FrontKulturMonteverdis «Ulysse» erfrischend modern

Monteverdis «Ulysse» erfrischend modern

Typisch Basel! Die Premiere von Claudio Monteverdis Oper «Il ritorno d‘Ulysse in patria» in der Inszenierung von Krystian Lada fand am Sonntag nicht auf der Grossen Bühne des Theaters statt, sondern im nahegelegenen Schauspielhaus. Die kleine Besetzung des Orchesters erlaubt das, und Ladas modernes theatralisches Konzept ging auf – das Publikum liess sich begeistern.

Mit der «Schola Cantorum Basiliensis» verfügt die Stadt Basel über eine international renommierte Ausbildungs- und Forschungsstätte für die authentische Aufführung Alter Musik. Aus dieser Schmiede stammen denn auch die Instrumentalisten dieser Monteverdi-Produktion «I Musici de la Cetra» und ihr musikalischer Leiter Johannes Keller.

Freie Wahl der Instrumente

Das Problem, das sich Keller stellte: Monteverdi hat in seiner «Ulysse»-Partitur nirgends aufgeschrieben, welche Instrumente im Begleitorchester spielen sollen; der Komponist hat nicht viel mehr als die Melodien für die Sängerinnen und Sänger notiert. Damals – die Oper wurde 1640 in Venedig uraufgeführt – wurden einfach diejenigen Musiker und Instrumente bei einer Aufführung eingesetzt, die am Hof vorhanden waren.

Die Lösung für die Basler Produktion ist bestechend: Die fünf historischen Continuo-Instrumente (Cembalo, Lirone, Theorbe, Harfe, Portativ), die die Singenden begleiten, sind vor der Bühne postiert, vom Cembalo aus leitet Keller die Aufführung. Weitere sieben Musiker, die auch historische Blasinstrumente wie Zinken spielen, sind auf der Bühne hoch oben auf einem überdimensionierten Regal postiert. Von dort aus spielen sie die farbenprächtigen instrumentalen Zwischenspiele.

Eine eigene Ebene für die Moderne

Dazu kommt eine dritte musikalische Ebene: moderne elektronische Klänge von Nicolas Buzzi, die über Lautsprecher zugespielt werden. Diese überbrücken die Zeit bei kleinen Umbauten auf der Bühne, und sie begleiten die Statements der Ausländer, die Regisseur Krystian Lada über Lautsprecher als aktuelle Ebene einstreut.

Heikel, heikel, denken da Monteverdi-Fans gleich, denn Monteverdis Musik ist eher leise, und der Gesang wunderschön. Nicolas Buzzi ging jedoch sehr subtil ans Werk, seine elektronischen Klänge stören Monteverdis Musik in keiner Weise, sie bilden eine eigene, interessant irisierende Ebene. Nur einmal – als Odysseus Sohn Telemachus von der Sehnsucht nach seinem Vater singt (Jamez McCorkle tut das mit grosser Strahlkraft in der Stimme) – verweben sich Monteverdis Musik und die Elektronik kunstvoll ineinander.

Mutig: die Partie des Odysseus gestrichen

Regisseur Krystian Lada ist bekannt für seine unorthodoxen Regiearbeiten. Er arbeitet dafür gerne mit heutigen Komponisten zusammen. Er hat sich die Freiheit genommen, den Part des auf den Weltmeeren umherirrenden Odysseus ganz aus der Partitur zu streichen. Aus den Dialogen mit Odysseus werden so Monologe. Dafür führt er eine Gruppe von echten Migranten aus Basel ein, die auch auf der Bühne erscheinen. Wie Odysseus sind sie auf der Suche nach Heimat, und auch sie haben oft lange Irrwege hinter sich.

Katharina Bradic singt ihre erste Arie als Penelope.

Penelope, Odysseus Gattin, wartet nun schon seit 20 Jahren auf ihren Gatten und weist dennoch alle Freier ab. Kein Wunder, erkennt sie Odysseus nur zögerlich, als er ihr gegenüber tritt. Für diesen Moment des Erkennens lässt Lada die Migranten von der Bühne in den Zuschauerraum gehen, sie setzen sich ins Publikum. Über Lautsprecher erzählen sie, wer sie sind, danach steht jeder einzelne auf. Penelope erkennt alle, sie freut sich, sie endlich wieder zu sehen – sie stehen ja stellvertretend für Odysseus – ein ergreifender, hoch aktueller Schluss.

Eine nüchterne Lagerhalle mit Containern

Das Bühnenbild von Didzis Jaunzems ist modern und karg zugleich: eine Lagerhalle. Die Rückwand besteht aus einem Regal, in dem Kisten und Holzcontainer gestapelt sind, auch Requisiten wie ein fahrendes Pferd (als Symbol des Trojanischen Kriegs) oder mit Wasser gefüllte  und sichtlich undichte Pneu-Boote. Schwarz gekleidete Stapelfahrer holen die Requisiten und Container in den Vordergrund, die Götterfiguren leiten sie dabei an und öffnen dann die Behältnisse.

Im ersten Container erscheint hell strahlend Penelope und singt von ihrem Schicksal. Die Star-Sängerin des Abends, Katarina Bradić, sang schon diese erste Arie sehr ergreifend. Als Penelope trägt sie ein weites, schlichtes Jutekleid, die beengende Kiste versinnbildlicht ihre seelische Verfassung. Der Wechsel von der freudigen Braut zur zurückgelassenen Ehefrau gelingt Bradić authentisch, ihr weich timbrierter, dunkler Mezzo geht unter die Haut.

Die Götter verwandeln sich in die Freier

Penelope wird von den Freiern bedrängt. Einer nach dem anderen steigt zu ihr in den Container. Schliesslich sind alle drei drin, begrabschen und besingen sie. Diese drei Freier waren zuvor die drei Götter Juno, Jupiter und Neptun – Regisseur Lada verwandelt sie kurzerhand in Menschen. Es ist ein stimmlich charakterstarkes Trio. Alex Rosen besticht mit seinem erdigen Bass bis in die tiefsten Tiefen, wogegen sich Théo Imart mit seinem silbrig hellen Countertenor weich und anschmiegsam gibt. Dazwischen weiss sich Tenor Rolf Romei komödiantisch prägnant zu behaupten.

Die Basler Migranten in Aktion.

Unterscheiden kann man die Götter von den Freiern durch ihre Kleidung: Als Götter tragen sie wenig mehr als einen weissen Lendenschurz, als Freier treten sie in hellen Anzügen auf (Kostüme: Bente Rolandsdotter). Monteverdi unterscheidet die beiden Ebenen auch sängerisch. Den Göttern verschreibt er virtuose Koloraturen, einen kunstvollen Gesang also, der am Premierenabend allen leicht und spielerisch gelang. Die Menschen hingegen singen eher so, wie sie auch sprechen, dies rückt Monteverdis frühe Oper in die Nähe des Sprechtheaters.

Auch dieser musikhistorische Umstand wird in der Inszenierung bedacht, das Schauspiel bekommt durch die lebendige Personenführung und die gesprochenen Statements der Migranten eine ihm adäquate Bedeutung. Die Sängerinnen und Sänger fühlen sich dabei spürbar wohl, sie entfalten sich stimmlich nuanciert und spielerisch frei. Diese überzeugende Ensembleleistung ist auch das Verdienst des rhythmisch agil und lebendig gestalteten Continuos.

Theater Basel, Schauspielhaus: 12./14./16.11.2021, 5./16./19./24./25./27.2.2022

Fotos: Judith Schlosser/Theater Basel

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