Der Bauer Ma bewirtschaftet sein Land mit Esel und Pflug. Als letzter Unverheirateter seiner Familie soll er Guiying, eine Frau mit schwacher Gesundheit, ehelichen. Li Ruijuns Spielfilm «Return to Dust» berührt mit einer zarten Liebesgeschichte und tiefsinnige Deutungen des Lebens. Ab 7. November im Kino.

Als letztes unverheiratetes Mitglied seiner Familie soll der mittellose Bauer Ma mit der körperlich angeschlagenen Guiying, die zudem über das im ländlichen China übliche Heiratsalter weit hinaus ist, eine arrangierte Ehe eingehen. Die beiden treffen als Fremde aufeinander, der Vereinzelung und Demütigungen gewohnt. Heiraten könnte alles nur noch verschlimmern, doch beide, von schüchterner Neugier geprägt, lernen Nähe zulassen, wachsen am gegenseitigen Respekt und der gemeinsamen Arbeit auf dem Feld.

Den Herausforderungen des oft harten Alltags stellt sich das Paar gelassen und behält ein unerschütterliches Vertrauen in die Natur. Bald wächst das Korn, legen die Hühner Eier, machen die beiden sich daran, ein neues Haus zu bauen. Selbst die Dorfbewohner, die nicht müde werden, sich über Ma und Guiying das Maul zu zerreissen, anerkennen mit leisem Neid, dass Ma so liebevoll zu seiner Frau ist wie keiner von ihnen. Ganz so selbstbestimmt, wie sie es gerne hätten, können die beiden jedoch nicht leben. Der Mann kommt nicht umhin, als einziger Dorfbewohner mit dem sogenannten Pan-da-Blut regelmässig für den kranken Grossgrundbesitzer zu spenden, und das Paar sieht sein traditionelles Leben zusehends durch staatliche Lenkungsmassnahmen bedroht.

«Return to Dust» hat es im Sommer nach wenigen Wochen auf Rang 1 im chinesischen Kino geschafft. Eine Meisterleistung für einen einheimischen Low-Budget-Film. Ebenso bewundernswert wie der Balanceakt, den der Regisseur nach Auflagen der Zensurbehörde vollbracht hat, um den Film überhaupt auf die grosse Leinwand zu bringen. Das erzwungene Happy End wird heute auf chinesischen Plattformen unterschiedlich gedeutet und weiterhin heiss diskutiert, auch wenn der Film Mitte September aus den Kinos verschwunden ist. (Am 15. September begann der Nationale Volkskongresses 2022! HS)


Im Kampf gegen die Natur

Vor dem Hintergrund des heutigen Chinas

Ausschnitte aus einem Interview mit Li Ruijun, das im Anhang integral abgedruckt ist:

Wer die Entwicklungen in China seit den 1980er-Jahren verfolgt, als die Politik der «Reform und Öffnung» unter Deng Xiaoping zu greifen begann, ist sich sehr wohl bewusst, dass die Errungenschaften trotz allem Pathos beträchtlich sind. Das Land hat sich geöffnet, die Lebensbedingungen von Hunderten Millionen Menschen in China haben sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verbessert. Aber auch persönliche Freiheiten und individuelle Lebensgestaltung wurden erstmals für unzählige Menschen möglich. Diese Entwicklungen waren vor allem in den städtischen Zentren gut sichtbar. Was dies im ländlichen China für Auswirkungen hatte, wo im Jahr 2020 immerhin vierzig Prozent der Bevölkerung, also rund 560 Millionen Menschen lebten, steht aber selten im Fokus der Aufmerksamkeit.

Der 1983 geborene Regisseur Li Ruijun ist selber auf dem Land aufgewachsen. Sein sechster Spielfilm bietet einen seltenen Einblick ins ländliche China. Im Vordergrund steht die Geschichte der arrangierten Ehe zwischen dem mittellosen, alternden Bauern Ma Youtie und der leicht beeinträchtigten Cao Guiying. Nach und nach wird deutlich, dass ihr Lebensraum und die Auswirkungen der staatlichen Politik ebenso im Zentrum des Films stehen. Der Regisseur hat in Interviews geäussert, wie wichtig es ihm ist, seine Filme in China zeigen zu können, obwohl er weiss, dass er sich damit der Zensur fügen muss. Vor diesem Hintergrund erhält sein Film eine besondere Bedeutung, auch wenn, oder gerade weil sein Kontext aufgrund der vielen zensurbedingten Auslassungen und Andeutungen nicht ganz einfach zu erschliessen ist.

