FrontGesellschaftDie Suche nach dem roten Faden

Die Suche nach dem roten Faden

Eine verwirrende Kriminalgeschichte voller Spannung, beruhend auf sorgfältigen Recherchen, das erwartet die Lesenden im Buch von Oliver Hilmes «Das Verschwinden des Dr. Mühe».

Im Juni 1932 verschwindet der Berliner Arzt Erich Mühe spurlos. Der Fall wird dem gewissenhaften Kriminalkommissar Ernst Keller und seinem Assistenten Schneider übertragen. Die Geschichte spielt in Berlin, als die Weimarer Republik schon schwer angeschlagen ist von den Nationalsozialisten, die sich oft mit Schlägereien und Gewalt gegen sozialistische oder kommunistische Gruppen durchsetzen. Die politische Unruhe, die Frage, ob die NSDAP die Macht im Staat übernehmen wird, bewegt die Menschen, besonders in der Hauptstadt, wo das politische Geschehen seit jeher aufmerksamer verfolgt wird als in einem kleinen Landstädtchen.

Vor diesem stets präsenten Hintergrund folgen wir dem Kriminalkommissar Ernst Keller auf seiner Suche nach Dr. med. Erich Mühe. Nachdem wir im ersten Kapitel Dr. Mühe bei seiner ärztlichen Tätigkeit kennengelernt und ihn in seinem Alltag begleitet haben, lesen wir, dass er das Haus verlässt, der Haushaltshilfe «später» zuruft, und dann für immer verschwindet.

Oliver Hilmes  © Maximilian Lautenschlager / Penguin Verlag

Von nun an sind es die Eintragungen des Kommissars, die den Takt angeben. Die erste Station seiner Recherche, der Besuch beim Wirt des Ausflugsrestaurants, wird allerdings als Vorwort schon vorweggenommen: Ernst Keller steht am idyllischen Sacrower See, zwischen Berlin und Potsdam gelegen, und muss sich fragen, was Erich Mühe dort zu tun hatte. Denn der Wirt hat Mühes schicke Adler-Limousine am See gefunden, der Schlüssel steckte noch – und dann verschwindet das Auto, obwohl der Wirt die Schlüssel und weitere persönliche Dinge des Autobesitzers zu sich ins Haus genommen hatte.

Nichts als Ungereimtheiten! Auch die weiteren Nachforschungen bringen dem Kriminalkommissar keine Klarheit. Warum meldet Frau Mühe ihren Mann erst am zweiten Tag als vermisst? Immerhin ist der Arzt nicht ertrunken, das ergibt die gründliche Suche im kleinen Badesee. Aber besonders beunruhigt scheint seine Frau auch nicht zu sein.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Frau Mühe interessiert sich nicht sonderlich für die Aktivitäten ihres Mannes. Sie übt sich lieber im Gesang. Hugo Rasch scheint nicht nur ihr Gesangslehrer, sondern auch ihr Geliebter zu sein. Obendrein ist er ein vergifteter Nazi. Ob der unsympathische Rasch etwas mit dem Verschwinden des Arztes zu tun hat, lässt sich auch nicht feststellen. Rasch drängt sich zunächst richtig auf, will die Angelegenheiten seiner Schülerin vertreten und in seine Bahnen lenken. Später kommt es zum Streit zwischen den beiden und daraufhin zur endgültigen Trennung. Im folgenden Jahr, als der Kommissar noch einmal Frau Mühe befragen will, muss er sie im Krankenhaus besuchen, sie ist schwer an Krebs erkrankt und stirbt bald. – Ein offensichtlich böswilliger Arzt, der Mühe kannte, behauptet gar, Mühe hätte eigentlich die Krankheit seiner Frau schon vor seinem Verschwinden erkennen müssen und sei mit vollem Wissen über ihren Zustand abgetaucht.

Ernst Keller findet Gerüchte und Mutmassungen aus allen Richtungen, aber nichts will zusammenpassen. Indizien gibt es einige, nirgends jedoch findet er eine handfeste weiterführende Spur. Da entdeckt er, dass Mühe und seine Frau eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen hatten. Aber Frau Mühe kann sie nicht einfordern, denn es gibt keinen Beweis, dass der Doktor gestorben ist. Zudem wird im Polizeipräsidium die Atmosphäre unangenehm: Dem demokratisch gesinnten Kommissar wird als Polizeipräsident ein scharfer Nazi vor die Nase gesetzt. Da wartet Keller nur noch, bis er endlich in Pension gehen kann.

Berlin auf der Schwelle der Nazi-Herrschaft

Die zahlreichen Interviews mit den Menschen, die etwas über das Verschwinden des Arztes wissen könnten und doch nichts Wesentliches beitragen, dienen vor allem, die Jahre der beginnenden Nazi-Herrschaft darzustellen. Das gelingt dem Autor vorzüglich. Zu einem ist er ein guter Historiker, versiert darin, mit zahlreichen alltäglichen Dokumenten die Zeitläufte zu kolorieren. Zum anderen ist Hilmes ein ausgezeichneter Erzähler, der anschaulich und präzise beschreibt und spannende Dialoge spinnt.

Hilmes sagt selbst: «Als ich die Akte Mühe zu Ende gelesen habe, ist mir sofort klar, dass ich darüber irgendwann einmal ein Buch schreiben werde. Was mich an diesem Fall so fasziniert, ist das ständige Wechseln der Richtung: Glaubt man für einen Moment eine Erklärung für das Verschwinden des Arztes zu haben, nimmt die Geschichte in der nächsten Sekunde eine ganz neue Wendung. Es ist ein raffiniertes Vexierspiel, in dessen Verlauf immer neue Spuren und Fährten gelegt werden. Nichts ist so, wie man zunächst glaubt.»

Die letzten beiden Kapitel, das Rätsel des Verschwindens aufzulösen, gehören Margarete Hertel, der Schwester von Erich Mühe. Sie will wissen, ob der verstörende Traum, den sie mehrmals geträumt hat, etwas mit ihrem Bruder zu tun hat. Sie fährt 1946 nach Berlin, findet den früheren Kriminalkommissar Keller, erhält von ihm einen Hinweis auf Barcelona und reist zwei Jahre später dorthin.

Dazu kein Wort mehr! Gerade diese beiden Kapitel sind kleine Meisterwerke in der Schilderung des Misstrauens der Menschen und der schwierigen Umstände des Reisens in den Nachkriegsjahren.

Oliver Hilmes, 1971 geboren, hat in Zeitgeschichte promoviert und arbeitet als Kurator für die Stiftung Berliner Philharmoniker. Er hat vielbeachtete Bücher über widersprüchliche und faszinierende Frauen und Männer geschrieben. Zum Bestseller wurde Berlin 1936. Sechzehn Tage im August (2016), über die Zeit der Olympischen Spiele. Im Zusammenhang mit den Recherchen zu diesem Buch kam dem Autor auch die Akte Mühe in die Hände.

Oliver Hilmes: Das Verschwinden des Dr. Mühe. Eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre. Penguin Verlag 2020. 240 Seiten. ISBN: 978-3-328-60138-8

Titelbild: Adler Primus 1932 © Tobias Nordhausen / commons.wikimedia.org

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