StartseiteMagazinKulturEs ist nichts so fein gesponnen …

Es ist nichts so fein gesponnen …

«Warm eingekuschelt auf dem Sofa zu lesen» sollte als Ratschlag auf dem Cover des fünften Kopenhagener Krimis der dänischen Schriftstellerin Katrine Engberg stehen. Mittelpunkt der Story ist die Ferieninsel Bornholm. Im Winter allerdings, wenn die einheimische Bevölkerung mit sich, dem nebligen Wetter und ihren dunklen Geheimnissen allein ist.

Mit «Wintersonne» setzt Katrine Engberg, Tänzerin, Choreografin, Regisseurin und Autorin einen Schlusspunkt unter ihre fünfteilige Romanserie rund um die Kopenhagener Kriminalermittler Jeppe Körner und Anette Werner. Jeppe arbeitet jetzt allerdings als Waldarbeiter auf Bornholm – er braucht Abstand von Beruf, Liebe und einfach allem. Seine alte Freundin Esther de Laurenti reist ebenfalls auf die Insel; sie schreibt an einer Biografie über eine Anthropologin und ist von deren Tochter eingeladen, in ihrem Elternhaus den schriftlichen Nachlass der Wissenschaftlerin zu sichten.

Das sind die ersten Erzählstränge, die sich von Kopenhagen zur Insel Bornholm und in die Vergangenheit ziehen. Es sollen schnell weitere dazukommen, bis ein ganzes Geflecht an Schicksalen, Intrigen, Lügen und Gefühlen sich über die wintergraue Insel und bis in die dänische Hauptstadt zieht.

Grausiger Fund

Erst wird es deftig: In einem alten Koffer wird eine Leiche gefunden, genauer, eine halbe. Akkurat durchgesägt von Schritt bis Kopf. Und bereits ziemlich verwest. Wie diese grausige Tötung vor sich ging, wird zu Beginn des Buches skizziert. Die Spuren weisen nach Bornholm, der dänischen Ostseeinsel, die im Sommer von Touristenströmen überflutet wird. Aber jetzt ist es dort ziemlich einsam, öde und kalt. Kein gutes Umfeld für Anette Werner, die sich nach ihrer kleinen Familie sehnt und sich mit einer Bevölkerung herumschlagen muss, die ihre Ruhe haben und nicht mit Fragen belästigt werden will. Zum Glück ist Jeppe ganz selbstverständlich an ihrer Seite und auch eine junge Kollegin von der Insel hilft ihr, sich durch das Dickicht an Vermutungen und Anschuldigungen zu lavieren.

Bornholm: Im Sommer Touristenmagnet, im Winter öd und verlassen. (pixabay)

Mit einem Kunstgriff schafft die Autorin zwei Ebenen, die zeitlich divergieren und doch miteinander zusammenhängen: Die Korrespondenz der verstorbenen Anthropologin, die Esther gerade sichtet und das aktuelle Beziehungsgeflecht auf der Insel. Ein verbindendes Element ist der Sohn der Anthropologin, der aber verschwunden ist. Oder ist eine Hälfte von ihm schon aufgetaucht? Möglich wäre es, denn so ganz sauber soll seine Weste nicht gewesen sein.

Unerwartete Wendungen

Der Fund eines zweiten Koffers mit demselben Inhalt, die Erfahrung, die Jeppe mit der Kreissäge macht, weil er die Nase in eine verlassene Sägerei gesteckt hat, das Jugendtrauma der Biografin Esther und noch einiges mehr fügt sich zu einem dichten Geflecht zusammen, wo erst ganz zum Schluss der richtige Faden gefunden wird. An dem gezogen, löst sich der zuvor noch wirre Knäuel an alten Geschichten und neuen Konflikten auf – nein, nicht so, wie man vermutet hat, aber trotzdem schlüssig. Ein wahres Lesevergnügen, das sich mit etwas Glühwein und einer warmen Decke auf dem Sofa noch steigern lässt.

Katrine Engberg: Wintersonne. Diogenes Verlag, 2022. ISBN 9783257072044

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