FrontKulturHuman - Lehrstück einer magersüchtigen Frau

Human – Lehrstück einer magersüchtigen Frau

Lene Marie Fossen (1986-2019) hört im Alter von 10 Jahren auf zu essen, kämpft für den Rest ihres 33 Jahre dauernden Lebens mit ihrer Magersucht und wird autodidaktisch eine bedeutende Fotografin. Was können wir von ihr lernen?

Das Museum im Lagerhaus in St. Gallen unter der Trägerschaft der Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut hat gemäss seiner Website «zum Ziel, Interesse und Verständnis für die verschiedenen Bereiche der Outsider Art zu wecken und zu fördern.»

Eingang zum Museum im Lagerhaus mit Plakat zur Ausstellung (Foto bs)

Mit der Ausstellung «Lene Marie Fossen – Human», die noch bis zum 26. Februar 2023 zu sehen ist, gelingt Lene Marie Fossen, ideell begleitet von der Museumsleiterin Monika Jagfeld und der Kuratorin Ellen K. Willas posthum ein vortreffliches Lehrstück, welchem die Besucherinnen und Besucher nicht ausweichen können: Wir dürfen einen fragilen Menschen nicht auf seine Krankheit, seinen Flüchtlingsstatus oder auf sein hohes Alter reduzieren. Er ist auch in seiner Verletzlichkeit und Krankheit immer ein ganzer Mensch, dem Würde und Ehre gebührt. In drei fotografischen Porträtserien erhält diese Botschaft ihren unmissverständlichen Ausdruck.

1. Ich bin krank, aber nicht nur! Wie ohnmächtig müssen sich Eltern fühlen, wenn ihre Tochter mit 10 Jahren aufhört zu essen und nur noch Flüssignahrung zu sich nimmt? Was fühlen sie, wenn sie sehen, wie ihr Kind bis auf die Knochen abmagert und gelegentlich zwangsernährt werden muss. Lene wollte, wie sie später sagt, die Zeit einfrieren und weder die Pubertät durchmachen noch erwachsen werden. Von aussen gesehen ein selbstzerstörerischer Raubbau an sich selbst. Im 72-minütigen Dokumentarfilm Self Portrait von Margreth Olin, Katja Hogset und Espen Wallin über Lene Marie Fossen, der an der Ausstellung in St. Gallen gezeigt wird, erhalten wir einen Einblick, wie Mutter und Vater mit der Krankheit ihrer Tochter umgehen und wie Lene ihre Krankheit zu einer Darstellung menschlichen Leidens überhaupt werden lässt.

Hier drei Selbstporträts in einem zur Ruine gewordenen Lepra-Krankenhaus, das Lene auf der Insel Chios, wo die Familie oft Ferien macht, entdeckt:

Lene Marie Fossen (1986–2019), Ohne Titel, Chios 2017, 8031835 Fotografie         © Courtesy WILLAS contemporary

Lene Marie Fossen (1986–2019), Untitled, Chios 2016, Fotografie, Titelbild zum Film, Archival pigment print © Courtesy WILLAS contemporary

Im Film fragt die Tochter ihre Mutter «Schämst du dich für mich?», worauf die Mutter ihre Tochter umarmt und sagt, sie sei stolz auf sie. Sie liebt ihre Tochter, auch wenn sie vieles nicht versteht.

Self Portrait, 2019, Film still (8) © Espen Wallin

Fossen will als Künstlerin, nicht als Magersüchtige gesehen werden und sagt: «Ich bin nicht das, was sie sehen, sondern das, was ich sehe» und «Ich bin in erster Linie Künstlerin und dann bin ich krank. In meiner Arbeit geht es nicht um Essstörungen. Es geht um menschliches Leid.» Ab 2011 zeigt Fossen ihre Werke in Galerien. Internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung erhält sie 2017 an einer grossen Ausstellung ihrer Werke am Nordic Light Festival of Photography in Kristiansund, zusammen mit dem norwegischen Fotografen Morten Krogvold. Nicht nur für ihn ist sie ein «absolutes Ausnahmetalent».

Self Portrait, 2019, Film still, Lene Marie Fossen und der Fotograf Morten Krogvold © Espen Wallin

2. Sie sind Flüchtlinge, aber nicht nur! In den Porträts von Kindern, die im Jahre 2015 als Flüchtlinge auf der Insel Chios gestrandet sind, zeigt Lene Marie Fossen das Leiden der geflüchteten Kinder, ihre Traumatisierungen, aber auch deren Würde. Indirekt weist sie auf die Verbrechen hin, die zu diesen «Flüchtlingsströmen» führen.

Lene Marie Fossen (1986–2019), Flüchtlingskind, Chios VIII 2015 Fotografie © Courtesy WILLAS contemporary

3. Sie sind alt, aber nicht nur! In den fotografierten Gesichtern von alten Menschen aus Chios kann ein ganzes Leben herausgelesen werden, mit Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden, mit allem, was einen Menschen ausmacht.

Lene Marie Fossen (1986–2019), Frau, Chios 2017, 8270022 Fotografie  © Courtesy WILLAS contemporary

Lene Marie Fossen zeigt uns, dass Menschen sich nicht durch Rollen, Zuschreibungen, Vorurteile determinieren und sich selbst nicht als «anorektisch», «dement», «leidend», «hochaltrig» usw. etikettieren lassen müssen. Sie können sich auch anders fühlen, anders sein, sich ausserhalb dieser Kategorisierungen bewegen und sich frei auf ihre persönliche Art und Weise ausdrücken.

Titelbild: Lene Marie Fossen (1986–2019), Ohne Titel, Chios 2017, 1012519 Fotografie © Courtesy WILLAS contemporary

Website des Museums im Lagerhaus mit Hinweisen auf weitere Veranstaltungen
im Zusammenhang mit der Ausstellung «Lene Marie Fossen – Human»

Der 72-minütige Dokumentarfilm «Self Portrait» mit einem Nachgespräch mit der Psychiaterin Dr. Brigitte Remy ist abrufbar (Minute 7 bis 1:16) unter https://www.youtube.com/watch?v=Yx2dZ7x3-rk

 

 

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