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Hinein ins Mysterium der Liebe

Mit «Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time» laden uns die ungarische Regisseurin Lili Horvát und die grossartige Hauptdarstellerin Natasa Stork zu einer packenden Reise in die Tiefen des Verliebtseins: geheimnisvoll und verführerisch.

«Von Liebesglück erfüllt, reist eine Frau zum Mann, mit dem sie ein neues Leben beginnen will.» Das war die Idee für «Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time», antwortet die Regisseurin auf die Frage, auf was ihr Film zurückgehe. Und damit sollten, so meine ich, viele von uns einsteigen können; denn Ähnliches haben die meisten wohl auch schon erlebt. Doch haben sich solche Erfahrungen bei uns meist weniger stark eingegraben, und wir haben sie vergessen, um im Alltag wieder funktionieren zu können. Anders ist es, wenn eine begnadete Künstlerin wie Lili Horvát diese durchlebt, beschreibt und vor uns als wunderbaren Film auferstehen lässt.

Die 40-jährige Márta Vizy stammt aus Ungarn, hat das Land vor zwanzig Jahren verlassen und lebt in den USA, wo sie als Neurochirurgin arbeitet. Sie ist eine der besten ihres Fachs und hat bisher voll auf ihre Karriere gesetzt. Für die Liebe hatte sie keine Zeit. Doch dies ändert sich schlagartig, als sie an einem Kongress in New Jersey János Drexler, ebenfalls Neurochirurg und Ungar, kennen lernt. Für Márta ist klar: Das ist der Mann meines Lebens! Noch nie hat sie so starke Gefühle für jemanden empfunden. Doch János muss nach dem Kongress wieder zurück nach Ungarn. Sie vereinbaren, sich an einem bestimmten Zeitpunkt auf der Freiheitsbrücke in Budapest zu treffen. Márta beschliesst, ihre glänzende Karriere in den USA an den Nagel zu hängen und fliegt Hals über Kopf in ihr Heimatland. Wie verabredet wartet sie auf der Freiheitsbrücke, doch János erscheint nicht. Irritiert und enttäuscht macht sie sich auf die Suche nach ihm. Als sie ihn findet und anspricht, sagt dieser, sie zuvor noch nie gesehen zu haben. Ist er’s oder ist er’s nicht? Hat sie sich alles nur eingebildet? Oder will er nichts mehr von ihr wissen? Ist sie vor Liebe wahnsinnig geworden?

Damit beginnt eine Reise in die Tiefen des Verliebtseins, intensiv und turbulent, auf dem schmalen Grat zwischen Bewusstsein und Begehren, zwischen Liebe und Wahn. Die rationale, selbstsichere Starchirurgin wird immer mehr von Zweifeln geplagt, ob sie Opfer eines bindungsscheuen Mannes geworden ist oder tatsächlich den Verstand verloren hat.

János Drexler, von Márta gesucht

Wie bekommt ein Film solches in den Griff?

Márta versucht, ihre Erinnerungen zu ordnen, ihr Gefühlschaos zu entwirren. Dafür nimmt sie die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch, der sie mit dem Rorschachtest assoziieren lässt. Analytisch und selbstreflektiert in den Sitzungen, kann sie sich ihres Impulses, János möglichst nahe zu sein, dennoch nicht erwehren. Sie mietet in Budapest eine Wohnung und findet eine Stelle im selben Spital, in dem János arbeitet. Dort wird sie schnell zu einer geschätzten Kollegin und übernimmt die Leitung komplizierter Eingriffe. So begegnet sie ihm wieder am Operationstisch. Die ungestümen Avancen des jungen Sohnes eines Patienten nur halbherzig abwehrend, taucht Márta in den Strudel ihres Begehrens ein: Sie besucht die Vernissage eines wissenschaftlichen und gleichzeitig poetischen Buches von János, entdeckt ein Kindervideo von ihm im Internet, wartet, bis er das Krankenhaus verlässt und folgt ihm im Taxi. Während eines Konzerts ist es jedoch János, der sich neben sie setzt. Es beginnt ein Abtasten und Ausloten von Grenzen, ein Spiel um Nähe und Distanz. Mártas Verstand kreist um Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Márta, die Neurochirurgin

Ein spezieller Ansatz mit einem speziellen Verlauf

Das muss man erstmals hinbekommen: Eine Liebesgeschichte erzählen, die damit beginnt, dass sie gar nicht beginnen kann, weil die ersehnte Person gar nicht zum Treffen erscheint, auf der Pesterseite der alten Freiheitsbrücke über der Donau um fünf Uhr. Nach einer ersten Begegnung mit János ist Mártas Gefühlshaushalt durcheinander. Ist sie ein Fall für die Neurologie? Ist er ein Feigling? Die Regisseurin Lili Horvát lässt das und noch vieles mehr bravourös in der Schwebe. Sie lässt Márta auf dem schmalen Grat zwischen Liebe und Wahn baumeln. Mit Gefühl und Zurückhaltung, mit Hoffen und Verzweifeln taucht sie ein in das Mysterium der Liebe. Ihr Film ist, aus Sicht der Neurologin, «die Operation am offenen Schädel einer Verliebten».

