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«Voraussehbarer und vermeidbarer Prämienschock»

«Der Prämienschock von durchschnittlich plus 6,6 Prozent war voraussehbar und hätte ohne den erzwungenen Reservenabbau vermieden werden können», sagt Comparis-Krankenversicherungsexperte Felix Schneuwly. «Jetzt werden noch mehr von den ohnehin unter der starken Teuerung leidenden Versicherten individuelle Prämienverbilligungen bekommen müssen», warnt er.  

Nach einem Anstieg 2018/2019 von 1,2 Prozent, 2019/2020 von 0,2 Prozent und 2020/21 von 0,5 Prozent sanken die Krankenkassenprämien 2021/2022 mit 1,4 Prozent das erste Mal seit 2008. Heute hat der Bundesrat nun eine durchschnittliche Prämienerhöhung um 6,6 Prozent für 2023 angekündigt.

«Der Prämienschock war voraussehbar und hätte ohne den erzwungenen Reservenabbau vermieden werden können», sagt Comparis-Krankenversicherungsexperte Felix Schneuwly. Seines Erachtens wird der starke Prämienanstieg weitreichende Konsequenzen haben. «Jetzt werden noch mehr von den ohnehin unter der starken Teuerung leidenden Versicherten individuelle Prämienverbilligungen bekommen müssen», warnt Schneuwly.

Mehr individuelle Prämienverbilligungen nötig

Schon bisher erhält gut ein Viertel der Bevölkerung in der Schweiz eine individuelle Verbilligung der Krankenkassenprämien. Das kostet Bund und Kantone rund 5 Milliarden Franken pro Jahr. «Weil die obligatorische Krankenversicherung die einzige Sozialversicherung mit einer Kopfprämie ist, wird diese für finanzschwache Versicherte mit individuellen Prämienverbilligungen gemindert. Angesichts des starken Prämienanstiegs und der insgesamt starken Teuerung müssen Versicherte in bescheidenen finanziellen Verhältnissen noch stärker mit Prämienverbilligungen unterstützt werden», sagt Schneuwly. Diese gezielte Unterstützung sei aber besser als tiefere Energiepreise für alle. Für eine stärkere Unterstützung der Versicherten mit Prämienverbilligungen brauche es zudem weder die «10%-Initiative» noch den bundesrätlichen Gegenvorschlag. Die Kantone hätten laut Bundesgericht genügend Spielraum, um vernünftig zu handeln.

Prämienschock wäre vermeidbar gewesen

Die Kosten für die versicherten Leistungen pro Person und Jahr stiegen zwischen 2011 und 2022 jährlich um etwa 2,4 Prozent. Die Umsetzung der Pflegeinitiative und die notwendigen Massnahmen, um die medizinische Versorgungssicherheit zu gewährleisten, werden die Kosten wieder etwas stärker auf etwa 3 Prozent pro Jahr steigen lassen. Das gilt auch für die gesamten Gesundheitskosten, welche die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit Comparis jeweils im November für die nächsten Jahre prognostiziert. «Ohne den erzwungenen Reservenabbau hätte der aktuelle durch Corona bedingte Kostenanstieg zu keinem Prämienschock geführt. Denn genau für derartige punktuelle Kostenschübe sollten die Krankenkassen genügend Reserven haben», erklärt Schneuwly.

Mittelfristig steigen die Prämien wieder um 2 bis 3 Prozent

Genau das sollte der Bundesrat nach Ansicht des Comparis-Experten im Hinterkopf behalten. Denn längerfristig – sprich nach dem Prämienschock 2022/2023 – rechnet Schneuwly für die Versicherten wieder mit 2 bis 3 Prozent höheren Prämien pro Jahr.

In der Vergangenheit sind die Prämien zwischenzeitlich um bis zu 4 Prozent pro Jahr gestiegen. Die Fallpauschalen im stationären Spitalbereich haben laut Schneuwly das Kostenwachstum zwar gebremst. Ambulante Pauschalen werden seines Erachtens einen ähnlichen Effekt haben. Auf der anderen Seite werden die Umsetzung der Pflegeinitiative und neue Medikamente und Therapien zu höheren Kosten führen. «Die Kosten dürften sich somit trotzdem bei einem jährlichen Anstieg von 2 bis 3 Prozent einpendeln. Das heisst auch: «Die Prämien werden mittelfristig wieder um 2 bis 3 Prozent steigen», stellt Schneuwly fest.

