FrontKulturEin Leben ohne Gedächtnis

Ein Leben ohne Gedächtnis

Der Spielfilm «Apples» des Griechen Christos Nikou handelt von einer Pandemie, dem Verlust der Erinnerung, und davon, wie ein Mensch sich dann eine neue Identität erschafft. Vor Corona geschrieben und gedreht, ist der Film aktuell und zeitlos.

Eine eigenartige Epidemie sucht Griechenland heim: die Gedächtnis-Amnesie. Männer wie Frauen verfallen einem akuten Gedächtnisverlust, und viele davon landen in einer spezialisierten Klinik. Wenn sie dort niemand abholt, können sie sich einer Therapie unterziehen. Der Film provoziert Fragen und wirkt auf uns mit den aktuellen Pandemieerfahrungen wohl noch amüsanter als ohnehin, lädt uns ein mit seinem lakonisch stillen, surreal absurden Humor zum Lesen und Deuten, zum Sinnieren und Denken.

Der Film beginnt mit einer ungewohnten Schnittfolge: Ein regelmässiges Klopfen ist zu vernehmen, ein Mann schlägt im Takt den Kopf gegen eine Wand. Standbilder geben Einblick in eine Wohnung: unberührtes Bett, durchgesessenes Sofa, zerknülltes Papier, eine Tasse Tee. Durch die Tür treffen wir einen Mann in den Vierzigern und sehen, er hat ein Problem. Wenig später tritt er mit einem Strauss Gerbera aus einem Blumenladen. Für wen diese bestimmt sind, erfahren wir am Schluss.

Eine retrograde Amnesie

Die Gefahr war bekannt, sie lauert in der Stadt und im ganzen Land. Das Radio vermeldet seit Tagen gehäuft auftretende Fälle von akutem Gedächtnisverlust. Als der Mann am Morgen das Haus verlässt, wird er selbst Zeuge eines Opfers. Anschliessend wird er, im Tram schlafend, an der Endstation vom Fahrer angesprochen. Auf dessen Fragen weiss er nicht, wo er ist, wohin er will, wie er heisst. Doch für den Fahrer ist alles klar, und er ruft die Ambulanz. In der Klinik gibt es ein klares Dispositiv für solche Neueinweisungen. Das Programm «Neue Identität» soll helfen, die von der Amnesie Betroffenen wieder zu integrieren. Unser Mann wird nummeriert, fotografiert und untersucht. Mit Gehirntrainings überbrücken sie die Zeit, bis jemand sich meldet und den Patienten abholt. An ihn erinnert sich aber niemand, kein Ausweis identifiziert ihn. Viel ist nicht aus ihm herauszuholen, das Gedächtnis hat ihn verlassen. «Ein Alltag ohne Identität ist schwierig», meint eine Ärztin. Klar ist nur: Er mag Äpfel.

Aufgaben als Polaroidbild festhalten

Auf dem Weg zurück

Weltweit haben wir einen Lockdown und ein teilweises Lahmlegen der Öffentlichkeit hinter uns. Der in Athen geborene Christos Nikou konnte bei der Arbeit an «Apples» nicht ahnen, dass die Realität seine Fiktion so rasch einholt und überholt. In seinem Debütfilm erzählt er von Aris, einem eher einsam wirkenden Mann, der eines Tages nicht mehr weiss, wer er ist und wo er hingehört. Am Ort, wo man ihn betreut, spritzt man ihm intravenös Amobarbital, macht psychologische Tests und ordnet seinen Gedächtnisverlust einem bereits bekannten Phänomen zu. Die Therapie soll auch Aris helfen, wieder zu sich zu kommen, ein neues Ich zu entwickeln. Im vorgegebenen Programm bekommt er banale Aufgaben, die er zu lösen und mit einem Polaroidbild festzuhalten hat: Fahrradfahren, Kinobesuch, Ausgang, Autoausflug, One-Night-Stand, Besuch eines Sterbenskranken. Mit den gelösten Aufgaben sollen sich neue Erinnerungen und, wer weiss, eine neue Identität bilden. Dabei bleibt er nicht allein. Anna, eine etwas jüngere Frau, durchläuft das gleiche Programm und begegnet ihm dabei gelegentlich; sie helfen sich und lassen sich helfen. Doch schaffen die neuen Erfahrungen wirklich eine neue Identität? Definiert diese sich schliesslich aus Erinnerungen?

Der Weg zurück besteht aus etwa einem Dutzend Episoden, Kurzgeschichten mit Tiefsinn und Schönheit, Geheimnissen und Überraschungen. Nikou erzählt sie mit Liebenswürdigkeit und Empathie. Jede Szene bringt wie ein Mosaikstein etwas, das vielleicht einmal ein Es, ein Ich oder eine neue Person wird. Diesen Prozess zu bedenken und darüber zu sinnieren, lohnt sich, denn er ist allgemeingültig.

