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Mit Goya die Welt zu deuten versuchen

Der spanische Regisseur José Luis López-Linares führt uns mit seinem Filmessay «Goya, Carrière & The Ghost of Buñuel» ins Leben und Werk des spanischen Malers Francisco de Goya ein. In seiner letzten Reise durch Spanien erfahren wir vom Moderator Jean-Claude Carrière, welche Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens Kunst zu vermitteln vermag. Ab 1. Dezember im Kino.

André Malraux bezeichnete Goya als den Letzten der Klassiker und Ersten der Moderne; Julian Schnabel ergänzte, Goya antizipiere mit seiner Vielfalt der Bilder und der Themen, des Krieges, der Migration, des Elends und der Stigmata der Verrücktheit, die heutige Welt. José Luis López-Linares und Jean-Claude Carrière, einer der produktivsten Drehbuchautoren aller Zeiten (unter anderen von «Belle de Jour» und «Land of Dreams» versprechen eine unterhaltsame, spannende und aufklärerische Reise.

Jean-Claude Carrière, Begleiter und Moderator

Ein Besuch bei Francisco de Goya, * 1746 in Aragon, 1828 in Bordeaux – mit José Luis López-Linares, Filmregisseur, Jean-Claude Carrière, Drehbuchautor, Luis Buñuel, Geistesverwandter, Bekannten, Freundinnen und Kennern

«Machen wir ein Loch in die Nacht, um zu sehen, ob es morgen Tag wird.» Mit diesem Liedtext beginnt der Film und zeigt, dass es bei «Goya» um mehr als ein konventionelles Biopic handelt, gefolgt von der Erklärung, es gehe in diesem Film um «eine Suche nach Goya und die Welt dahinter». Jean-Claude Carrière ist die ganze Zeit unser Führer zum grossen Spanier und zur Kunst allgemein.

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Ihr Dokumentarfilm porträtiert sowohl Goya als auch Jean-Claude Carrière. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen beiden?

Beide liebten Spanien, liebten es, alles infrage zu stellen, und liebten es, davon zu erzählen. Wie haben Sie mit Carrière an der Erzählung gearbeitet? Wir sind uns nur einig, dass wir beide Wein mögen, und dann folgte ich ihm mit meiner Kamera.

Sehen Sie Carrière als Führer im Film?

«Goya’s Ghosts» ist nicht nur ein Film über Goya. Mit «Goya, Carrière und der Geist von Buñuel» besuchten wir Orte, an denen Goya gelebt und gemalt hatte, und Jean-Claude sprach darüber, was ihm der Raum, die Gemälde und die Stimmungen der Orte nahelegten. Er hat ein enormes Wissen, kennt viele Anekdoten über Goya und hat eine schöne Ausdrucksweise sowohl auf Französisch wie auf Spanisch. «Als Künstler fasziniert die Idee, über das Sehen hinaus zu gehen.» Dafür scheut Carrière sich nicht, sich auch mit einem Astrophysiker wie Michel Cassé in neue Gefilde zu wagen.

Können Sie etwas zu den Zugfahrten im Film sagen, die wohl symbolisch zu versehen sind, weil Carrière wusste, dass es wohl seine letzten Fahrten durch Spanien würden. Warum haben Sie sich entschieden, den Film damit zu beginnen und damit abzuschliessen?

Der Film bietet sich als Reise an, die Goya und Carrière gemeinsam, und in gewisser Weise mit unserer Beteiligung, machen. Der Zug, ja, ist eine Metapher. Schon nach kurzer Zeit, in der uns Bilder um Bilder des Meisters vorgestellt und kommentiert werden, spüren wir, dass Goya ein «grosser Beobachter der Menschen» war. Er war mit vielen im Kontakt: mit den Herrschern, den Reichen in den Palästen, etwa der Familie Alba, vergisst deswegen aber nie, dass sein Herz für die Armen, Elenden und Kranken, die Ausgestossenen, Gefangenen und Geflüchteten schlägt.

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«Wir haben das Gefühl, auf einem interessanten Planeten zu leben. Mich haben die Neugier und das Mitgefühl ein Leben lang bereichert und angetrieben.» Dieses positive Lebensgefühl hält Goya nie zurück, auch nicht, mit seinen «schwarzen Gemälden» hinunterzusteigen in den Hades, seine Unterwelt, und abzubilden, was er dort gesehen hat, bunt und expressiv, mit Toten, Sterbenden, Gefangenen und Gequälten. Goya, Buñuel und Carrière kennen diese Welten und deren Narrativ, wurden sie doch alle in Aragon geboren.

Wie haben Sie die Struktur und den Schnitt des Films erarbeitet?

Mit meiner Lektorin Cristina Otero begann ich erst sehr spät mit der Strukturierung, mit dem Ablauf, der Montage. Natürlich hat dann der Tod von Jean-Claude vieles verändert.

