FrontGesellschaftFinanzielle Spielräume im Alter

Finanzielle Spielräume im Alter

Welche Formen von finanziellen Ungleichheiten gibt es im Alter, was sind deren Ursachen und Folgen? Mit diesen Fragen befassen sich Nora Meuli und Carlo Knöpfel in ihrem soeben erschienenen Buch «Ungleichheit im Alter» in der Schweiz. Nach der Präsentation des Buches beantwortet Carlo Knöpfel drei Fragen.

Es ist nicht erstaunlich, dass die Unterschiede der Einkommen im Alter ähnlich wie im Erwerbsalter sind. Allerdings besitzen die älteren Menschen in der Schweiz durchschnittlich wesentlich mehr Vermögen als die jüngeren. Aber diejenigen Älteren mit viel Einkommen haben in der Regel auch viel Vermögen, wer wenig Einkommen und kaum Vermögen hat, ist auf finanzielle und andere Formen der Unterstützung dringend angewiesen. Wird ihnen diese Unterstützung in der Schweiz gewährleistet?

Armut und deren Folgen

Wer kaum über finanzielle Ressourcen verfügt, kann oft schlecht auf seine Gesundheit achten und verliert soziale Kontakte, so dass ein prekärer finanzieller Spielraum oft eine Hauptursache ist für ein unwürdiges Altern. Die Armut greift zudem das Selbstwertgefühl an, so dass Ärmere die ihnen rechtlich zustehenden Unterstützungsleistungen oft gar nicht einzufordern wagen oder an administrativen Hürden scheitern.

Die drei Teile des Buchs

Im ersten Teil wird die Einkommens- und Vermögensverteilung im Alter dargestellt, die materielle Armut, die Ausgaben und das frei verfügbare Einkommen. Ergebnis: «Die frei verfügbaren Einkommen der Rentnerhaushalte sind noch ungleicher verteilt als die Einkommen.» (S.200)

Im zweiten Teil werden die Kosten für professionelle Unterstützung im Alter untersucht. Wie viel Unterstützung man braucht, hängt von der physischen und psychischen Situation und vom sozialen Umfeld ab, welches bei Bedarf unbezahlte Care-Arbeit leisten kann. Interessant ist das Ergebnis der Untersuchung: Wer arm ist, kann sich durch Ergänzungsleistungen und regionale Beihilfen Spitex und Pflegeheimaufenthalte finanzieren lassen. Ebenso können begüterte Personen sich auch teure professionelle Unterstützung leisten, ohne auf finanzielle Reserven zurückgreifen zu müssen. Problematisch kann es für den Mittelstand werden, da er den grössten Teil der Kosten selbst trägt. Je nach den am Wohnort geltenden Tarifsystemen in Spitex und Pflegeheimen sind die Unterschiede beträchtlich.

Im dritten Teil wird die Alterspolitik in der Schweiz thematisiert: Die Verteilungswirkungen der Altersvorsorge, die Rolle von Ergänzungsleistungen und Hilflosenentschädigung, die finanzielle Situation von agilen Rentnerinnen und Rentnern und der Vermögensverzehr, wenn man mehrere Jahre im Pflegeheim verbringt. Dabei kommen Meuli und Knöpfel zu bedenkenswerten Aussagen:

  • Die Altersvorsorge belohne jene mit einem klassischen Familienmodell, während jene, die Erwerbsunterbrüche hatten, Care- Arbeit und damit einhergehende Teilzeitarbeit leisteten, Nachteile in Kauf nehmen müssten.
  • Das heutige System der Ergänzungsleistungen führe dazu, dass sich das Sparen für die Mittelschicht nicht lohne: denn «Rentner*innen der Mittelschicht haben -unabhängig vom Betreuungs- und Pflegebedarf – weniger Einkommen zur freien Verfügung als jene, die Ergänzungsleistungen beziehen. Das hängt damit zusammen, dass sie keinen Anspruch auf EL haben, gleichzeitig aber Steuern bezahlen müssen.» (S. 202)

Unterstützung im Alter – eine Familiensache?

