FrontKulturPoetisch und verstörend

Poetisch und verstörend

Eine 1000-Franken-Note dient Ursula Palla für eine Videoinstallation: Das wertvolle Papier, nicht mehr Zahlungsmittel, aber noch gültig, wird in kurzer Zeit von Ameisen, zerkleinert und weggebracht. Zu sehen noch bis zum 25. Mai Bündner Kunstmuseum.

Ursula Palla arbeitet mit Videos, installativ auch mit Objekten aus Metall oder aus Zucker und sie zeichnet mit Kohlestaub. Die Werke, die sie erfunden hat, wirken fast ausnahmslos sehr ästhetisch, dass diese Arbeiten von einer verstörenden Aktualität sind, zeigt sich beim Schauen und Zulassen, wohin unsere Gedanken fliessen.

The Moon in my Pocket, 2019. 2-Kanal-Videoinstallation, Äste, Kies, Sand

Whiteout ist eine Doppelausstellung, deren erster Teil Nowhereland in Chur Werke aus den letzten Jahren umfasst, der zweite Teil mit aktuellen Arbeiten folgt im Kunstzeughaus Rapperswil, wo sie zurzeit noch am Einrichten und Aufbauen neuer Raumskulpturen ist (Vernissage am 22. Mai). Das Begleitbuch Whiteout bezieht sich auf beide Ausstellungen und bringt dank verschiedener Essays Licht und neue Einsichten in die seit vielen Jahren konsequente Arbeit von Ursula Palla, die 1961 in Chur geboren ist und heute in Zürich lebt.

Ihre Arbeiten beziehen sich auf die Natur und den Menschen, der sie nutzt oder eben über- und ausnutzt. In ruhigen, poetischen Bildern präsentiert die Künstlerin mögliche Folgen der fortschreitenden Klimaveränderung oder der überheblichen Herrschaft der Menschheit über die Natur. Einige Video-Installationen zeigen Tiere, die wir mögen, vor denen wir Respekt haben. Erst bei längerem Schauen und Denken wird der dystopische Inhalt dieser sanften Poesie zur beängstigenden Aussage:

Die sympathische Eule blickt uns aufmerksam an, dann sehen wir, sie trägt Fussfesseln, die sie immer wieder zu lösen versucht – vergeblich. Der Greifvogel schaut anscheinend ohne Anzeichen von Stress um sich. Aber wegfliegen wäre unmöglich, seine Füsse sind aus Gips, auch er gefesselt.

Bird’s Tale, 2017. Gipsfüsse, Videoprojektion

Schneemänner mit Augen und Mund aus Kohlestückchen stehen in Gruppen und schmelzen langsam vor sich hin, verlieren ein Auge, das zweite, den Mund, dann sinken sie in sich zusammen, verflüssigen sich im warmen Klima. Und quälend ist das nur in Grautönen gehaltene Video von dem Pferd, das sich angeschirrt und mühsam auf einem Laufband fortbewegt: Die geschundene Kreatur, die Sklaverei und die Ausbeutung sind in dieser Arbeit anklagend formuliert.

Great White 3, 2019. Videoinstallation, 12 Monitore, 3-8 Min, mit Ton (Ausschnitt)

Oder Pallas Blick auf die Pflanzen: Leerer Garten heisst eine Installation, die aus verschwundenen und geächteten Gräsern und Kräutern, die wild wachsen und viele Gärtner stören, besteht. Sie stehen einzeln vor einer weissen Wand im Gergenlicht. Sie sind in Bronze gegossen, eins der Pflänzchen bewegt sich in einem kleinen Wind – virtuell in einer Videoprojektion.

Empty Garden 2, 2020. Bronze patiniert, Videoprojektion

Wie schön die so genannten Unkräuter sein können, demonstrieren die so riesig wie präzis mit Kohle und Leim gezeichneten Pflanzen, denen wir begegnen, wenn wir vom Neubau die schmale Treppe zur Villa Planta hochsteigen.