Regisseur Christos Nikou (c) greekreporter.com

Mit andern vernetzt

Kunstwerke stehen nicht wie erratische Blöcke in der Landschaft, sondern, bewusst oder unbewusst, in Bezug zu andern Werken. Sie sind, wie Gotthard Jedlicka es jeweils sagte, Antworten auf andere Werke, beziehen sich auf andere Werke der Kunst oder der Philosophie. So auch «Apples» von Christos Nikou. – Nachfolgend der Versuch, solche Beziehungen zu beschreiben:

Nach langem gehorsamem Ausführen der Aufträge beginnt Aris, sich zu weigern. Ist diese Weigerung nicht die «erste Geste des Neins», wie es der Entwicklungspsychologe René Spitz, in seinem Werk «Nein und Ja. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation» beschreibt? Könnte dieses Nein für Aris nicht der Anfang einer neuen Kommunikation nach der Anamnese sein?

Und meint Erich Fromm in seinem Buch «Über den Ungehorsam», wenn auch in einer Umkehrung, nicht Ähnliches? Dort nämlich, wo er beschreibt, wie verhängnisvoll der Gehorsam, also das Ja, sein kann und er so indirekt für den Ungehorsam, die Ablehnung plädiert: mit einem Nein als Anfang einer gesunden, gelingenden Zukunft, eines Anfangs für Aris?

Kaum zufällig führt der Regisseur dem Mann Aris die Frau Anna zu; beide Namen mit dem ersten Buchstaben des Alphabets, wie auch Adam, mit dem, nach dem Alten Testament, bekanntlich die Menschheit begann. Es sind also zwei Hauptprotagonisten, wozu die Aussage von Thomas von Aquin passt: «Sein gleich Mit-Sein.» Ist wirkliches Leben, auch der Neuanfang, nur mit andern Menschen möglich?

Solches Mit-Sein beschreibt Martin Buber im berühmten «Ich und Du» ausführlich. Zum Beispiel heisst es dort über die menschliche Entwicklung: «Die Welt als Erfahrung gehört dem Grundwort Ich-Es zu. Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung.» Könnte so vielleicht auch der Apfel in diesem Film, den Brigitte Siegrist als Ariadnefaden bezeichnet, das Leben als Verbindendung verstanden werden?

Szene um Szene fügen sich im Film zu einer neuen Wirklichkeit, einem neuen Leben. Seinen Namen kennt Aris zwar auch am Ende noch nicht, doch scheint es, er habe einen Weg aus dem Labyrinth gefunden. Doch warum er da hineingeraten ist? Das bleibt wohl Zufall oder Schicksal. – Meine Anmerkungen erheben keinen Anspruch auf Verbindlichkeit, sollen lediglich einladen, mit dem Film ins Gespräch zu kommen, eigene Interpretationen zu versuchen.

Menschliche Beziehungen wieder einüben

Im Kreis der Surrealen und Absurden

Mit seinem Erstling «Apples» reiht sich Christos Nikou ein in den Kreis der Surrealen und Absurden der Kinematografie, neben Alaa Eddine Aljem mit «Le Miracle du Saint Inconnu», Elia Suleiman mit «It Must Be Heaven», Roy Andersson mit «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence», Rúnar Rúnarsson mit «Echo» und der Schweizerin Carmen Stadler mit «Sekuritas». Ebenso in den Kreis der Surrealen und Absurden der Literatur und der bildenden Kunst, neben Samuel Beckett, André Breton, Eugène Ionesco, Paul Klee, Salvador Dalí, René Magritte, Juan Miró und Max Ernst.

Sie alle beschäftigen sich in meinen Augen mit der grossen, anspruchsvollen Aufgabe, Gegenwelten zu kreieren: zu Descartes «Cogito ergo sum», zum «Credo, quia absurdum est» der Religionen und zum «Liberté, égalité, fraternité» der Französischen Revolution. Sie erinnern uns immer wieder daran, dass es noch anderes gibt auf unserer Welt, das nicht exakt beschrieben und bezeichnet werden kann.

«Apples» ist ein Film, der nicht nur Schönheit, sondern auch Denken zum ästhetischen Erleben und Geniessen anbietet. Christos Nikou erzählt seine Geschichte, «in der die eigentliche Krankheit nicht das Entscheidende ist, nicht einmal ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft, nein, sie ist lediglich ein Mittel, um über das zu sprechen, was man grossspurig die Conditio humana auf der individuellen Ebene nennen könnte.»

Der Apfel als Ariadnefaden

Christos Nikou zu seinem Film «Apples»

Titelbild. Banale Handlungen neu üben

Regie: Christos Nikou, Produktion: 2020, Länge: 90 min, Verleih: trigon-film

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