Zum Schluss stellen Meuli und Knöpfel fest, dass man in der Schweiz bei der Unterstützung fragiler älterer Personen stark auf die Eigenverantwortung setzt. Entweder kaufe man Pflege und Betreuung  bei Professionellen ein oder An- und Zugehörige leisten erhebliche unbezahlte Care- Arbeit, nämlich gemäss dem Bundesamt für Statistik (2017) rund 40 Mio Stunden pro Jahr, was einen Arbeitswert von 1,8 Milliarden ergibt bei einem angenommenen Stundenlohn von Fr. 45.- Da diese Care-Arbeit vor allem von Frauen ausgeübt wird, die noch im Erwerbsalter sind und die deswegen oft ihre Arbeitszeit reduzieren, erhalten sie, wenn sie pensioniert sind, weniger Geld für die Altersvorsorge, d.h. «Die Care-Arbeit der Frauen ist also mit ein Grund für die tieferen Altersrenten von Frauen.» (S. 208). Zudem wird die Betreuung von fragilen älteren Menschen von Angehörigen zwar oft als erfüllend und sinnvoll erachtet, die psychischen und physischen Belastungen können aber erheblich sein, so dass der Bund Entlastungsangebote für betreuende Angehörige empfiehlt.

Besondere Qualitäten des Buches:  Dank der eindrücklichen Verarbeitung von viel Zahlenmaterial unter Berücksichtigung der schweizerischen föderalistischen Struktur ist das Buch sicher für Fachleute aus Wissenschaft und Politik ein Gewinn, aber die gut verständliche Sprache, die eingeschobenen Erläuterungen zu wichtigen Begriffen und das Glossar machen das Buch auf für interessierte Laien zu einem wertvolles Werkzeug, um sich in der Finanzierung der Unterstützungsleistungen im Alter einen Überblick zu verschaffen.

Drei Fragen an Prof. Knöpfel:

Seniorweb: Welchen Rat geben Sie aufgrund Ihrer Recherchen der Politik zur Revision der AHV?

Carlo Knöpfel: Die Konzentration auf die Finanzierung der AHV verkennt, dass die Renten für manche Frauen noch immer zu tief ausfallen. Hier braucht es auch Leistungsverbesserungen, etwa eine höhere Minimalrente ohne Berücksichtigung der Ergänzungsleistungen. Eine solche Verbesserung könnte die Revision mehrheitsfähig machen.

Was können die Gesellschaft und die Politik tun, dass fragile ältere Menschen mit geringem finanziellem Spielraum und einem nicht tragfähigen sozialen Netzwerk in Würde altern können?

Für diese Menschen braucht es ein Anrecht auf Betreuung. Während Hilfen und Pflegeleistungen gesetzlich geregelt sind, kennt die Schweiz bis heute keinen Anspruch auf Betreuungsleistungen, wenn diese nicht mit einer Pflegebedürftigkeit verknüpft sind. So droht unter dem Motto «ambulant vor stationär» Verwahrlosung und Vereinsamung.

Gute materielle Lebensbedingungen machen allein noch keinen älteren Menschen glücklich. Dazu braucht es gute soziale Beziehungen, eine hohe Resilienz bei zunehmenden physischen Beeinträchtigungen, sinnstiftende Orientierungen, erfüllende Alltagsrituale und eine altersfreundliche Umgebung. Wäre es nicht wichtig, dass eine gute Alterspolitik und der alternde Mensch selbst all diese Dimensionen für ein Altern in Würde miteinander kombinieren?

Richtig: So sieht ein gutes Leben im Alter aus. Vieles hängt damit von dem ab, was wir als gute Betreuung bezeichnen und in unserem «Wegweiser» (siehe www.gutaltern.ch) beschrieben haben.

Angaben zum Buch: Nora Meuli/Carlo Knöpfel: Ungleichheit im Alter. Eine Analyse der finanziellen Spielräume älterer Menschen in der Schweiz. Zürich und Genf 2021. Seismo  Verlag. 220 S., Fr. 38.- ISBN 978-3-03777-250-8

Titelfoto: Carlo Knöpfel beim Signieren des Buches in der Cafeteria der ZHAW Winterthur am 3.11.2021. Foto: Beat Steiger

Foto im Text: Umschlag des Buches «Ungleichheit im Alter». Florine Baeriswyl, Bern


Carlo Knöpfel: Sozialwissenschaftler. Nach langjähriger Tätigkeit bei der Caritas ist er seit 2012 Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Forschungsschwerpunkte: Armut, Arbeitslosigkeit, Alter

Vorheriger ArtikelDie Magie des Lichts
Nächster ArtikelEin Thriller mit Tiefgang

1 Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel