FrontGesellschaftHommage an Jean Tinguely und seine Künstlerfreunde

Hommage an Jean Tinguely und seine Künstlerfreunde

«Die Tinguely Clique» heisst ein neuer Bildband des Schauspielers Niklaus Talman, Sohn des mit Tinguely befreundeten Plastikers Paul Talman. Gewürdigt werden in dem Buch das Leben des Schweizer Multitalents und seiner vielen Künstlerfreundinnen und -Freunde. Denn Tinguely war ein Teamarbeiter und begnadeter Netzwerker.

«Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht» – so lautete der Grundgedanke des Malers, Bildhauers und Eisenplastikers Jean Tinguely (1925–1991). In seinem reich bebilderten Buch «Die Tinguely- Clique» (wohl in Anlehnung an den Basler Fasnachtsausdruck «Clique» für «Kreis von Freunden») gewährt Niklaus Talman, geprägt von den persönlichen Begegnungen mit den Künstlerfreunden seines Vaters, einen Einblick in das Leben und Arbeiten von Menschen, welche die Kunstwelt nachhaltig bewegt haben.

Die «Tinguely Clique»: v.l.n.r.: Alfred Hofkunst, Jean Pierre Corpataux, Karl Gerstner, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Bernhard Luginbühl, Paul Talman. Foto: © Gaecher & Clahsen.

Zum harten Kern der «Tinguely Clique» gehörten Künstlerinnen und Künstler wie Niki de Saint Phalle, Eva Aeppli, Lilly Keller, Meret Oppenheim, Paul Talman, Dieter Roth, Bernhard Luginbühl, Alfred Hofkunst, Paul Widmer, der noch lebende Daniel Spoerri und viele andere mehr, alle freundschaftlich und in Liebe verbunden mit Jean Tinguely. Aus ganz persönlicher Sicht beschreibt der Autor seine Erlebnisse mit diesen Kunstschaffenden, deren Werdegang, das Leben ihrer Kinder und die Rolle der Frauen. Besonders illustrativ sind zahlreiche Szenen, Gespräche und Zitate, die der Verfasser aus seiner Jugend rekapituliert und in dem wunderbaren Buch protokolliert hat.

Tinguely wuchs im Basler Gundeldinger-Quartier auf und besuchte zunächst die Schulen in Basel, bevor er sich von 1941 bis 1944 als Dekorateur ausbilden liess und Kurse an der «Allgemeinen Gewerbeschule Basel» belegte. In dieser Zeit lernte er den Tänzer Daniel Spoerri kennen, mit dem er an einem Theaterprojekt arbeitete. 1951 heiratete Tinguely die Künstlerin Eva Aeppli, mit der er im darauffolgenden Jahr nach Paris zog.

Eva Aeppli (rechts) mit Bernhard Luginbühl am Essen. Foto: © Brutus Luginbühl.

Kurz nachdem er in die Impasse Ronsin gezogen war, lernte Tinguely 1956 Yves Klein und Niki de Saint Phalle kennen, die er 1971 in zweiter Ehe heiratete. Mit dem Eisenplastiker Bernhard Luginbühl verband ihn eine langjährige Freundschaft. Mit ihm und weiteren Künstlern sowie mit Niki de Saint Phalle realisierte er diverse gemeinsame Projekte. Zur Verbreitung des Werks von Tinguely trugen wesentlich die Galeristen Iris Clert in Paris und Alexander Iolas in New York bei.

Edith Talman und Niki de Saint Phalle anlässlich einer Vernissage in Burgdorf. Foto: © Gaechter & Clahsen.

Ab 1969 pendelt Tinguely zwischen zwei Wohnorten hin und her. Neben Soisy-sur-École, einer ehemaligen Herberge, wohnte und arbeitete er auch teilweise wieder in Schweiz, in Neyruz in der Nähe von Fribourg. Autor Talman schreibt gar von einem «Bermudadreieck» zwischen Neyruz (Tinguely), Mötschwil (Luginbühl) und Uebersdorf (Talman). Dort traf man sich zum Essen, Trinken, Diskutieren, Arbeiten. Sohn Thalman erinnert sich an Geräusche von Schritten und Eiswürfeln: «Die darauffolgende Stille wurde von einer tiefen, vertrauten Stimme durchbrochen, die signalisierte, dass es sich beim Besuch um Meret Oppenheim handeln musste.»

