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Mobile Freiluftstudios in Afrika

Die Ausstellung «The Future ist Blinking» zeigt anhand von hundert Originalabzügen im Zürcher Museum Rietberg frühe Studioaufnahmen von Berufsfotografen aus West- und Zentralafrika vom 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert.

Zwanzig Jahre nachdem die Fotografie 1839 in Paris vorgestellt wurde, entstand in Westafrika eine blühende Fotokultur. Befreite Sklavinnen und Sklaven, die aus den USA, England und der Karibik nach Sierra Leone und Liberia zurückgekehrt waren, reisten als Wanderfotografen mit mobilen Freiluftstudios auf dem Dampfschiff der Küste entlang von Dakar bis nach Luanda. Sie und ihre Nachkommen verstanden sich als Künstler und beherrschten die neuesten Techniken ihrer Zeit.

Wenn der Wanderfotograf ins Dorf kommt und sein Freiluftstudio aufbaut, ist das allemal eine Sensation, Kasaï, Belgisch Kongo (DR Kongo). Bild: rv

Porträt des Fotografen Francis W. Joaque (ca. 1845-1895) mit Stereokamera, um 1865 (Reproduktion 2022), Biblioteca Nacional de España, Madrid. Bild: rv

Die meisten erhaltenen Fotografien sind auf Postkarten gedruckt oder in Alben geklebt und befinden sich in Archiven im Globalen Norden. Wegen der englischen Namen auf der Fotorückseite vermutete man lange Zeit, sie wären von europäischen Fotografen hergestellt worden. Erst die Recherchen der letzten zwanzig Jahre ergaben, dass die meisten dieser Fotografen in Sierra Leone oder Gambia in Missionsschulen ausgebildet wurden und in der Kolonialgesellschaft eine privilegierte Position genossen.

Diese Berufsfotografen waren international gut vernetzt und hatten Zugang zum Erwerb von Fotoausrüstung und -material. Einige waren auch Mitglieder der British Royal Photographic Society und gehörten internationalen Netzwerken wie den Freimaurern oder den Odd Fellows an. Ihre Dienste wurden sowohl von den Kolonialregierungen als auch von der lokalen Elite in Anspruch genommen. Dank ihrer Herkunft und Ausbildung wurden sie den unterschiedlichen ästhetischen Ansprüchen ihrer Kundschaft gerecht.

Unbekannt, Studioaufnahme einer Händler-Familie mit wertvollem Besitz wie einer gerahmten Fotografie im Zentrum. Jacqueville, Elfenbeinküste, um 1902.

Während sich die Kolonialherren auf Fotografien als Gutmenschen, die den Afrikanern Moral und Religion bringen, präsentieren, zeugen die frühesten afrikanischen Aufnahmen von einer selbstbestimmten Fotokultur. Das Freiluftstudio wird zum Ort der Selbstbestimmung und Selbstdarstellung und ermöglicht neue inszenierte Wirklichkeiten mit Wunschbildern für die Gegenwart sowie für die Nachwelt. Insbesondere Frauen stehen dem neuen Medium aufgeschlossen gegenüber. Sie lassen sich in prächtigen Textilien ablichten, um ihre Position in der Gesellschaft zu demonstrieren. In der afrikanischen Studiofotografie markieren Frauen eine starke Präsenz, während sie in den Archiven westlicher Geschichtsschreibung unsichtbar bleiben.

Unbekannt, Chief mit Würdestab, Kreuz und Korallenschmuck vor Fotokulisse, Königtum Benin, Nigeria, um 1900.

Zusammen mit ihrer Kundschaft schaffen die Fotografen einzigartige Porträtaufnahmen. In ihren Freiluftstudios steht eine Bühne mitsamt Ausstattung zur Verfügung. Dazu gehören neben Hintergründen mit Fotokulissen auch Dekors und Accessoires. Die Porträtierten wählen die passenden Elemente aus und fügen Dinge aus ihrem persönlichen Besitz hinzu.

Je nach Anlass für den Studiobesuch werden importierte moderne Accessoires wie Tropenhelme, Schirme oder Plastikblumen arrangiert, aber auch traditionelle Stoffe, Schmuckstücke oder Insignien politischer Macht. Mit der Wahl der Textilien zeigen die Porträtierten ihren sozialen Status, ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten regionalen Gruppe oder ihre Beziehung untereinander.

