FrontKolumnenUkraine: Wie Schweizer Medien berichten

Ukraine: Wie Schweizer Medien berichten

Um die Überraschung vorweg zu nehmen: Blick online hat mich in den letzten  Wochen, seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine, interessanterweise am besten, eben auch am aktuellsten über den Angriffskrieg, über die sogenannt «besondere militärische Operation“ informiert (Putin), besser als der Tagesanzeiger, weit vor der NZZ*. Und bei meinen Recherchen ist mir eine Print-Publikation ganz besonders aufgefallen, die nicht den Bekanntheitsgrad hat, die sie verdient: die Zeitschrift „Religion und Gesellschaft“ in Ost und West. Dies, weil sie sich tiefgründig, umfassend mit dem Krieg in der Ukraine befasst, sich mit der Geschichte der Menschen auseinandersetzt, die Leserschaft über die Hintergründe dieses anachronistischen Schreckens aus verschiedenen Blickrichtungen ins Bild setzt. Bessere, fundiertere Artikel, Analysen, Interviews und Gespräche habe ich in den letzten Wochen nicht gelesen.

Doch der Reihe nach: Blick online tritt immer wieder mit einer dreigliedrigen Zusammenfassung auf, vermittelt den Zeitpunkt des Erscheinens, navigiert gezielt zu weiteren Inhalten. Verknüpft Textinhalte mit Bildern, mit bewegten Bildberichten, Interviews und Gesprächen. Die Redaktion nimmt mit Ulrich Schmid regelmässig den besten Ukraine-Kenner der Schweiz und weit darüber hinaus in Anspruch, um Hintergründe zu vermitteln. Der Zürcher Professor, der in St. Gallen über die Kultur und Gesellschaft Russlands lehrt, hat bereits 2015 in der Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung in weiter und weiser Voraussicht auf das gespannte Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine und dem sich daraus ergebenden Konfliktpotential hingewiesen, analytisch stark darauf aufmerksam gemacht, was uns nun tagtäglich in Bildern und Berichten erreicht: die Schrecken eines unsäglichen Krieges, verantwortet von einem Präsidenten, der sich über jede menschliche Norm erhebt, junge hoffnungsvolle Männer sinnlos in den Tod treibt. Blick TV lässt mit Erich Gysling zudem eine vertraute Fernseh-Legende auftreten, die eloquent zu interpretieren weiss, ohne oberlehrerhaft alles besser zu wissen; er lässt auch Zweifel an seinen Aussagen zu.

Auf den Blick folgt der Tagesanzeiger, der, auf gelbem Untergrund gekennzeichnet, zusammenfasst, weiterführt. Immer wieder mit spannenden Interviews aufwartet, immer wieder neue Interpreten und Analysten zu Gesprächen bittet. Im Gegensatz zum Blick fehlt die Kontinuität der Analysen, genauso, wie die Bewertung der so unterschiedlichen Aussagen. Die Beurteilung, wie weit die Analysen, insbesondere die Prognosen über die Friedensverhandlungen, über den Verlauf der Kampfhandlungen auch eingetroffen sind, wie verlässlich Analyse und Synthese waren, das überlässt Tagesanzeiger Online der Leserschaft.

Am wenigsten strukturiert kommt die Online-Ausgabe der NZZ daher. Es fällt schwer, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. Markant fällt auf, dass sich die NZZ insgesamt ein neues Konzept verordnet hat: seitenlange Analysen seiner Redaktionsmitglieder und viel Platz für Essays, Aufsätze, Analysen von Gastautoren, vor allem von emeritierten Professoren, vornehmlich aus den philosophischen Wissenschaften, meistens Deutsche. Ich habe den Eindruck, dass die NZZ versucht, sich im deutschsprachigen Raum Europas als Forums-Zeitung der Elite, des gehobenen Bürgertums zu etablieren. Als einzige der drei Medien mit ihren  Online- und Print-Ausgaben verfügt die NZZ mit Georg Häsler, als Miliz-Oberst eingeteilt im Heeresstab der Schweizer Armee, über einen sicherheitspolitisch versierten Journalisten, dessen Analysen das von der NZZ sich selbst verordnete hohe Niveau auch erreichen. Derweil sich Eric Guyer, der Chefredaktor, mit gehobenem Zeigefinger am liebsten mit der deutschen Politik beschäftigt.

