstellungen wird deutlich, wie alle mit einzigartigen Techniken und innovativen Blickwinkeln an die Fotografie herangehen. Die meisten dieser Arbeiten werden zum ersten Mal gezeigt, zehn davon sind Weltpremieren und sechs sind zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen. Das Centre Pasquart ist Zentrum der Bieler Fototage mit dem Empfang. Dort sind zwölf Ausstellungen der Ausstellungen zu sehen. Für die übrigen elf heisst es den Plan mitnehmen und durch die Altstadt spazieren.

«Cracks» zeigt die gesellschaftlichen Brüche und Herausforderungen, die während der Pandemie entstanden sind. «Cracks» hat die Identitätskrisen, die politische Instabilitäten, den ökologischen Wandel und die wirtschaftlichen Restrukturierungen zum Thema. «Cracks zeigt fotografische Projekte, die Räume zum Nachdenken öffnen.

Pierre-Kastriot Jashari (CH, Bern): Eldorado

Der Preisträger der ersten Ausgabe der Enquête photographique Berner Jura lässt uns eintauchen in den Alltag der multikulturellen Jugend im Berner Jura. Seine fotografische Arbeit, eine Sammlung von Porträts und Landschaften, die auf subtile Weise mit Licht und Schatten spielt, verschafft einen Einblick in verschiedene Geschichten und hinterfragt das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums auf der Ebene seines Umfelds, seiner Herkunft von nah oder fern, seiner sichtbaren oder erträumten Illusionen. Anhand eines subjektiven, dokumentarischen Vorgehens hat sich Pierre-Kastriot Jashari das Ziel gesetzt, das sichtbar zu machen, was in unserer Gesellschaft nur hinter vorgehaltener Hand gesagt, versteckt oder sogar unzugänglich gemacht wird. www.instagram.com/prkstrt

Ang Song Nian (Singapur): Hanging Heavy On My Eyes

Während eines Jahres hat Ang Song Nian jeden Tag den Verschmutzungsgrad der Stadt Singapur und ihrer Umgebung dokumentiert. In diesem Zeitraum hatten immer häufigere Waldbrände in den für die Palmölproduktion bestimmten Gebiete Auswirkungen auf die Dichte der Feinstaubpartikel in der Luft. Nian hat den nationalen Umweltindex minutiös in Grauwerte umgerechnet und auf lichtempfindliches Fotopapier übertragen. Zwölf Blöcke, einer pro Monat, erinnern auf sinnhafte Weise daran, dass es für den Einzelnen unmöglich ist, sich die Konsequenzen des Raubbaus an Natur und Umwelt vorzustellen. Die Serie macht auf die tägliche Passivität des Menschen gegenüber den selbst verursachten Klimaproblemen aufmerksam. www.angsongnian.com

Shinji Nagabe (Brasilien): Banana Republic

Die Serie Banana Republic ist eine Reaktion des Künstlers Shinji Nagabe auf einen hoffnungslosen Zustand und eine politische und soziale Desillusionierung, in der Gewalt und religiöser Eifer herrschen und die geprägt ist von der Einschränkung individueller Freiheiten. In der vom Künstler erschaffenen Fiktion wird der Staat unter das Joch eines brutalen und populistischen Diktators gestellt. Die Banane wird zur Täuschung und Zensur eingesetzt, während Widerstandsgruppen sie verwenden, um Waffen und improvisierte Bomben herzustellen. Der surrealistische Realismus der Serie ist zugleich humorvoll und zerstörerisch und entführt den / die BetrachterIn in eine fiktive Republik. www.shinjinagabe.com

Eline Benjaminsen (Norwegen): Where the money is made

Künstliche Intelligenz und Informatikalgorithmen ermöglichen es Trading Unternehmen heute, Transaktionen schneller auszuführen, als dass ein Mensch ihnen folgen könnte. Die im Video von Eline Benjaminsen festgehaltenen Orte werden nicht ohne Weiteres mit der Finanzwelt in Verbindung gebracht und doch werden heute genau da die grössten Gewinne erzielt. In ihrer Arbeit dokumentiert die Künstlerin die Landschaft eines immateriellen Marktes und hinterfragt die Grenzen eines Systems, das in einer für das menschliche Hirn nicht mehr nachvollziehbaren Geschwindigkeit Profite und Wert generiert. www.elinebenjaminsen.com

Aurore Valade (Frankreich): L’œil cacophonique

Aurore Valade hat eine Klasse des französischen Gymnasiums Biel dazu eingeladen, die in den sozialen Netzwerken generierte Bilderflut mit analogen und digitalen Mitteln zu dekonstruieren. Ausgangslage für die SchülerInnen waren Screenshots im Zusammenhang mit ihren eigenen Interessen und Interaktionen in den sozialen Netzwerken. Gemeinsam haben sie anhand von analogen und digitalen Methoden die Sprache 2.0 zugeschnitten, gezeichnet und überarbeitet. Mit den so entstandenen Symbolen haben sie anschliessend posiert und wurden fotografiert. Die Bilder verleihen den Emotionen und Forderungen der SchülerInnen wieder eine Körperlichkeit – mittels einer bildhaften und darstellerischen Geste. (Entstanden in Kollaboration mit der Hep Bejune und dem Gymnase français de Bienne.) www.aurore-valade.com

Eva Maria Gisler (CH, Bern): Hang

Die Fotografie Hang spielt mit Perspektive, Massstabs- und Grössenverhältnissen. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein abstraktes Gemälde, beim Zweiten ist ein abfallverschmutzter Abhang zu erkennen. Mittels Digitalisierung und Vergrösserung einer analogen Fotografie, auf der eine verlassene Abfalldeponie abgebildet ist, konfrontiert uns die Künstlerin mit einer visuellen Realität, welche auf unseren entfesselten Konsum und dessen Folgen hinweist, die das menschliche Handeln – bewusst oder unbewusst – auf die Umwelt hat. www.evamariagisler.ch

Karla Hiraldo Voleau (CH, Vaud): A Man in Public Space

Karla Hiraldo Voleau ist während einer Woche in die Haut ihres «männlichen Alter Ego» geschlüpft, um einerseits die Veränderung der Haltung ihr gegenüber untersuchen zu können und andererseits ihre eigene Verhaltensveränderung zu beobachten. Ihre Erkundungen erfolgten mittels Selbstportraits, Texten, «gestohlenen» Bildern und Videoaufnahmen. So vermittelt sie den BetrachterInnen eine einzigartige wie auch erschreckende, amüsante und aufregende Erfahrung. Ihre Installation setzt sich auseinander mit der Auswirkung der Geschlechtsidentität auf unsere Handlungen im öffentlichen Raum. www.karlahiraldovoleau.com

Eine Sonderausstellung informiert über den Wettbewerb des Schweizerischen Nationalfonds für wissenschaftliche Bilder. Von der Fotografin Anita Vozza angeleitet, haben die 20 SchülerInnen der Fachklasse Grafik der Schule für Gestaltung Bern und Biel aus den über 2000 zwischen 2017 und 2021 eingegangenen Arbeiten 50 Fotos und 15 Videos ausgewählt. Diese Selektion wurde anschliessend für die Publikumswahl im März 2021 online gestellt.

Situationsbilder: Urs Tillmanns

Titelbild: Girogia Piffaretti + Sophie Wright, aus: In Vetta. Eine Bildererzählung, ausgehend von einem Familienfoto auf dem Mont Blanc

Bis 30. Mai

Sämtliche 23 Positionen gibt es im ausführlichen Beitrag des Autors auf Fotointern
Hinweise und Infos zu den Bieler Fototagen

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