FrontKulturZu Besuch in der Flumserei

Zu Besuch in der Flumserei

1866 wurden in Flums die ersten hochwertigen Garne von der Unternehmerfirma Spoerry maschinell hergestellt. Rund 150 Jahre später wurde der Betrieb eingestellt. Wie wird dieses Fabrikareal umgenutzt? Seniorweb war zu Besuch.

Das Gebäude besteht aus einem Hauptbau mit 17 000 qm auf sieben Etagen, einem Bogen mit 6000 qm beheizter Fläche auf fünf Stockwerken, einem Konnex von 950 qm, dem Gwelb (den ehemaligen Belüftungsräumen) mit 220 qm, einem Annex bis zu sechs Etagen mit rund 3600 qm und einer ehemaligen Kantine mit Gastroküche und einem Gastraum sowie weiteren Mietflächen von 310 qm.

In den Säulenhallen des Hauptgebäudes, wo früher Spinnereimaschinen standen, sollen auf fünf Stockwerken über 100 Wohnungen gebaut werden. (Foto bs)

Das Treppenhaus im Turm führt über sieben Stockwerke. (Foto bs)

Wie kann dieses riesige Fabrikareal umgenutzt werden?

Als die Spinnerei 2009 ihre Produktion aufgab, wurden 2011 bereits die ersten Räume zur Zwischennutzung vermietet und 2012 ein längerfristiges Nutzungskonzept entwickelt. Die Firma Innobas schuf die Marke «Flumserei – Raum zum Wirken und Werken». 2015 waren bereits 80% der aufbereiteten Räumlichkeiten als Gewerbeflächen genutzt. Seit 2020 ist die Stiftung Abendrot Eigentümerin und Vermieterin, die sich als «die nachhaltige Pensionskasse» bezeichnet (Weiteres zu deren Verständnis von Nachhaltigkeit unter https://www.abendrot.ch/nachhaltigkeit/).

Aktuell sind auf ca. 9500 qm mehr als 45 Unternehmen tätig (siehe unter  https://flumserei.ch/arbeiten/mieterverzeichnis/)

In einem zweiten Schritt wird im noch leerstehenden historischen Hauptbau Raum «für bezahlbares, loftartiges, flexibles sowie teilgemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten geschaffen. Entstehen sollen rund 110 bedarfsgerechte und nutzerorientierte Wohnungen, Wohnateliers, Joker- und Gästezimmer sowie zusätzliche Gewerbe- und Atelierräume im Umfang von ca. 2’000 m2.» (aus: https://www.abendrot.ch/anlagen/immobilien/)

Seniorweb stellte dem Gastgeber der Flumserei, Andreas Hofmänner, ein paar Fragen.

Seniorweb: Die Flumserei soll in einen «Raum für Wirken, Werken und Wohnen» umgenutzt werden. Was hat man schon erreicht?

Andreas Hofmänner: Die Flächen, die wir seit 2009 bereits aufbereitet haben, sind vollständig vermietet. Das ist ca. ein Drittel der Fläche, die von Start-ups bis zu etablierten Unternehmen genutzt wird. So gesehen ist die erste Etappe sehr erfolgreich verlaufen. Wir haben eine grosse Vielfalt von KMUs, vom Handwerksbetrieb, über Kreativwirtschaft, Praxen aller Art, Bauwirtschaft usw. Wir haben ein gutes Niveau in der Umnutzung des Fabrikgebäudes erreicht. Vgl. dazu Kurzfilme zum Areal und zu eingemieteten Unternehmen unter https://flumserei.ch/die-flumserei/impressionen/

Andreas Hofmänner auf dem Turm mit Blick auf das Dorf und die imposante Bergkulisse (Foto bs)

Welche Projekte sind in Entwicklung?

In Entwicklung ist der 150-jährige Hauptbau, die Säulenhallen auf sieben Stockwerken. Dort wird es noch zusätzliche Gewerbeflächen geben, plus die gut hundert Wohnungen. Die Planung ist bereits weit fortgeschritten. Im nächsten Jahr soll das Baugesuch eingereicht werden. Da sind viele Fachplaner und Architekten unter der Leitung der Stiftung Abendrot daran, die Details auszuarbeiten. Zudem werden in den Annexbauten, wo früher die Schlosserei, die Schreinerei und das Kraftwerk der Firma Spoerry waren, weitere Gewerberäume geschaffen.

Haben Sie für die Vermietung der Wohnungen eine bestimmte Zielgruppe?

