FrontGesundheitZu Besuch im SimDeC St. Gallen

Zu Besuch im SimDeC St. Gallen

SimDeC ist die Abkürzung von Simulation im Bereich Dementia Care und bezeichnet eine Wohnung, in welcher eine Vielzahl von technischen Geräten vorhanden sind, wodurch der Alltag von Menschen mit Demenz erleichtert werden kann.

Begrüsst werde ich von Heidi Zeller und Josef Huber. Heidi Zeller leitet als Professorin am Institut für Angewandte Pflegewissenschaft das Kompetenzzentrum Demenz. Josef Huber ist Dozent am Departement Gesundheit und als Spezialist im Bereich Pflege und Technik leitet er das SimDeC. Die beiden führen mich durch die Wohnung, die für den Besucher als ganz normale Mietwohnung erscheint, aber unzählige technische Details eingebaut hat, welche beeinträchtige Personen in ihrem Alltag nutzen können. So gibt es Roboter, Beleuchtungssysteme, Geräte für Sturzprävention und Sturzerkennung, technische Erleichterungen beim Kochen, Essen, Duschen, Kleiderwechsel, beim Aufstehen, in der Mobilität in und ausserhalb der Wohnung usw.

Zunächst stellt Josef Huber das SimDeC vor, danach gibt Heidi Zeller einen Ausblick auf spezielle Aktivitäten des Kompetenzzentrums Demenz in diesem Jahr.

Warum ist die Wohnung speziell für die technische Unterstützung von Personen mit Demenz eingerichtet worden?

Josef Huber: Es ist schon so, dass SimDeC nicht nur für Menschen mit Demenz, sondern auch für Personen mit anderen Formen einer Beeinträchtigung technische Lösungen sucht. Unser Ziel ist, für Personen in unterschiedlichen Situationen ein selbstständiges Leben zu Hause zu erhalten oder es wieder herzustellen. Wir unterstützen dabei Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen, aber auch Personen mit anderen chronischen Erkrankungen. Wir nutzen das ganze Spektrum digitaler, aber auch analoger Lösungen. Vom einfachen Hilfsmittel bis hin zu komplexer Technik schauen wir immer, was lebensdienlich ist. Denn: Man muss sich schon auch immer fragen: Was nützt die beste Technik, wenn ich z.B. die Batterien nicht wechseln kann, weil ich das kleine Schräubchen nicht lösen kann, welches das Batteriefach verriegelt?

Wer benutzt eigentlich die Wohnung SimDeC?

Josef Huber: Wir haben die Wohnung im April 2021 eröffnet und sind eigentlich immer noch dabei, «die Kisten zu verräumen» und so richtig anzukommen. Die Wohnung ist für alle da, insbesondere für Pflegende und Betroffene und deren Angehörige, aber auch für Institutionen im Gesundheitswesen.

Josef Huber, Verantwortlich für das SimDeC vor einem Bild mit wechselnden Landschaften und einem grossen japanischen Fächer, der das Auffächern verfügbarer Lösungen in der Komplexität des Alltags symbolisieren soll.

Mit welchen Institutionen arbeiten Sie zusammen?

Josef Huber: Mit Kontakten zu Institutionen wie der Alzheimer Vereinigung, Pro Senectute, Spitex, Memory Klinik, Akteuren aus Pflegeheimen und Kontaktpersonen aus den Städten St. Gallen und Frauenfeld hat alles angefangen. Mit ihnen haben wir diskutiert, in welche Richtung sich SimDeC sinnvollerweise entwickeln sollte und wir sind weiterhin mit ihnen im Austausch und sind daran interessiert, mit weiteren Institutionen zusammenzuarbeiten.

Können Sie zur Ausbildung der Pflegenden noch Konkreteres sagen?

Josef Huber: Studierende im Masterstudiengang können sich im Modul «Digital Nursing» vertieft mit dem Verhältnis von Pflege und Technik auseinandersetzen und konkrete Bedürfnisse auf technologische Lösungen hin untersuchen. Zudem betrachten wir gemeinsam etwa Themen wie Sturzerkennung und Robotik und fragen uns: Was gibt es fachlich und ethisch zu bedenken? Wo sind die Chancen – und wo die Grenzen dieser Technik? Wegleitend ist für uns dabei, uns darauf zu konzentrieren, welches Wissen und Erfahrungen die Studierenden in Bezug auf die Technik benötigen und die Technik-Beratungskompetenz der Pflegenden zu stärken.

Auf der Bachelorstufe kommen Studierende aus verschiedenen Studienrichtungen vorbei, etwa aus Wirtschaft, soziale Arbeit, Pflege, Ingenieurwesen, die einen Tag hier verbringen und sich fachübergreifende Kompetenzen aneignen.

