FrontKulturAdolf Muschg - der Andere

Adolf Muschg – der Andere

Zurzeit wird der Film von Erich Schmid «Adolf Muschg – der Andere» landauf, landab gezeigt. In Wil SG stellte sich der Regisseur und Drehbuchautor nach dem Film im Cinewil den Fragen aus dem Publikum.

Wer ist Adolf Muschg, geboren am 13. Mai 1934 in Zollikon? Findet man eine Antwort bei wikipedia? Lässt sich aus der Werkliste ableiten, dass er neben Dürrenmatt und Frisch wohl zu den bedeutendsten Gegenwartsschriftstellern der Schweiz gehört? Verdient seine brillante Gelehrtenkarriere als Hochschullehrer in Deutschland, Japan, USA und von 1970 bis 1999 an der ETH Zürich besondere Beachtung? Was ist von seinen Mitgliedschaften in der «Akademie der Künste» in Berlin (seit 1976), in der «Akademie der Wissenschaften und der Literatur» in Mainz, der «Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung» in Darmstadt, der «Freien Akademie der Künste Hamburg» oder dem Präsidium der «Akademie der Künste» in Berlin von 2003 bis zum plötzlichen Rücktritt am 15. Dezember 2005 zu halten? Worauf deuten seine drei Ehen, seine drei Kinder hin? Welchen Aufschluss geben uns seine Ständeratskandidatur für die SP (1975), seine politischen Äusserungen zu Zeitfragen? Was erlebte Muschg in seiner Meditationspraxis?

Muschg in seiner Schreibwerkstatt in Männedorf

«Ich habe die Zen-Praktik mitgemacht, das Za-Zen, das Sitzen solange meine Knie hielten, und habe natürlich an nichts denken können, als an meine schmerzenden Knie – es dauert lange, bis man sie vergisst, und es gibt viele Weisen, sie zu vergessen, irgendwann einmal wird der Schmerz so gross, dass er leer wird. Und wir sind nicht mehr daran gewöhnt, in der Leere die Fülle zu sehen, wie zum Beispiel die Japaner im Vollmond den Leermond sehen. Und im Jing das Jang, im Dunkeln das Helle. Das gehört zusammen. Und wir trennen, in der digitalen Welt ohnehin, da haben wir eigentlich dauernd Alternativen im Kopf, entweder oder, schwarz oder weiss, vergänglich und ewig. Diesen Unterschied macht der Zen-Buddhismus nicht, das Vergängliche ist ewig, und das Ewige ist vergänglich. – Der Kern des Buddhismus ist eben, dass wir so wie wir sind, den Andern gleich sind, weil wir selbst auch anders sind, als wir denken; es ist ein auf den ersten Blick komplizierter Gedankengang. Aber ganz entschieden entspricht er nicht dem westlichen Menschenmodell: das In-dividuum, das Unteilbare! – Nein, wir sind zum Glück teilbar.» (aus der Website von Erich Schmid).

Sicher lernen wir im Film Adolf Muschg nicht als Individuum kennen, aber vielleicht als jemanden, der als Mensch mit uns Allgemeinmenschliches teilen kann, im Leiden wie in der Freude, im Dunkeln wie im Hellen.

Nach der Filmvorführung in Wil nahm sich Erich Schmid Zeit für ein Gespräch mit Seniorweb:

Seniorweb: Wer hat wie am Drehbuch mitgewirkt? Wie viel ist von Ihnen, wie viel von Adolf Muschg?

Erich Schmid: Im Film geht es um die Biografie von Adolf Muschg. Das Drehbuch dazu habe ich allein gemacht, allerdings auf der Basis des wunderbaren biographischen Buches von Manfred Dierks mit dem Titel «Lebensrettende Phantasie». Schon der Titel gefiel mir und das war im Wesentlichen die Materialsammlung für das Drehbuch. Das Verfassen des Drehbuchs war eine einsame Sache, wo ich mit mir ausmachen musste, was ich aus dem riesigen Fundus auswählen wollte. Anschliessend gab ich das Drehbuch Freunden zum Kommentieren, erhielt aber in diesem Fall nur Zustimmung.

Erich Schmid, Regisseur und Drehbuchautor

Wie authentisch muss ein Dokumentarfilm über einen Künstler sein, wie gross ist die Gefahr einer Hommage?

Ich habe keine Angst vor «Hommage».  Persönlichkeiten wie Adolf Muschg (oder in einem früheren Film Max Bill) sind kulturell bedeutend; sie haben etwas bewegt und verdienen ein Vermächtnis. Dabei konzentriere ich mich auf das, was von den Künstlern bleibt und nicht auf gelegentliche Querelen, die vergänglich sind.

Inwiefern taucht Adolf Muschg als «der andere» auf? Wie kann man im Film hinter die Kulissen der Selbstinszenierung schauen?

Man kann nie hinter die Kulissen schauen. Ich bin ja einer, der Leute filmt. Man sieht Menschen nicht an, was sie denken, was sie sind.  Man muss sich lösen von der Idee, dass man vom Äusseren her sich schon ein Bild von einer Persönlichkeit machen kann. Es kann einer äusserlich hässlich und trotzdem der wunderbarste, feinfühligste Mensch sein. Adolf Muschg ist eine vielseitige Person und hat viele Facetten, die im Film nicht vorkommen. Ein Film ist ein limitiertes Medium, in 90 Minuten kann man nicht das ganze Leben eines Menschen erzählen. Ich habe mich bei Muschg auf ein paar Hauptpunkte konzentriert. Prägend waren der pietistische und konservative Vater und das Unverständnis, das er in seinem «Exil», im Internat in Schiers erdulden musste. Auch Muschgs Hypochondrie bestimmte sein Leben und hat Wurzeln in seiner depressiven Mutter, weil sie sich besonders intensiv und liebevoll um ihn kümmerte, wenn er krank war. Als Muschgs zukünftige japanische Frau bei der ersten Begegnung dem jammernden, vom langen Flug Ermüdeten sagte, «Herr Muschg, Sie sind gesund!», vernahm der eingebildete Kranke diese Worte als Erlösung, schon fast als Gottes Wort. Pikant daran ist, dass seine Frau nur meinte, er soll sich nicht umständlich und kompliziert anstellen. Aus diesem Missverständnis, an dem das Paar immer noch arbeitet, haben sie sich lieben gelernt.

Was haben Sie als älterer Herr beim Filmen des andern älteren Herrn über sich und über das Altern gelernt?

Ich bin jetzt 75. Als ich den Film zu drehen begann, war ich 72 und arbeitete daran bis 75. Nun, im Alter wird man in der Regel nicht gescheiter. Muschg (88) ist da wohl eine Ausnahme. Wenn er irgendwo auftritt, ist er so eloquent, stark und präsent wie ein zwanzigjähriger Rapper.

Muschg weist in Fukushima auf die schwarzen Säcke mit abgetragener kontaminierter Erde hin und sagt: «Wenn wir nicht aufpassen, werden wir diese Sackkulturen bei uns auch bald haben.»

Adolf Muschg war und ist ein politischer Mensch. Hängt ihr Interesse an Adolf Muschg auch damit zusammen, dass Sie durch seine Biografie politische Akzente transportieren konnten?

Sicher! Da sind Muschg und ich im selben Boot.

Besten Dank, Erich Schmid, für das Gespräch!

Website von Erich Schmid mit Hinweisen auf nächste Filmvorführungen:

https://www.erichschmid.ch/page.php?0,0,

Trailer zum Film unter https://www.youtube.com/watch?v=lRlvElL03lA

Fotos von der Website von Erich Schmid. Titelbild: Adolf Muschg im Garten eines Zenklosters in Kyoto

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