Carrière sagt einmal, dass Goyas Gemälde uns dazu bringen, Fragen über uns zu stellen, dass grosse Künstler Dinge in uns sehen, die wir selbst nicht sehen. Als Filmemacher sind Sie auch Beobachter der Welt, wie Goya. Hat Sie dieser Film dazu gebracht, Fragen zu Ihrem eigenen Tun zu stellen?

Ich bin wie ein emotionaler Archäologe, jemand, der Ideen und Emotionen wie Fundgegenstände aufnimmt und weitergibt. Ich denke, dass ich meine Filme auch für Tote mache, für meine Eltern, meine Freunde, Chesterton und Miguel de Cervantes, Urgrossvater Alfredo, der in Cienfuegos kämpfte und starb, auch für Goya und natürlich für Carrière. Ich hoffe, der Film wird Jean-Claude gefallen.

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Nicht nur Einzelne, Gruppen, Gemeinschaften haben Goya fasziniert und herausgefordert, sie in ihrer Menschlichkeit zu porträtieren. Auch das Umfassende, die Politik und diese gleich in der Zeitenwende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Vor allem das Versagen der Aufklärung, der Absturz von der Revolution ins Chaos hat Goya aufgewühlt und zum Nachdenken gezwungen, bis er schliesslich Spanien verliess und nach Frankreich flüchtete.

Warum haben Sie sich entschieden, Ihren Film mit Szenen mit Carrière während der Dreharbeiten zu beginnen und zu beenden?

Es ist eine Art Hommage an Jean-Claude und auch eine Erinnerung an die Zeit, in der wir dort waren und gemeinsam den Film drehten.

Am Ende des Films verabschiedet sich Carrière von den zwei Bildern der «La Maja», der nackten und der bekleideten, in der Hoffnung, sie wiederzusehen.

Als er den Brief dazu schrieb, war er sich, das spüren wir an seinem Verhalten, seines nahen Todes bewusst. «Goya hatte eine wahre Enzyklopädie der Gefühle in sich und blieb mit 89 Jahren noch ein Kind», meint der feinfühlige Interpret abschliessend.

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Eine erste, eine zweite Reise endet und weitere beginnen wohl

Mehrmals kommt Carrière zurück zur nackten und zur bekleideten Maja in den Prado, die er seit fünfzig Jahren kennt und liebt. Berührend wird der Film, während er nochmals zu den beiden Frauen kommt und ihnen verspricht: «Ich werde versuchen, wieder zu kommen. Euch wünsche ich eine gute Nacht. Und bis bald, hoffe ich.» Doch dieses «bald» gibt es nicht mehr, denn kurz nach dem Abdrehen des Films ist Jean-Claude Carrière, 90-jährig, verstorben.

Sein Ableben erinnert an den Abschied, wie er sich bei Goya abgespielt haben soll: Nach einem Unfall, von dem er sich nur halbwegs erholt hatte, taub war er schon vorher, wurde er schwächer und schwächer, hauchte dann, kaum mehr verstehbar, zu den Freunden, die bei ihm waren: «Ya me muero. Jetzt sterbe ich.» Bewusst, wie er gelebt hat, ist der 92-Jährige gestorben.

Der reiche und abwechslungsreiche, unterhaltende und berührende Film von José Luis López-Linares, mit den Kommentaren von Jean-Claude Carrière, bleibt auch am Schluss nicht bei einer Frau, einem Mann, einem Kind, die kennenzulernen er ein Leben lang bemüht war. Jetzt erweitert er den Horizont auf die ganze Welt, auch auf das Hier und Jetzt. Es folgen Kriegsbilder, Fotos, Aufnahmen von zerstörten Städten, Ruinen aus verschiedenen Zeiten und verschiedenen Orten, die Carrière traurig und nachdenklich stimmen.

Dann erzählt der Film von einer Szene mit dem französischen Surrealisten André Breton. Dieser kam eines Tages weinend in die Wohnung seiner Freunde gestürzt und hat verzweifelt gefragt: «Was können wir heute noch tun nach Auschwitz?» Die Fotos, Gemälde und Grafiken, auch «Los Desastres de la Guerra» (1746 – 1812), die uns dazu gezeigt werden, bleiben wohl in unserem Geist und in unseren Herzen, während Carrière hinüberschwenkt in den Irak, nach Syrien, und wir die Orte wohl ergänzen mit Teheran, Minsk, Cherson, Myanmar und so weiter und so fort, wo heute vor allem Frauen, friedlich demonstrierend, sich opfern und hoffen, dass die Terrorregime der Männer bald untergehen und Frieden und Freiheit einkehren möge, wohlgemerkt leider, im Konjunktiv. Doch und dennoch: «Goya, Carrière & The Ghost of Buñuel» ist ein Film, der die Welt betrifft, der uns betrifft.

Titelbild: Die Erschiessung der Aufständischen, 1814

Regie: José Luis López-Linares, Produktion: 2022, Länge: 90 min, Verleih: Xenixfilm

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