Dann haben wir neue Formate, DigiLabs genannt, in denen konkret eine Lösung konstruiert wird, beispielsweise wie kann technisch dafür gesorgt werden, dass bei einem Sommergewitter die Fenster geschlossen sind.  Das tönt trivial, ist aber gar nicht so einfach, weil wir ja gleichzeitig auch sicherstellen wollen, dass die Fenster offen sind, damit die Wohnung kühlen kann. Und schliesslich bieten wir auch Module an im CAS «Lebenswertorientierte Demenzpflege».

Wie können Sie Betroffene und Angehörige ansprechen?

Josef Huber: Wir sind dabei, ein Netzwerk gemeinsam mit Kümmerern vor Ort aufzubauen, damit nicht nur wir angesprochen werden können – sondern damit auch wir aktiv auf die Menschen zugehen können, weil ja gerade die, die nicht wissen, dass es ganz einfache Hilfsmittelchen gibt, am meisten von unserer Arbeit profitieren. Am besten ist es, wenn man über unser Kontaktformular auf der Website Kontakt zu uns aufnimmt.

Wie begegnen Sie einer allfälligen Technikfeindlichkeit von Betroffenen und Angehörigen?

Heidi Zeller: Wir sind uns einig, dass Technik und Roboter die menschliche Begleitung, Betreuung und Pflege nie ersetzen, sondern immer nur unterstützen können. Wenn Pflegende, Betroffene und Angehörige erfahren, dass sie in ihren Alltagstätigkeiten technisch unterstützt werden können, verflüchtigt sich eine allfällige Skepsis gegenüber Technik schnell.

Wichtig ist, dass wir insbesondere zusammen mit beeinträchtigten Personen und deren Angehörigen herausfinden, welche technischen Lösungen mehr Selbständigkeit und bessere Funktionsfähigkeit erlauben. Dabei sollen sie technische Entwicklungen kritisch und konstruktiv kennenlernen, evaluieren und passende Lösungen finden.  Wobei zu sagen ist, dass die technischen Lösungen auch bald wieder mal veraltet oder unpassend sein können, weil eine dementielle Krankheit ein Prozess ist, in welchem mal dieser, mal ein anderer technischer Support angezeigt ist.

Prof. Dr. Heidi Zeller, Leiterin des Kompetenzzentrums Demenz, Fachhochschule OST

Können Sie kurz noch Schwerpunkte des Kompetenzentrums Demenz in diesem Jahr vorstellen?

Heidi Zeller: Zunächst zu unserem Alltagsgeschäft: Mit unseren Forschungs- und Dienstleistungsprojekten unterstützen wir Angehörige und Professionelle bei ihren Herausforderungen in der Pflege und Betreuung von Personen mit Demenz im stationären, ambulanten und häuslichen Bereich. Unsere Projekte sollen eine direkte Relevanz für Personen mit Demenz aufweisen und folglich ist es uns auch wichtig, ihre Perspektive einzubeziehen.

In diesem Jahr organisieren wir drei Anlässe für Interessierte auch ausserhalb der Ostschweizer Fachhochschule (OST):

Am 10. Mai werden wir uns unter dem Thema «Künstliche Intelligenz in Pflege und Gesundheit» mit Formen der Künstlichen Intelligenz in der Gesundheitsprävention und Pflege befassen. Dabei werden wir auch einen Workshop im SimDeC anbieten und ethische Aspekte des Zusammenspiels von Mensch und Maschine diskutieren.

Am 16. November laden wir ein zum St. Galler Demenzkongress, der letztes Jahr leider coronabedingt ausfallen musste. Das diesjährige Motto lautet »Aktiviert & Trainiert» und wir erwarten wie in den letzten Jahren um die 1000 Fachpersonen aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Ausland. Nähere Angaben dazu findet man ab Frühling 2022 unter https://www.ost.ch/de/forschung-und-dienstleistungen/gesundheit/ipw-institut-fuer-angewandte-pflegewissenschaft/kompetenzzentrum-demenz-kde


Prof. Dr. Heidi Zeller ist Leiterin des Kompetenzzentrums Demenz am IPW (Institut für Angewandte Pflegewissenschaft) der Ostschweizer Fachhochschule (OST)

Josef M. Huber ist Dozent am Departement Gesundheit in den Kompetenzfeldern Pflege & Technik und Citizen Science. In dieser Funktion leitet er auch das SimDeC.

Titelbild: Ein Wohnzimmer im SimDeC, vordergründig unauffällig, aber ausgestattet mit unzähligen technischen Lösungen für Personen mit Demenz und anderen Beeinträchtigungen, siehe unter https://simdec.ch

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