Ursula Palla hat ihre Retrospektive in Chur mitinszeniert, wer sonst sollte den Kohlenstaub so an die weissen Wände bringen, dass die mannshohen Pionierpflanzen wie Schattenrisse an unsere Verantwortung mahnen. Seit Jahren wird solches Unkraut – wichtig im Kreislauf der Biologie – durch übermässig gedüngte Äcker und Wiesen zurückgedrängt. Wer diese Veränderungen nicht wahrnehmen mag, soll einfach mal die Frontscheibe nach einer Autofahrt im Sommer heute und vor einem Vierteljahrhundert vergleichen – damals war sie gesprenkelt mit toten Insekten.

Kleiner Wald, 2022 (links), The Horse, 2013 (rechts)

Der Kleine Wald hat einen hübschen Namen, aber die Installation ist trostlos, der Hintergrund ein weiteres Stück aus der Zerstörungsgeschichte. In dem Raum stehen graubraune Baumstümpfe aus Sand und Birkenrinde. Die Birke als Hinweis auf eine Pionierpflanze, die Brachen besiedelt. Hier aber rieselt der Sand von den Objekten, sie erinnern an Abholzung, Nutzwald, Profit.

Landscape 5 Part 3, 2013/202. 3000 Angelhaken, Fischerdraht

Filigran, leicht und luftig füllt den grössten Raum der Ausstellung eine federleichte helle Wolke. Erst beim Nähertreten eröffnet sich die andere Dimension: Jeder Nebeltropfen ist ein Angelhaken, je einzeln aufgehängt mit fast unsichtbaren Fischerschnüren: Die Meere sind bald leergefischt.

Dem Zuckerwerk begegnen wir im Kaminzimmer der Villa: Auf Spiegelkacheln stehen Tischchen und Stühle fast wie vorn im Kunsthauskaffee, allerdings sind sie aus Karamell gefertigt, und bereits bricht da und dort etwas ab. Zucker ist eine Metapher für das Herrschen der ersten Welt über die Dritte, an die reich zurückgekehrten Bündner Zuckerbäcker aus der halben Welt, die hier mit Schlössern ihren Reichtum demonstrierten. In einer Gruppenausstellung im Bergeller Schloss Castelmur, wo eine permanente Ausstellung an diese Bündner Migration erinnert, hat Palla sogar einen Kronleuchter aus Karamell hergestellt.

Das Karamellzimmer 1, 2018/2022. Gebrannter Zucker

Wer sich am Ende aus den Räumen der Villa Planta wieder zur Treppe Richtung Neubau und Ausgang begibt, bekommt Ursula Pallas lakonischen Kommentar als Neonschrift serviert: C’est tout?

Kunst reagiert auf die Gegenwart, viele Künstler surfen erfolgreich auf dem Zeitgeist, nicht jedoch diese Künstlerin, die seit vielen Jahren ihre Sorge um das Verhältnis des Menschen mit seiner Umwelt thematisiert. Wenn es ihr anhand von ästhetischen Werken gelingt, hinter aller Schönheit die Fragen nach Zerstörung der Natur, nach Ausbeutung der Bodenschätze und nach Kolonialisierung und Sklaverei so zu formulieren, dass man sich nicht entziehen kann, ist ihr Werk berührend und nachhaltig.

Bis 29. Mai
Weitere Informationen zur Ausstellung Ursula Palla. Nowhereland
Hier ein Video von arttv mit Impressionen aus der Ausstellung
Publikation: Ursula Palla.Whiteout, 2022; hg. vom Bündner Kunstmuseum Chur und Kunstzeughaus Rapperswil-Jona, Verlag für moderne Kunst, Wien
ISBN 978-3-903 572-67-6
Ausstellung im Kunstzeughaus Rapperswil «Ursula Palla. Like a Garden» 22. Mai bis 31. Juli

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