Ein Psychothriller, bei dem der Thrill in den minutiösen Verschiebungen im Alltag liegt. Kein Schock, kein Horror, sondern Irritation. Die kleinen Kicks der Dinge, wie sie sich aus unterschiedlicher Sicht leicht so oder anders zeigen. Eingefangen mit der Kamera von Róbert Maly, der den Film auf Zelluloid drehte, womit sich so in den Bildern ungewohnte sinnliche Strukturen ergeben. Es entsteht eine dichte Atmosphäre, ein Raum schwebender Klänge. Bedingt auch durch die Montage von Károly Szalai und die Musik von Gábor Keresztes, samt den Beigaben von Schuberts «Winterreise», Dvořáks «Humoresken» und Beethovens Bagatelle «Für Elise». Der Regisseurin gelingt es, das Unfassbare des Verliebtseins in Bildern, Klängen, Blicken und Gesten auszudrücken, und erzählt dies mit hervorragenden Schauspieler*innen in allen Rollen, sensationell Natasa Stork als Márta und ebenbürtig Viktor Bodó als János.

In der neuen Wohnung in Budapest

Wort für Wort dem Geheimnis sich nähernd

Schon der Filmtitel «Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time» lässt aufhorchen: In zehn Wörtern erzählt er, heruntergebrochen auf die Fakten, die ganze Geschichte von Márta und János: «Preparations» umschreibt eine intendierte Vorarbeit für eine Handlung; «to Be Together» verweist weder auf Freundschaft noch Liebe, sondern lediglich etwas Gemeinsames; «For an Unknown» sagt, dass die Vorbereitung und das Gemeinsame unbekannt bleiben; «Periode of Time» beschreibt den Zeithorizont als unbekannt. Leise, zurückhaltend, vorsichtig macht die Regisseurin ihre Aussagen für etwas, was die Gesellschaft meist als Sensation herausschreit: die Liebe.

Die in «Preparations» durchdeklinierten Dimensionen der Liebe verweisen in keine transzendenten Mythen, wie bei Buber, Claudel oder Gibran, sondern bleiben innerweltlich, diesseitig. Intensiv und leidenschaftlich jedoch, wenn Márta mit Márta spricht, um mit sich ins Reine zu kommen. Was dabei ihr Gesicht verrät, ist Dramatik pur, erinnert mich an Nietzsches «Trunkenes Lied»: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh, Lust tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!» Neben solchem Ernst verrät der Film auch Humor. Ein Bijoux etwa die Szene mit Márta und János, sie auf der einen, er auf der andern Strassenseite, parallel miteinander gehend, mit dem Höhepunkt, wenn unerwartet ihre Füsse sich rückwärts bewegen.

Von der Unschärfe der Exaktheit und der Exaktheit der Unschärfe

«Wir alle nehmen den Big Bang, das Universum als gewaltiges und aussergewöhnliches Mysterium an, das uns umgibt. Tatsächlich sind wir aber Teil dieses Mysteriums, einfach aus dem Innern des Mikrokosmos unseres eigenen Bewusstseins heraus», meint János Drexler im Film als Wissenschaftler und Wissenschaftkritiker. Oft sind wir Zuschauenden der Meinung, dass Ärzte, Wissenschaftler, zum Beispiel Neurobiologen, den Menschen besser verstehen als Laien. Siehe dazu den Dokumentarfilm «The Brain – Cinq Nouvelles du Cerveau» des Schweizer Dokumentaristen Jean-Stéphane Bron, der demnächst im Kino läuft. Doch «Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time» von Lili Horvát zeigt überzeugend, wie hilflos die exakten Wissenschaften dem Menschen gegenüber oft sind, und wie exakt und heilend Empathie und Liebe sein können. Mit bewusst unscharfen Bildern widerspricht der Film von Lili Horvát, im Sinne der Unschärfetheorie von Heisenberg, dem obsessiven Glauben an die Exaktheit beim Lösen der menschlichen Probleme.

Zwei Schlussbemerkungen

Lili Horvát, Die Produzentin, Drehbuchautorin und Regisseurin meint zu ihrem Film «Preparations»: «Mit unseren Bildern hoffen wir, das beinahe Unfassbare einzufangen: ein Bauchgefühl, die Intuition, das Geheimnis unserer irrationalen Entscheidungen in der Liebe.»

Hanspeter Stalder: Warum sind Filme wie dieser nicht nur schön, sondern auch wichtig und notwendig? Weil sie zeigen, wie schön und grossartig die Welt und die Menschen sind oder wären und dieser Glaube die Welt und die Menschen besser machen kann oder könnte.

Titelbild: Márta Vizy auf der Suche

Gespräch mit Lili Horvát

Regie: Lili Horvát, Produktion: 2020, Länge: 95 min, Verleih: trigon-film

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