FrontGesellschaftMit Jenischen auf der Reise

Mit Jenischen auf der Reise

Aus dem Bücherangebot des Sommers sticht es heraus, das Buch «Zigeuner» von Isabella Huser. Der typografisch gestaltete Titel steht auf einer dunkelgrauen Fläche, im oberen Teil ist das historische Foto einer Musikantenfamilie abgedruckt. Es sind die Vorfahren der Autorin.

Isabella Huser hat eine überaus klug arrangierte Dokufiktion aus der Schweizer Geschichte erarbeitet und zum Roman kondensiert. «Für mich musste das Projekt immer Zigeuner heissen,» sagt sie, auf das Wort angesprochen, das heute als diskriminierende oder romantisierende Fremdbezeichnung vermieden wird. Aber als Jenische braucht Isabella Huser es mit Stolz: «Wir waren keine Fahrenden, wir waren Zigeuner; wir ‹fuhren› nicht, wir gingen auf die Reise,» schreibt sie, und weiter: «Nie waren sie, auch das wie richtige Zigeuner, gezwungenermaßen auf Reisen, als Vertriebene, Menschen auf der Flucht, die reisend zu überleben wissen. Unfreiwillig war einzig der Aufbruch gewesen.»

Die Familie Huser posiert an der Axenstrasse für einen befreundeten Fotografen. Auf dem Pferd mit dem Akkordeon sitzt Isabellas Vater Tony.

Das Alter Ego der Autorin ist Anna Huser, die sich als Ausländerin, als Tschingg diskriminiert sieht, dann über die Geschichte ihrer Eltern – Vater ein jenischer Musiker, Mutter eine italienische Immigrantin – staunt und das Leid um die Kinder der Landstrasse zunächst gar nicht glauben will. 

Die Geschichte, die Isabella Huser über die Vaterfamilie erzählt, geht bis zur Helvetik zurück, als im Zuge der französischen Revolution alle, auch jene ohne Heimatschein, Bürger gleichen Rechts werden sollten, und erzählt die tragischen aber auch heroischen Schicksale der reisenden Sippen, die im eigenen Land immer wieder weggewiesen, der Gaunerei bezichtigt werden, ihren Stolz und ihre Lebensfreude jedoch nie preisgeben.

Die Autorin wollte zunächst im Archiv der Wohngemeinde nach Ausländern forschen, hat da aber erfahren, dass auch die so schweizerisch klingenden Huser eine Art Ausländer sind, und dass Rassismus nicht nur die Hautfarbe betrifft. In der Folge hat sie viel Zeit in Archiven verbracht und versucht, sich in ihre Protagonisten und deren amtliche Widersacher zu versetzen. Gewagt, aber gelungen ist das Experiment des fiktiven und doch ganz nah bei der Aktenlage entstandenen Romans.

Jenischer Geschirrhausierer mit Familie im 19. Jahrhundert. Wiki commons

Wissen Sie noch, wann erstmals kritisch über die Aktion Kinder der Landstrasse berichtet wurde? Es war 1972, als Hans Caprez in der Zeitschrift Beobachter die Hintergründe des Kinderhilfswerks aufdeckte. Was aber bis jetzt kaum breit untersucht worden ist: Die Pro Juventute hatte es vor allem auf die Kinder von sesshaften und nicht von reisenden Jenischen abgesehen, da man letzterer nicht ohne weiteres habhaft werden konnte. «Ich, Anna, das Kind, war 13, als es in der Zeitung stand. Sie nahmen den Jenischen die Kinder. Ich weiss nicht mehr, wie ich es erfuhr, ich kann mich an den Moment erinnern, als ich wie vom Blitz getroffen, mein Inneres wie ausgebrannt, erkannte, dass seine (Vaters) Geschichte wahr sein musste.»

Die Diplomarbeit von Fräulein Schneider von 1929 über Die Familie Fecco von M mit dem Titel Niedergang und Aufstieg einer Vagantenfamilie liegt bei den Akten. Die Hospitantin bei Pro Juventute beschreibt eine Kindeswegnahme – unglaublich brutal, aber nach geltenden Regeln damals korrekt. Huser zitiert das Dokument, das um einen Zweig der in Magliaso gemeldeten Familie Huser geht, ihrer Familie. Fecco – wohl von Fecker – ist ein Fake.

Noch nicht so lange zurück liegt ein Erlebnis von Isabella Huser, das allein bei der Lektüre schmerzt: Sie ist in den 90er Jahren zur Ehrung einer jenischen Persönlichkeit durch höchste Behörden der Eidgenossenschaft eingeladen, wird dem Geehrten als Tochter des Tony vorgestellt, der aber verweigert ihr den Handschlag und «blickte befremdet: ‹ Nein, Tony hatte keine Kinder.'» Das kann die Erzählfigur Anna nicht schlucken, war doch ihr Vater stolz auf seine Kinder, aber eine Frau klärt sie kurz danach auf: «Ich brauchte die Hilfe der Stadtbeamtin … um zu begreifen, was ich doch längst wusste. Sie sagte: ‹Jenische Kinder, Anna, waren stets in Gefahr.›» Die Existenz von Kindern wurde oft verschwiegen.