Das Paar lebt in einem kleinen Bauerndorf in der nordwestchinesischen Provinz Gansu, der Heimat des Regisseurs. Das Gebiet liegt zwischen Tibet und der Inneren Mongolei, teilweise auch in der Wüste Gobi, und wird vom Gelben Fluss durchquert. Bergbau und Industrie gehören zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen, obwohl weiterhin ein Grossteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist. Diese sieht sich jedoch mit grossen Problemen wie Trockenheit, Bodenerosion, Desertifikation, aber auch Umweltverschmutzung und Landflucht konfrontiert. Die rund 27 Millionen Menschen zählende Provinz gilt als eine der ärmeren Regionen Chinas und wird von der Regierung mit Entwicklungsprojekten unterstützt.


Vom Nebeneinander zum Miteinander

Dem Film uns nähern: mit fremden Anmerkungen ...

Wenn uns in «Return to Dust» auch einiges unverständlich bleibt, enthält der Film unzählige Szenen, die uns sanft und gleichzeitig eindringlich mit wunderbaren Bildern und berührenden Handlungen in eine fremde Welt entführen.

«Li Ruijun entwirft mit diesem elegischen Drama eine feine und anrührende Parabel über die menschliche Natur», schreibt Teresa Vena.

«Eine zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Aussenseitern», hiess es im Radio Rundfunk Berlin Brandenburg.

«Eine tief berührende Parabel über die Arbeit am eigenen Glück», nennt es Dominic Schmid.

«Es gibt Filme, die wie diese chinesische Bauerntragödie auf den ersten Blick unpolitisch wirken, aber im Nachhinein in ihrer abgründigen Düsternis wie eine ästhetische Widerstandsgeste erscheinen», meint Andreas Kilb.


Wärmelampe zur Aufzucht ihrer Küken

… mit Sätzen aus dem Film

Der Film enthält Worte und Sätze, die man auf der Zunge zergehen lassen sollte, um ihre Schönheit und Weisheit sie spüren, über deren Sinn zu sinnieren und auf den Wert für uns zu befragen:

«Egal, ob du reich und mächtig bist oder ein gewöhnlicher Mensch, wenn du nur einen Sack Weizen säst, gibt die Erde ihn dir zehnfach oder sogar zwanzigfach zurück.»

«Künstlich gebrütete Küken haben keine Mutter. Wen immer sie zuerst erblicken, den betrachten sie als Mutter.»

«Mantou (Hefe-Grundnahrungsmittel) ist auf den Boden gefallen. Keine Angst. Es kommt doch alles aus der Erde. Die Erde lässt uns nie im Stich. Die Erde ist etwas Reines.»

«Der Regen bringt die Dachziegel zum Singen.»

«Damals habe ich gespürt, dass du ein guter Mensch bist und ich dich heiraten kann.»


Ein Haus, zu zweit erbaut

… und schliesslich selbstständig weiterdenkend

Immer wieder gibt es in diesem Film Momente, bei denen wir uns an Werke der Literatur oder Philosophie erinnern. So an «Warten auf Godot», wo jetzt Ma und Guiying, anstelle von Estragon und Wladimir, auf eine Antwort von Godot warten, im Einklang mit der Natur oder im Kampf gegen sie. – Zur Vertiefung des Mensch-Natur-Themas des Films möchte ich den grossartigen Essay von Andreas Iten, «Terrasophie, Plädoyer für ein sinnliches Naturverständnis» vorschlagen, der die Gedanken weiterführt.

Mit den zwei Menschen im Film wird vermieden, zum tausendsten Mal den Menschen als das vollkommene, ideale Wesen zu propagieren. Menschsein heisst auch krank, behindert, zitternd sein, wacklig auf den Füssen, das Wasser nicht zurückhalten können, bis man meint, den Urin auf Guiyings Bettlaken zu riechen. – Ein berührender Essay dazu sei empfohlen: Fulbert Steffensky, «Mut zur Endlichkeit», der die Überlegungen des Films weiterführt.

Die Szenen des Blut-Spendens, des Haus-Bauens, des Miteinander-Essens bedeuten stets mehr als nur das konkrete Hier und Jetzt, sie stehen für Allgemeingültiges, Existenzielles. Sie verweise beispielsweise auf Heideggers «Sorge als Sein des Daseins» beim gegenseitigen Helfen, an Kierkegaards «Krankheit zum Tode» in der Wiederholung des Staubs am Anfang und am Ende, an Fromms «Haben oder Sein» beim Durchdringen des staatskapitalistischen chinesischen Systems, an Camus› «Glücklichen Sisyphos» im Weitermachen und an die Bibel beim gemeinsamen Verspeisen eines Fisches.

Li Ruijun lässt uns mit «Return to Dust» teilhaben an einem Stück Wirklichkeit, wie es das Kino zu schaffen vermag, daran erinnernd, dass grosse Künstler nie Filme über ein Thema, sondern stets über ihr Leben und ihre Welt kreieren.

Titelbild: Ma und Guiying (v. l.)

Interview Li Ruijun: Vor dem Hintergrund des heutigen Chinas

Regie: Li Ruijun, Produktion: 2022, Länge: 133 min, Verleih: trigon-film