Die Online-Angebote sind das eine, die Printprodukte das andere. Ein Blick auf die Zahlen der Blick-Gruppe lohnt sich. Nach Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, erreicht „Blick online jeden Tag rund 1,3 Millionen Userinnen und User (Tendenz steigend). Der gedruckte Blick dagegen nur noch 324‘000 Leserinnen und Leser, der Sonntags-Blick 360‘000 (Tendenz also sinkend)“. Der gedruckte Blick hat eine verkaufte Auflage von 89‘094 und der SonntagsBlick von 107‘646. „Diese Zahlen zeigen eindrücklich den Wandel vom Print ins Digitale“ (Dorer). Und von  besonderem Interesse ist Blick TV. Kann sich der Kanal durchsetzen? Da er kein linearer Kanal sei, sondern ein Web-TV, spricht Dorer nicht von Einschalt-Quoten, sondern von Zugriffen. Und diese hätten sich in den ersten zwei Wochen seit dem Ausbruch des Krieges mehr als verdoppelt, von 600’000 Video on Demand (VoD) auf gegen 1,4 Millionen, also Videos auf der Seite. Eigentliche Live-Sendungen von Blick-TV hatten nach Dorer pro Tag rund 741’000 Userinnen und User (Zugriffe), die mit mindestens 15 Sekunden auf dem Sender waren. Fazit: Der Blick profitiert von der Krise, er hat aber auch das entsprechende multimediale Konzept dazu: „Wenn etwas passiert, soll man zu Blick – weil wir schnell, fundiert und faktenbasiert berichten“*, hält Christian Dorer fest.

Es gibt aber auch noch Medien, die neben einem Newsletter in erster Linie auf Print setzen. So “Religion & Gesellschaft, eine hochinformative Print-Publikation des „Instituts Ökumenisches Forum für Glauben“. Und es lohnt sich tatsächlich, sich neben den Online-Medien, die jederzeit und überall genutzt werden können, die unseren veränderten Lebensgewohnheiten nachkommen, sich auch mal hinzusetzen und zu lesen, was eine spezifische Redaktion zu vermitteln versteht. Die März-Ausgabe widmete die Redaktion ganz dem  Krieg in der Ukraine und bringt die Thematik auf den Punkt: Putin glaubt unerschütterlich an den Mythos von der „heiligen Rus“, ist vom „dreieinigen Volk“ von Russen, Belarussen und Ukrainern voll und ganz überzeugt. Es soll wieder auferstehen, sich bewusst in den Gegensatz zum Westen stellen. Unterstützt wird Putin dabei vom Moskauer Patriarch Kirill, der einen „metaphysischen Kampf gegen schädliche westliche Einflüsse fordert, die sich vor allem in Gestalt von Gay-Pride-Paraden manifestierten und damit den Krieg rechtfertigten.“

Tatsächlich: Dass die Ukrainerinnen und Ukrainer daraus entfliehen wollen, nach Unabhängigkeit, Rechtsstaat und Demokratie streben, zeigt, wohin die ukrainische Bevölkerung strebt: gen Westen. Putin will das mit allen Mitteln verhindern. Putin will die Ukrainerinnen und Ukrainer einfangen, mit brutaler Waffengewalt in seinem Einflussbereich gefangen halten, der russisch orthodoxen Kirche unterordnen, das vermeintlich „Dreieinige Volk“ bewahren. Welcher Irrweg!

Wir können uns jede Minute online ins Bild setzen, im Gegensatz zur Bevölkerung in Russland, in Belarus. Wir können frei entscheiden, welche Medien wir konsultieren, welchen Medien wir vertrauen wollen. Von einem aber sind wir nicht entlastet: von einer zwar wohlwollenden, aber kritischen Distanz zu allen Medien, in welchen Farben auch immer.

* Die Folgerungen ergaben sich aus dem täglichen, intensiven Nutzen der Online-Angeboten von Blick, Tagesanzeiger und NZZ und formten sich aus dem Vergleich mit ausländischen Medien; die Beurteilungen erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

2 Kommentare

  1. Welche Schweizer Medienhäuser vor allem quantitativ am meisten Beiträge zum Ukrainekrieg bringen und möglichst viele Clicks generieren, interessiert mich persönlich nicht. Mit dieser Newsinflation wird, wie bei Corona, schnell das Gegenteil erreicht: Die Menschen wenden sich ab, aus Ohnmacht nichts tun zu können und weil das Zuviel unerträglich wird. Dabei müssten wir uns als Weltgemeinschaft dringenden Fragen stellen, wenn wir denn nur im Ansatz eine friedlichere Welt im 21. Jahrhundert anstreben.

    Was taugt eine UNO, wo 141 Länder in einer Resolution den Überfall Russlands auf die Ukraine scharf verurteilen, einen sofortigen Waffenstillstand fordern und dann nur 36 Länder Sanktionen gegen Russland umsetzen? Was taugt eine UNO, wo immer noch die Siegermächte des 2. Weltkriegs: USA, GB, F, RUS und zusätzlich China ein Vetorecht im Sicherheitsrat anwenden können und sich so selbst aus der Verantwortung nehmen können? Was hat die Schweiz in diesem Gremium verloren, die nicht nur nichts bewirken kann sondern sich zwischen den Fronten zerreibt? Was taugt eine UNO wo es der Generalsekretär bis heute, ausser einer Protestnote, nicht für nötig empfunden hat Kiew zu besuchen? Was taugt das sogenannte Völkerrecht, wenn es in der Realität nicht mehr wert ist, als das Papier wo es niedergeschrieben ist? Die noch demokratischen Staaten des sogenannten freien Westens müssen dringend auf mehr Verbindlichkeit und Nachvollzug in diesen Gremien sorgen, sonst sind auch sie nicht mehr als Handlanger globaler, zynisch-imperialer Machtpolitik der Grossmächte.