In der Ausstellung wird auch erstmals das Verhältnis zwischen Fotografie und Bildhauerkunst thematisiert. Neben Studioaufnahmen stehen regionale Figuren aus der Museumssammlung, denn die Fotografie knüpft in der Ästhetik an die traditionelle afrikanische Bildhauerei an, im Globalen Norden hingegen an die Malerei. So spielt die symmetrische Darstellungsform von Objekten und Menschen eine grosse Rolle.

Links: Jacob Vitta (gest. 1914) Zwillinge nach ihrer Initiation (Ayer-Porträt), Ghana, um 1907, Lichtdruck handkoloriert. Rechts: Sitzendes Paar, Holzskulptur im Vili- oder Yombe-Stil, Kongo (DR Kongo), 2. Hälfte 19. / frühes 20. Jahrhundert, Museum Rietberg Zürich. Bild: rv.

In der afrikanischen Holzplastik existieren zahlreiche Doppelporträts, Skulpturen von Paaren, Mann und Frau oder Zwillingen. Typisch ist die frontale Darstellung der ganzen Person, auch in der Fotografie, ebenso der ernste Gesichtsausdruck ohne jedes Lächeln. Da die Belichtungszeit ein längeres Stillhalten erfordert, sitzen die Personen meistens auf Stühlen der Studioausstattung. Doch der Sessel ist althergebracht dem König oder Chief vorbehalten, wie der Thron. Die breitbeinige Sitzposition schafft zusätzliches Körpervolumen und lässt die Muster der Textilien entfalten, Füsse und Hände sind sichtbar. Die Ganzheit einer Person und ihre soziale Stellung wird bewusst inszeniert.

Jonathan Adagogo Green (Nigeria, 1873-1905), Chief William Brown und seine Familie vor einem prestigeträchtigen Schildkrötentuch. Nigeria, 1890. Der Chief mit Würdestab und Zylinder hat Anrecht auf einen Stuhl mit Arm- und Rückenlehne. Bild: rv.

Mit der wachsenden Beliebtheit der Bildpostkarte im frühen 20. Jahrhundert eröffnete sich den Fotografen ein lukratives Geschäftsfeld. Sie kannten die Vorlieben der Europäer für Exotik und fotografierten Personen ohne Identität, Frauen wurden zum Körperobjekt. Auf diese Weise trugen Postkarten von afrikanischen Bildproduzenten auch zum herabwürdigenden stereotypen Bild von Afrikanerinnen und Afrikanern bei.

Jonathan Adagogo Green, Oba Ovonramwen Nogbaisi, der König von Benin als Gefangener an Bord der Yacht Ivy, Bonny, Nigeria, 1897. Bild: rv.

Der einzige lächelnde Afrikaner auf einem Bild in der Ausstellung ist der gefangene König von Benin, mit einer Kette um den Hals, auf einer Yacht, die ihn ins Exil bringt. Von den Briten als Dokument der Unterwerfung in Auftrag gegeben, kann das spöttische Lächeln des Königs als subtiler Widerstand gelesen werden. Und dies, nachdem die Briten 1897 im widerständigen Königreich Benin den Palast niedergebrannt und an die 4000 sogenannter Benin-Bronzen geraubt hatten, die heute von der nigerianischen Regierung zurückgefordert werden.

Die Ausstellung basiert auf der Fotosammlung aus ganz Afrika (1880-1990) mit rund 5000 Bildern der Ethnologin und Fotohistorikerin Christraud M. Geary, die 2020 an das Museum Rietberg überging.

Titelbild: Ausstellungsansicht mit «Planets in My Head, Young Photographer», Yinka Shonibare CBE (Nigeria/UK, *1962), Skulptur, 2019, Nicola Erni Collection. Bild: rv
Bilder: Museum Rietberg Zürich

Bis 3. Juli 2022
Museum Rietberg, Zürich «The Future is Blinking» – Frühe Studiofotografie aus West- und Zentralafrika. Mehr Informationen zur Ausstellung siehe hier.
Im Rietbergpark werden im Rahmen einer grossformatigen Freiluft-Ausstellung zudem neun Fotoserien mit zeitgenössischer Fotografie zu Afrika gezeigt.

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