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Heilkunst von der Steinzeit bis heute

Die Ausstellung «Gesundheit – 7000 Jahre Heilkunst» ist eine Zeitreise durch die Medizingeschichte im «Kulturama» in Zürich. Sie informiert und lädt Jung und Alt zum Tasten, Riechen und Spielen ein.

Zahnschmerzen, Entzündungen und Knochenbrüche – auch in der Steinzeit litten Menschen unter gesundheitlichen Problemen. Wirksame Behandlungsmethoden waren rar, die Lebenserwartung entsprechend tief. Doch gegen manches Leiden war ein Kraut gewachsen.

Walnüsse und Haselnüsse als Heilpflanzen.

In der Steinzeit war der Medizinmann nicht nur für magische Heilrituale zuständig, sondern auch für die praktische Medizin. Er führte bereits Amputationen oder Trepanationen durch, das heisst Schädelbohrungen, um eine Waffenspitze herauszuoperieren oder den «bösen» Geist psychisch Kranker herauszulassen. Das Feuer diente nicht nur als Schutz vor Kälte und wilden Tieren, sondern auch als Desinfektionsmittel, indem Wunden ausgebrannt und Körperöffnungen ausgeräuchert wurden.

Menschlicher Kotrest aus Arbon, 3380 v. Chr. Im mit Wurmeiern befallenen Koprolith (versteinerter Kot) liessen sich Sporen des Wurmfarns nachweisen.

Die Überblickstafel zu Beginn der Schau zeigt, dass die Lebenserwartung der frühen Jäger und Sammler höher lag als später bei der sesshaften Bevölkerung. Das dichte Zusammenleben im Dorf zwischen Abfällen, Fäkalien und Tieren und die harte Arbeit waren nicht gesundheitsfördernd. So lassen sich Abnützungserscheinungen, Verletzungen und Entzündungen bereits an Knochenfunden der Pfahlbauer nachweisen, fast die Hälfte der Kinder wurde keine fünf Jahre alt.

Die zwei Schädel aus einem frühmittelalterlichen Friedhof in Baar zeigen, dass die Menschen unter guten Bedingungen lebten. Die etwa 30-jährige Frau (links) überlebte die leichte Schädelverletzung am Stirnbein, der alte Mann (rechts) war an der grossflächigen Verletzung gestorben.

Die Ausstellung zeigt auch auf, wie Krankheiten und ihre Heilmittel in archäologischem Fundgut nachgewiesen werden. Blütenpollen, verkohlte Pflanzenteile und Funde aus Feuchtbodensiedlungen geben Auskunft darüber, welche Pflanzen früher wuchsen. Im Hochmittelalter herrschte bei uns ein wärmeres Klima und liess Südfrüchte gedeihen. Dazu wird ein Pfirsichstein aus Luzern aus einer Abfallschicht des 11. Jahrhundert präsentiert. Pfirsiche galten damals als ungesund, doch wurden sie als Heilmittel zur äusseren Anwendung verarbeitet.

Zauber gegen Zahnweh. Bei Hausuntersuchungen entdeckte man Zähne in den Ritzen der Stubenwände, Milchzähe, aber auch mit der Zange gezogene stark kariöse Zähne von Erwachsenen. Für die Zahnreinigung kaute man auch Kaugummi aus Birkenteer.

In der griechisch-römischen Welt war die Medizin hochentwickelt, wie Wandbilder, Mosaiken oder antike Schriften belegen. Die Ärzte führten eigene Praxen, wirkten in Legionslagern und Thermen, das Bewusstsein für Hygiene war gross. Häufig waren sie spezialisiert als Chirurgen, Augen- oder Zahnärzte. Sie besassen ein umfassendes Wissen über die heilende Wirkung natürlicher Mittel und Pflanzen. Mit dem «Unguentarium» zeigt die Schau ein Gefäss, in dem die Römer medizinische oder kosmetische Salben und Balsame aufbewahrten.

Schabmadonnen, Einsiedeln, 17. Jahrhundert.

Im Volksglauben vieler Kulturen wurde die Ursache von Krankheiten in Dämonen, Totengeistern oder Zauberhandlungen neidischer Mitmenschen gesehen. Um geheilt zu werden, mussten solche negativen Kräfte gebannt werden. Die alten Vorstellungen flossen auch in die Rituale der katholischen Kirche ein. Viele Heilige waren für die Heilung bestimmter Krankheiten zuständig und man rief sie neben Christus oder Maria an.

In Einsiedeln wurden seit dem 17. Jahrhundert sogenannte Schabmadonnen hergestellt, Figürchen aus Ton, dem Reliquienstaub – aufgewischter Staub aus der Einsiedler Gnadenkapelle – beigemischt wurde. Diese Figürchen wurden an kranke Pilger abgegeben. Man versprach sich Heilung, wenn man sie abschabte und das Pulver übers Essen streute. Auch Schluckbildchen sind ausgestellt, Papierbogen mit dem Aufdruck verschiedener Heiliger, die als eine Art Medizin verkauft wurden. Je nach Krankheit wurde ein entsprechendes Bildchen ausgeschnitten, zerkleinert und den Patienten zum Essen gegeben.

Früher Sanitätskoffer.

Die umfassende Schau enthält auch verschiedene Exponate zur Entwicklung von Chemie und Medizin: Die Destillation zur Gewinnung von heilenden Substanzen kam im 12. Jahrhundert aus dem arabischen Raum nach Mitteleuropa. Das Quecksilberthermometer als Fiebermesser aus dem 19. Jahrhundert steckt noch in einem zweiteiligen Holzköcher. Die Impflanzette aus dem frühen 20. Jahrhundert ist mit einem verschlossenen Glasröhrchen versehen, das mit gelbem Impfstoff zur Pockenimpfung gefüllt ist. Pocken war eine über Jahrhunderte gefürchtete Krankheit, die heute dank der Impfung bei uns ausgerottet ist. Der Formalin-Desinfektor, ein Apparat mit einer grösseren Menge an Formaldehyd-Pastillen, um Räume zu desinfizieren, gilt heute als krebserregend. Durch verschmutztes Wasser brachen früher bei uns regelmässig Typhus und Cholera aus. Bereits 1596 wurde das erste Wasserklosett erfunden, aber es setzte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufbau der Wasserversorgungs- und Entsorgungssysteme in den Städten durch.

In der Spielecke dürfen Kinder Doktor spielen und Puppen verarzten.

Die Ausstellung bietet zudem Möglichkeiten, sein eigenes Heilwissen zu prüfen. Aus dem Kasten «Wahr oder Falsch?» lässt sich eine Karte ziehen mit einer Behauptung, etwa «Wunden heilen an der frischen Luft schneller»; die präzise Antwort ist auf der Rückseite zu lesen. In einem anderen Kasten kann man die Hände in eine Öffnung stecken und durch Tasten erraten, was man berührt. Auch um den Geruchssinn zu testen, gibt es eine Station. Die Spielecke wendet sich an kleine Kinder. Hier können sie mit einem Kartenspiel in den Alltag der Steinzeitkinder eintauchen oder praktisch als kleine Ärztinnen und Ärzte Puppen behandeln.

Fotos: rv

Bis 30. April 2022
«Gesundheit – 7000 Jahre Heilkunst» im Kulturama Museum des Menschen, Zürich. Ausstellungstexte deutsch/englisch.

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