    Und was taugen Medien, die einen aktuellen völkerrechtswidrigen Krieg auf dem europäischen Kontinent quasi reality-tv-mässig für Quote und Clicks missbrauchen und uns mit den grossen Fragen allein lassen und kaum Ansätze für realpolitische Konsequenzen aufzeigen. Und was taugen Medien, die über den seit bald zehn Jahre dauernden Krieg in Syrien mit über 350‘000 Todesopfern und 7 Millionen Vertriebenen, allermeist zynisch weggeschaut haben und uns nicht stündliche Updates geliefert haben wie jetzt im Ukrainekrieg? Obschon Aleppo mit über 50‘000 Todesopfern von russischen Bomben und Barbarei ungefähr gleich weit von der Schweiz entfernt ist wie Mariupol!

    Ja das (noch) freie Europa muss deutlich mehr in seine Verteidigung investieren und die Reihen schliessen. Aber die Konsequenzen imperialer Machtpolitik, nun des Putin Regimes, morgen vielleicht von China und dann von Indien, dürfen nicht nur in einem Wettrüsten enden. Gerade die Schweiz und die EU müssten jetzt eine Stärkung der UNO Gremien und zwingende Verbindlichkeit von UNO Resolutionen, dem Bruch von Völkerrecht in der Anwendung fordern.

  2. Ihre gründliche und detailreiche Recherche betreffend Berichterstattung verschiedener Schweizer Medien im Ukrainekonflikt ist wahrlich eine Fleissarbeit.
    Die Schweizer Medien, ein schon länger aktuelles Thema in diesem Krieg und anderswo. Jede und jeder informiert sich dort, wo er sich mit der Aussenwelt verbindet und auf Vertrauen setzt. Papier, Internet, TV, mündlicher und schriftlicher Austausch. Durch die Vielfalt in den sozialen Medien, wird es immer schwieriger das Gelesene und/oder Gehörte zu interpretieren. Mir hilft oft ein Quervergleich von Infos in zwei oder drei vertrauenswürdigen Medien sowie aufschlussreiche TV-Dokus und -Diskussionen. Vielleicht müssen wir aber einfach nur akzeptieren, dass es «die» Wahrheit nun mal nicht gibt.

    Zugegeben, angesichts der brutalen, unmenschlichen und grundlosen Gewalt der russischen Aggression gegen die Ukraine, möchte ich am liebsten den Nato-Ländern zurufen: Macht dem Aggressor und seinen Gehilfen endlich den Garaus, und stellt die Mörder und ihre Anstifter an den Pranger. Zeitnah ein wirksames Zeichen setzen und handeln für die Menschlichkeit tut Not, für heute und besonders für die Zukunft. Der amerikanische Präsident Biden und andere haben es ausgesprochen: „Was Putin macht, ist Völkermord“ und eine Bedrohung für die Demokratie.

    Was Diktator Putin von der Gegenwehr mittels Sanktionen vom Westen gegen Russland hält, zeigt er uns tagtäglich, nämlich nichts. Er wird so lange weiter Krieg gegen die Ukraine und vielleicht noch gegen andere Länder führen, bis ihn das stoppt, was er kennt: brutale Gewalt. Zum jetzigen Zeitpunkt will jedoch niemand das Risiko eines dritten Weltkrieges eingehen.
    Es ist ein Dilemma, weiter mit Sanktionen oder militärischer Angriff gegen den Aggressor? Bei Hitlerdeutschland haben sich die Alliierten für die militärische Gegenwehr entschieden. Wer weiss wie die Welt heute aussehen würde, wenn Hitler an der Macht geblieben wäre?

    Wie dieser Krieg auch ausgehen wird, eine minutiöse Aufarbeitung der dokumentierten Kriegsverbrechen, die Anhörung der Betroffenen und die Bestrafung der Schuldigen durch ein Kriegstribunal, sind wir dem Ukrainischen Volk in jedem Fall schuldig. Die finanzielle Unterstützung der Ukraine durch UNO und EU nach Kriegsende, ist scheinbar schon beschlossene Sache.

    Putin ist ein von Ehrgeiz und Machtanspruch Getriebener und er reiht sich ein in die lange Liste ehemaliger und aktueller, kaltherziger Despoten, für die Menschen- und Völkerrecht keine Bedeutung haben.

    Ein weiterer Aspekt zu Putins Macht zeigt auch die Kolumne „Glaubenszweifel“ von Andres Iten auf und ist lesenswert.

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