Ja, das haben wir. Zunächst möchten wir Interessierte aus der Region ansprechen, über Flums hinaus im ganzen Sarganserland. Zudem werden wir, wie beim Gewerbe verschiedene Gruppen ansprechen, also Jung und Alt, Singles und Familien und Personen, die hier wohnen und arbeiten möchten. Eine besondere Nachfrage besteht auch gerade unter älteren Menschen, die nach ihrer Pensionierung ein aktives Leben in der besonderen Atmosphäre der Flumserei führen wollen. Besonders reizvoll erscheinen hier die Aspekte des gemeinschaftlichen Zusammenlebens verschiedener Generationen und die Vielfalt, die durch die vielen kreativ tätigen Mieter entsteht. Wir werden 1,5 Zi- bis 5,5 Zi-Wohnungen haben. Gerade das Angebot von Ateliers für Künstler, die hier wohnen und arbeiten wollen, könnte sehr attraktiv sein. Es wird Angebote geben, wo auf demselben Stockwerk auf der Talseite Wohnungen und auf der Bergseite Ateliers angeboten werden. Da kann man am Morgen die Tür der Wohnung öffnen und ist in ein paar Schritten in seinem Atelier.

Was sind die grössten Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Die Umnutzung wollen wir erfolgreich abschliessen. Das ist ein Prozess, der über einige Jahre geht. Wenn man ein altes Fabrikgebäude umnutzen will, muss man auch die Kosten im Griff haben. Die Altlasten sind auf diesem Areal nicht schlimm, aber Brandschutz, Erdbebensicherheit und, und, und muss gewährleistet werden. Am Schluss wollen wir preiswerte Wohnungen und Gewerberäume anbieten können.

Die Stiftung Abendrot, die Eigentümerin seit 2020, ist in einigen weiteren Umnutzungsprojekten engagiert, etwa in Basel, Birsfelden, Burgdorf, Root, Kriens, Wangen bei Olten, Winterthur und Zürich. Wie kann die Flumserei von diesem Know-how profitieren?

Die Stiftung Abendrot hat das Know-how im eigenen Haus. Sie haben ein gut ausgebildetes Architektenteam, das Erfahrungen aus früheren Umnutzungen in jedes neue Umnutzungsprojekt einfliessen lassen kann. Das Know-how bleibt so firmenintern erhalten. Die Teams sind hochprofessionell organisiert, mit viel Erfahrung im Umgang mit alter Bausubstanz, mit Fabrikarealen, aber auch in der Vermarktung.

Gwelb: Die früheren Lüftungsschächte können für Ausstellungen oder kleine Kulturanlässe genutzt werden. (Foto bs)

Was macht die Flumserei für Gewerbe, Dienstleistungsbetriebe, Events und  Wohnungsmieter besonders attraktiv? Wo gibt es Schwierigkeiten? Liegt irgendwo der berühmte Hund begraben?

Ja, ist irgendwo ein Hund begraben? Ich muss ehrlich sagen, ich wüsste nicht wo. Man sieht ja, dass wir vollvermietet sind.

Zur ersten Frage: Was macht die Flumserei besonders attraktiv? Die Räume sind speziell und geschichtsträchtig. Sie sind 4,5 bis 5 m hoch und hell. Die Mietzinse sind leicht unter dem Marktpreis. Wir bieten auch Dienstleistungen an, beispielsweise zusätzliche Sitzungszimmer, für alle zugängliche Begegnungsräume, Postservice und Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Die Mieter tauschen sich gegenseitig aus, gelegentlich kommt es zu projektbezogener Zusammenarbeit oder gegenseitigen Geschäften. Es ist also eine Art Mikrokosmos, der sich in der Flumserei entfalten kann.

Wie können die Gemeinde Flums und die Region von der Umnutzung profitieren? Sind auch Einsprachen oder Bedenken von politischer Seite und von der lokalen Bevölkerung zu erwarten?

Glocke auf dem Turm. Der Pfarrer und die Fabrikherren sollen im 19. Jahrhundert um das Erstschlagsrecht zu jeder vollen Stunde gestritten haben… (Foto bs)

Wir machen uns keine Sorgen wegen Einsprachen oder politischem Gegenwind, weil wir bisher nur positive Feedbacks erhalten haben. Alle sind froh, dass das Areal keine Industriebrache bleibt und neues Leben in die ehemaligen Fabrikhallen einkehrt.. Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen mit den Behörden, sei es mit der Denkmalpflege oder den kommunalen Behörden. Nicht zu vergessen ist der Saal für 480 Personen, wo übers Jahr hinweg unzählige, einzigartige kulturelle Events stattfinden. Mit vielen Veranstaltungen wird die breite Bevölkerung angesprochen, und das bereichert das kulturelle Leben der Region deutlich.

Andreas Hofmänner ist Inhaber der Eckstein Immobilien AG und Gastgeber der Flumserei.

Weiterführende Links:  https://flumserei.ch, https://www.abendrot.ch

Titelbild: Das zentrale Fabrikgebäude der Spoerry Spinnerei, das neu als Flumserei genutzt wird. (Foto: Tobias Keller, SOURCE Associates AG, Zürich)

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