Veränderungen am Versicherungssystem nötig

Nach Ansicht des Comparis-Experten sind zur nachhaltigen Stabilisierung des Schweizer Gesundheitssystems zudem weitere Anpassungen nötig. So sollten seines Erachtens Ärztenetzwerke und Krankenkassen Budgets aushandeln müssen für die Pflichtleistungen für Versicherte in alternativen Versicherungsmodellen. Derzeit arbeiten nur die wenigsten alternativen Versicherungsmodelle auf freiwilliger Basis mit solchen «Capitation-Modellen», die Effizienz und Qualität der medizinischen Versorgung statt bloss Mengen belohnen.

Bei den teuren medizinischen Leistungen werden die Kassen gemäss Schneuwly zudem nicht umhinkommen, besonders für neue, sehr teure Untersuchungen und Behandlungen nur noch einen Teil für die erbrachte Leistung und den Rest für die erreichten Therapieziele zu bezahlen.

*KOF-Gesundheitsprognose:
**Comparis-Kundenzufriedenheitsnoten Krankenkassen
:

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3 Kommentare

  1. Was für ein Trauerspiel! Natürlich war der Prämienanstieg erwartet worden, geng wie geng eben. Dreist, wie seit Jahren, scheren sich die Akteure unseres Gesundheitssystems, besser Krankheitssystem, einen Deut um Einsparungen bei Medikamenten, bei ärztlichen Behandlungen, bei Operationen in Spitälern. Schwache Vertreter des Volkes im Bundesrat, dem kopflastigen BAG, dem von der starken Medizinlobby beeinflussten National- und Ständerat und dem von Eigennutz geprägtem Handeln der Kantone und den Krankenkassen, die das Ganze noch befeuern, fehlt es an Courage, zum Wohl der Bevölkerung, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, sich gegen den Druck und das Profitdenken der Player in diesem ungerechten Spiel, sich für eine für alle bezahlbare Gesundheitspolitik ein- und durchzusetzen.

    Wie lange wollen wir als Zahler*innen noch brav kuschen und dieses ungerechte Abzocker-System, voll mit falschen Anreizen gegen das Sparen, noch unterstützen? Es braucht politische Vorstösse zu einer grundlegenden und zielgerichteten Änderung des Systems z.B. à la Dänemark, keine Pflästerli-Politik, die hatten wir jetzt zur Genüge und für die Zahlenden ohne Erfolg. Wer braucht schon wirklich immer die maximale medizinische Gesundheitsversorgung und immer mehr neue und teure Operationen und Therapien? Gefördert werden sollten gut und breit ausgebildete Hausärztinnen und Hausärzte, inkl. Zusatzstudium Geriatrie/Gerontologie, die in den Gemeinden nah an den Patienten sind und viele spezialisierten Untersuchungen vermeiden und damit einsparen könnten. Wir ü65 sind übrigens ein steigender Teil, ca. 20 % der Bevölkerung, fast gleich viel wie die 20-30-Jährigen, Tendenz steigend.

    Wir brauchen nicht immer noch mehr überteuertes Spezialistentum. Da könnte der Bundesrat in eigener Regie viel zum Besseren verändern und umsetzen, und zwar subito. Es fehlt einzig an der Einsicht und dem Willen, endlich die Weichen in ein bezahlbares und menschenfreundliches Gesundheitssystem zu lenken. Denken wir im kommenden Wahljahr, welchen Werten wir Gewicht geben wollen.

    • Bravo…recht haben Sie. Doch wie können wir es ändern!?

      Hier würde ich gerne ansetzen und es einmal versuchen..alle Ü60..und die Jungen..wären absolut genug Stimmen.

      Herzlichen Dank

  2. Es erstaunt nicht, dass der Krankenversicherungsexperte Schneuwly nichts zur gesundheitspolitischen Strategie des Bundesrates von 2020 – 2030 schreibt. Dort findet sich nämlich acht Mal der Begriff «Über- Fehl- und Unterversorgung». Diese sind mit ein Grund für die ständig steigenden Gesundheitskosten. Darüber hinaus sind die Krankenkassen samt deren Experten Teil des Problems, verrichten sie doch Bullshitjobs, wie sie David Graeber in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2018 beschreibt. Diese zeichnen sich dadurch, dass sie kaum einen gesellschaftlichen Wert haben. Und nicht nur diese, auch die überbordende Bürokratie im Gesundheitswesen erbringt für die Patienten keinen wirklichen Nutzen, sondern verursachen die ständig steigenden Kosten mit und frisst den Behandelnden, Pflegenden und Therapierenden wertvolle Zeit weg. Diese fehlt ihnen die ihnen dann für ihre Arbeit bei den Patienten.

    Wir leisten uns in der Schweiz über 50 Krankenkassen für die Grundversorgung. Diese buhlen jetzt im Herbst auf allen Kanälen um Kunden. Die Abwerbungen und die damit verbundene Bürokratie kosten Millionen und erbringen keinen gesellschaftlichen Nutzen.

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