Die erfolgreiche Familienkapelle hatte gute Engagements auch über die Schweizer Grenze hinaus

Im zweiten Teil des Buchs steigt Isabella Huser in Akten, Dokumente, Taufbücher und Sterbeurkunden ein, die erhellen, dass ein Huser und dessen Familie zuerst in Unterwalden nachgewiesen wird und irgendwann den Bürgerort Magliaso im Tessin bekommt. Sie reisen als Hausierer, Geschirrhändler oder Glockengiesser, werden immer wieder weggewiesen und vertrieben, weil Pässe, Durchgangsscheine, Hausiererpatente fehlen, dennoch behaupten sie sich, bleiben sozial und finanziell unabhängig, eine Tante der Autorin ist sogar vermögend geworden.

Tony Huser, vorn rechts, wäre in diesem Jahr 100 geworden. Hier eine SRF-Sendung zum nachhören.

Schon in den 20er Jahren reisen Isabellas Grosseltern mit den Kindern als Musikanten durch die Lande – machen als Familienkapelle Ländler- und Unterhaltungsmusik. Die Huserbuebe, später von Vater Tony und Onkel Franz gegründet, als die Tanten andere Wege gehen, spielen dank eines Cousins die Musik der Väter immer noch, und der virtuose und sensible Akkordeonist Toni Huser, Isabellas Bruder, hat ihre Buchvernissage im Zürcher Lokal Sphères mit einer berühmten Komposition von Vater Tony Huser, dem Tango abgerundet.

Isabella und Toni Huser bei der Buchvernissage von «Zigeuner»

Aus trockenen Akten hat Isabella Huser Leben, das Leben ihrer Vorfahren literarisch erzeugt, ohne dass die Fakten zugunsten der Fiktion vergewaltigt worden sind. Hier ein kurzer Auszug aus einer polizeilichen Einvernahme der Elisabeth, Witwe des Remigius Huser, Mutter erwachsener und noch kleiner Kinder, welch letztere mit ihr von einem Berner Beamten festgenommen worden sind. «Er überprüft etwas in einem der anderen Papiere, die sie nicht kennt. Sie, Elisabeth, würde antworten, wenn er sie fragte, dass dies ihr Leben ist und ihr Beruf, wie andere Bauern sind und deshalb am Ort bleiben, wo der Acker ist, sind sie Geschirrhändler, wie ihr Remigius einer war und ihr Leodegar einer ist und ihr Balthasar einer sein wird, Geschirrhändler oder Glockengießer, wie ihr Vater einer war. Und so reisen wir, und einen Acker brauchen wir nicht.» Die Szene geht auf 1836 zurück. 1851 werden Leodegar und Balthasar Huser aufgrund einer Verfügung des Bundesrats Tessiner Bürger.

Teil drei führt ins 20. Jahrhundert, ins Dossier der Familie Huser, die von der Pro Juventute verfolgt wird, deren Mädchen fälschlicherweise angeschwärzt werden, um sie als gefährdet den Eltern wegnehmen zu können, deren materielle Existenz zwar gesichert, deren Papiere in Ordnung sind, gegen die Verfolger nichts nützen. Niederlassungsfreiheit für alle Schweizer Bürger ist für Husers ein Papiertiger. Und nochmals neu, wie in einer Fuge, wird die Flucht der Kinder des Franz Huser und der Frieda, bekannte Kontrabassistin im Familienorchester, geschildert, die Fürsorge der größeren für die kleineren am geheimen Lagerplatz im Wald und die Weiterreise mit den Eltern, nachdem die Gefahr, als Kinder der Landstraße in Heime zu müssen, gebannt ist.

Titelbild: Isabella Huser bei der Buchvernissage.
Historische Bilder: © Ländlerkapelle Huserbuebe, für das Coverbild © Bilgerverlag
Isabella Huser: Zigeuner. Roman. Bilgerverlag 2021, ISBN 978-3-03762-093-9

Vorheriger ArtikelTabula rasa bei SRF
Nächster ArtikelErst Traum, dann Erinnerung

3 Kommentare

  1. Als Ergänzung: Das wohl bekannteste Opfer des Hilfswerks Kinder der Landstrasse ist Mariella Mehr, die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin. Nachdem sie ihrer Mutter weggenommen worden war, wuchs sie in vielen Kinder- und Erziehungsheinen auf, sass in Hindelbank ein und kam in psychiatrischen Anstalten, bevor sie begann, Bücher zu schreiben.

  2. Das Jenische Volg hat sich gespalten von Sesshaften Jenischen und Reisende Jenischen, durch Veröffentlichung solchen beiträgen Leiden Jenische Die Heutzutage das ganze Jahr Reisen, den sie sind an der Frond und müssen jeden Tag kämpfen mit den Vorurteilen der Sesshaften Bevölkerung.
    wir dir Reisenden Jenischen sind absolut dagegen wenn jemand 2021 Öffentlichkeits Arbeiten macht, der Sesshafte Bürger kann bei Interesse Googeln und fiendet was er wiessen möchte über Das Jenische Volk,
    solche Geschichten bringt unser Lebende Kultur nicht weiter, wie es sich zu hundertmal erwiesen hat.
    WIR DAS Jenische Volg brauchen Stand und Durchgangsplätze JETZT

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel