FrontKultur«Mond mit Federn»

«Mond mit Federn»

In der Galerie Stans wird bis 24. Juli 2022 Stickkunst vom Feinsten ausgestellt: Neue Werke der Fadenvirtuosin Barbara Wälchli Keller treffen auf Exponate aus der Sammlung von Widad Kawar, Jordanien.


«Mond mit Federn» Barbara Wächli Keller / Sammlung Widad Kawar

Das Sticken ist die formenreichste und vielgestaltigste textile Handarbeitstechnik. Keine andere kann in gleichem Umfang Ausdruck der persönlichen Eigenart eines Menschen sein, Unverwechselbares schaffen und der Phantasie Raum geben.

Barbara Wälchli Keller drückt mit Nadel und Faden aus, was sie mit Worten nicht sagen kann. «Jeder Stich ist Herzklopfen. Jeder Stich ist Angst. Jeder Stich ist Freude. Jedem Stich folgt Vorfreude. Auf den nächsten Stich.» So sagt sie, die das Unscheinbare, das Kleine, das Feine mit Faden und Farben zur Geltung bringt. Sie interpretiert Gedanken, Ideen und veredelt sie zu Kostbarkeiten. Ihre Heimat sind die Fäden.


Denkerli für Myanmar, Stickerei auf Aquarell mit Glücklos und Echtgold/ 2022

Fäden spielen auch in der Welt von Widad Kawar, einer in Amman (Jordanien) lebenden Palästinenserin, eine grosse Rolle. In mehr als fünfzig Jahren hat sie eine Sammlung von über 2000 bestickten Gewändern und anderen Textilien aus dem arabischen Raum zusammengetragen, eine phantastische Fülle von Web- und Stickmustern, von Farben und Stoffstrukturen.


Kleid einer nordpalästinensischen Beduinin

Exponate aus der Sammlung von Widad Kawar wurden weltweit in bedeutenden Museen gezeigt. Widad Kawar kommt das Verdienst zu, als eine der ersten die grosse Bedeutung der traditionellen Kleidung der Bäuerinnen und Beduininnen ihrer Heimat erkannt zu haben – gerade noch rechtzeitig, denn es handelt sich dabei um eine Tradition, die verlorenzugehen drohte.

«Mond mit Federn» heisst ein altes Stickmotiv aus der Gegend von Hebron. Es wird in der Ausstellung in verschiedenen Variationen gezeigt.


Hochzeitskleid, Beit Dajan, Region Jaffa, ca 1930

In Steinerberg, hoch über dem Lauerzersee hat Barbara Wächli ihr Atelier. Ein Atelier voller Fäden, um die sich ihr ganzes Leben dreht. Fäden führten sie von Rothrist nach Basel, in die Provence, nach Richterswil, nach Steinerberg, ins Val Müstair, nach Myanmar und nach Amsteg im Kanton Uri, wo sie ihr Zweitatelier hat.

Barbara Wälchli absolvierte die Textilfachklasse an der Schule für Gestaltung in Basel. Als freie Künstlern schafft sie vor allem textile Werke. Vermehrt versucht sie, Malerei und Collage mit dem Sticken zu verbinden und führt so die unterschiedlichsten Techniken zu Dialogen. Ihr wichtigstes Ausdruckmittel ist und bleibt das Sticken.


La Rousse/ Stickerei / 2021

Widad Kawar wurde 1930 in Tulkarem, Palästina, geboren und ist seit ihrer Heirat 1956 in Ammann (Jordanien) wohnhaft. Während eines Ferienaufenthaltes in einem Dorf in der Nähe von Ramalla wurden ihr zwei alte Trachten geschenkt. Dies war der Grundstock für eine Sammlung, um die die Besitzerin von den Museen in aller Welt beneidet wird.


Linien auf Flächen, Collage auf Büttenpapier bestickt / 2022

Über ihre Sammlung sagt sie: «Ich hatte keine festen Pläne, als ich zu sammeln anfing, keinen wissenschaftlichen Zugang, keinen Grund, aus dem heraus ich sammelte, noch wusste ich, wie man systematisch sammelt. Ich liebte die Dinge, die ich sammelte und meine Liebe wuchs und entwickelte sich in alle Richtungen», schreibt Widad Kawar. Die Kleider erzählen von der Liebe und Hingabe, die bei der Herstellung aufgewendet werden In der Galerie Stans treten ausgewählte Stücke aus der Sammlung Widad Kawar in den Dialog mit Werken der Farbenvirtuosin Barbara Wälchli.

Fotos: Josef Ritler

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