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Sankt Martin

Am 11. November wird der Tag des Heiligen Martin gefeiert. Im Buch «Das Jahr der Heiligen» von Erna Melchers wird von ihm geschrieben: «Der beliebteste Heilige in Europa, Beschützer aller Bedrängten und Schrecken aller Gewalttätigen wird seit dem 5. Jahrhundert verehrt.» Der Umschlag dieses Buches wird verziert durch eine Vignette, in der ein Rittersmann auf seinem Pferd seinen wehenden Mantel entzwei schneidet für den armen Bettler, der hilfeheischend seine Hände emporhebt.

Zu meiner Verwunderung lese ich, dass Martin dargestellt wird als römischer Krieger auf weissem Pferd, weil sein Fest zu Wintersbeginn liegt. Im Unterschied zu ihm wird der heilige Georg auf einem braunen Pferd dargestellt, weil er mit seinem Gedenktag am 23. April die Saatzeit einleitet.

Ich hatte einmal gelesen, dass auf diesen alten Darstellungen die Farben und alles, was sich auf den Bildern befindet, Menschen, Tiere, Pflanzen, auch einen symbolischen Charakter haben können. Dass das auch die Farbe der Pferde betreffen kann, war mir eine neue Erkenntnis.

Es geht mir aber heute nicht hauptsächlich um den Heiligen Martin. Es geht mir um das Buch mit dem Titel: «Die «Weisse Arche», versehen mit dem Zusatz: «Jetzt leuchtet sie wieder, die restaurierte Klosterkirche St. Martin zu Disentis». Dieses Buch kann ich nur als «überwältigend» bezeichnen. Herausgegeben wurde es 2020 vom Benediktinerkloster Disentis anlässlich der Vollendung der Restauration der Klosterkirche St. Martin zu Disentis, welche von 2016 bis 2020 gedauert hat.

Im Inhaltsverzeichnis finden sich die leitenden Kapitel: «Barock», Geschichte», «Denkmal», «Restaurierung», «Rundgang». Das Buch besticht durch die Fülle von Informationen und Bilder sowie durch die Präzision, mit der einzelne Arbeitsvorgänge der Restauration beschrieben werden. Als Leserinnen und Leser werden wir in die Vorbereitungen einbezogen, erleben Schritt für Schritt die Ausführung mit. Wir erfahren auch, was für Entscheidungen im Verlaufe des Projektes gefällt werden mussten. Wir sind bei allem dabei.

Ich will die Genauigkeit der Darstellungen an einem Beispiel illustrieren. Natürlich reisse ich es aus dem Zusammenhang. Aber die Beschreibung ist äusserst prägnant (S. 63): «Während bei Meyer (Zürcher Kupferstecher) die Bösewichte irgendwelche Fantasiehüte auf dem Kopf tragen, haben sie bei Graesner (Konstanzer Maler, hat ein Altarbild geschaffen) einen Turban. Seit der ersten Türkenbelagerung Wiens von 1529 wurde der Türke zum Inbegriff des Antichristen. Den Turban findet man deshalb in der Disentiser Klosterkirche mehrfach in Gemälden und Stuckaturen».

Ein Hut vermittelt uns also Kunstgeschichte und politische Geschichte, wenn wir die Bilder zu lesen verstehen. Und dazu leitet uns das vorliegende Buch auf jeder Seite an!

Und noch auf ein anderes, für eine Restauration nicht unwichtiges Gebiet, will ich zu sprechen zu kommen. Wir werden auch mit der nicht einfachen Geschichte der Finanzierung der Restauration vertraut gemacht. So heisst es (S. 93): «Unterstützungsbeiträge für die damals ermittelte Bausumme von über CHF 12 Mio. wurden nun angefragt. Unglückliche Umstände wollten aber, dass genau ab 2008 ein zwischenzeitliches Moratorium für Bundessubventionen im Denkmalpflegebereich verhängt wurde. Ohne die Zusage von Bundesmitteln war es ausserordentlich schwierig, andere grosse Geldgeber zu überzeugen. Der Fortgang der Kirchenrestaurierung war fürs Erste blockiert.»

Detail aus dem restaurierten Altarraum. (wikimedia)

Alle, die an diesem eindrücklichen Vorhaben beteiligt waren, konnten schliesslich aufatmen. Abt Vigeli Monn spricht am Ende des Buches über die Freude der Mönchsgemeinschaft, dass die Klosterkirche wieder in neuem «altem Glanz» erstrahlt (S. 243) Und schliesst alle, die an diesem grandiosen Werk beteiligt waren, in seinen wärmsten Dank ein!

Das Buch Die «weisse Arche» vermittelt uns Informationen in Wort und Bild, auf die wir uns bei langsamem Lesen und Beschauen einlassen können. Zu meinem Erstaunen waren es noch andere Gefühle, die in mir immer wieder erwachten, wenn ich es zur Hand nahm. Gefühle von Respekt und Ehrfurcht vor allen beteiligten Menschen, die über die Jahrhunderte hinweg dieses Kunstwerk, dieses Denkmal, geschaffen, bewahrt und jetzt wieder erneuert haben. Allen gebührt ein ganz grosser Dank! Wir fühlen uns reich beschenkt!

«Die weisse Arche», herausgegeben 2020 vom Benediktinerkloster Disentis. ISBN 978- 3 -7298-1204-8 (deutsch).

Erna Melchers: «Das Jahr der Heiligen» 1965 Südwest Verlag München

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