Wichtig für Tinguelys Erfolg als Künstler war seine Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen. Er war ein regelrechter Netzwerker. Bereits 1954 im Rahmen der Ausstellung in der Galerie Arnaud hatte er eine Freundschaft geknüpft mit dem schwedischen Kunsthistoriker Pontus Hultén. 1954 eröffnete er eine Ausstellung in Mailand, im Jahr darauf in einer Galerie in Stockholm. 1958 intensivierte sich der Kontakt zu Yves Klein, dem Kunstkritiker Pierre Restany und der Pariser Galeristin Iris Clert. Diese zeigte in ihrer Galerie Tinguelys Installation «Mes étoiles – Concert pour sept peintures ».

Bernhard Luginbühl vor einem seiner Werke. Foto: © Brutus Luginbühl

1954 setzte Tinguely seine ersten Figuren drahtiger Kompositionen in Bewegung. Die Blechteile besitzen meist eine bunte Bemalung. In seinen Maschinenplastiken griff er abstrakte Elemente von Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky und Auguste Herbin auf. Aufsehen erregte 1960 eine gigantische Maschine im Garten des Museum of Modern Art, New York, die aus Schrott zusammengesetzt in der Lage war, sich selbst zu zerstören. Mit dem Eisenplastiker «Bärni» Luginbühl verband Tinguely die Liebe zum robusten Material Eisen.

1962 nahm er zusammen mit Niki de Saint Phalle an der Ausstellung «Dylaby» in Amsterdam teil und war dreimal auf der «documenta» in Kassel als Künstler vertreten. In seinem letzten Lebensjahr schuf Tinguely die Hängeskulptur «La Cascade» in Charlotte (North Carolina / USA). In Tinguelys Heimatstadt Basel ist seit 1996 ein Grossteil seiner Werke in dem nach ihm benannten «Museum Tinguely» ausgestellt. 

Alfred Hofkunst mit Haifischkopf anlässlich der Einweihung des «Joe Siffert-Brunnens» in Fribourg. Foto: © Eliane Laubscher

Der schweizerisch-österreichische Doppelbürger Alfred Hofkunst war – wie Tinguely und Luginbühl – ein schwergewichtiger Künstler. Seine mächtige Statur und sein Erscheinen standen im Gegensatz seinen feinen Zeichnungen und Bildern. Mit Tinguely teilte er die Freude am Essen und Trinken. An der Einweihung des «Joe Siffert-Brunnens» in Fribourg tauchte Hofkunst 1984 mit einem Haifischkopf auf.

Fazit: Die porträtierten Freundinnen und Freunde sind ebenso kreativ, querdenkerisch und vielfältig wie JeanTinguely selber. «Kein Kulturschaffender, den ich kenne oder mit dem ich befreundet bin, lässt sich in irgendeiner Form in eine Form zwängen; da steht bei vielen ihre Freiheit an oberster Stelle. Man kann in einem künstlerischen Prozess auch keine Kompromisse eingehen, nicht einmal mit sich selbst», bilanziert Autor Niklaus Talman die vielen Begegnungen aus seiner Jugend.

Der Autor ist selber Künstler

Der Verfasser des Buchs machte seine ersten Schritte auf der Bühne des Basler Stadttheaters und absolvierte 1987–1991 die Schauspielschule in Bern. Er spielte an verschiedenen Stadttheatern und steht seither immer wieder vor der Kamera. Zu seinen wichtigsten Begegnungen zählt die Zusammenarbeit mit dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski. Heute ist er freischaffender Schauspieler und leitet das international anerkannte «Talman Ensemble». Niklaus Talman lebt mit seiner Familie in Ueberstorf (FR).

Titelbild: Jean Tinguely vor einer seiner Maschinen. Der Künstler starb 1991 im Berner Inselspital 66jährig. Foto Wikipedia / DPA

Die übrigen Fotos sind dem beschriebenen Buch entnommen.

«Die Tinguely Clique», Niklaus Talman, Weber Verlag Gwatt, 200 Seiten, Hardcover, mit 130 Abbildungen. ISBN 978-3-03818-345-7

Das Tinguely-Museum in Basel: https://www.tinguely.ch/de.html

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